Nachruf auf F.W. Bernstein

Sein bekanntestes Sprichwort, das mittlerweile in den Sprachschatz der Deutschen eingegangen ist und zum geflügelten Wort wurde – »Die größten Kritiker der Elche waren früher selber welche« – wurde Zeit seines Lebens meistens seinem Kollegen Robert Gernhardt oder anderen zugeordnet. Und dies war symptomatisch für das Leben des zurückhaltenden, höflichen, sich nie vordrängelnden Dichters und Zeichners Fritz Weigle, der besser bekannt war unter seinem nome de plume F.W. Bernstein.
Und auch die Episode, die Harry Rowohlt immer wieder gerne erzählte, passt ganz gut zu Bernstein, denn sie beleuchtet seinen hintergründigen, ja dezenten Witz, der nicht auf einen Brüll-Effekt hin ausgerichtet war. Gernhardt jedenfalls habe sich eines Tages darüber beschwert, dass er (Gernhardt) ihn (Bernstein) ständig erwähne, er (Bernstein) ihn (Gernhardt) jedoch nie, worauf Bernstein erwiderte, er (Gernhardt) solle doch sein (Bernsteins) Opus Magnum abwarten, »Der Erwähnte«.
Der 1938 geborene Fritz Weigle studierte an der Stuttgarter Kunstakademie, wo er Robert Gernhardt kennenlernte. Bald schon gingen die beiden nach Berlin, wo er an der Hochschule der Künste seinen Abschluss machte. 1966 begann er seine pädagogische Karriere als Kunsterzieher an verschiedenen Schulen, bis er in Berlin an seiner alten Ausbildungsstätte 1984 bis zu seiner Emeritierung 1999 Professor für Karikatur und Bildgeschichte war. Mitte der Sechziger war er Mitbegründer einer Gruppe, die unter dem Namen »Neue Frankfurter Schule« Satiregeschichte schreiben sollte. Seine Mitstreiter waren der erwähnte Robert Gernhardt, Eckhard Henscheid, F.K. Waechter, Chlodwig Poth, Bernd Eilert, Peter Knorr und Hans Traxler, die fast alle berühmter und erfolgreicher wurden als F.W. Bernstein, dessen flüchtiger Antikunst-Stil beim großen Publikum nie markttauglich war.
Und erwähnt werden muss auch, dass er in den frühen Sechzigern das damals tonangebende Satiremagazin »Pardon« mitgestaltete, daß er beteiligt war an dem legendären Büchlein »Die Wahrheit über Arnold Hau« und zusammen mit Robert Gernhardt und Friedrich Karl Waechter »WimS – Welt im Spiegel« machte.
Bernstein hat von diesem frühen Ruhm nie sonderlich viel abbekommen, dennoch blieb er selbst als großer Außenseiter der Altmeister der Karikatur, ein genialer Kritzler, der mal so eben schnell nebenbei Hintuscher, der »König der Zeichner« und der Künstler, über den Bernd Rauschenbach einmal sagte: »Er ist der abwechslungsreichste, experimentierfreudigste, detailversessenste, wurschtigste, klügste, farbempfindsamste, rücksichtsloseste, höflichste, gewaltsamste, produktivste, innovativste, traditionsbewußteste, bescheidenste, realistischste, literarischste, nuancenreichste, musikalischste, schwungvollste, überraschendste, wagemutigste Zeichner, den ich kenne.«
Und so ist es. Obwohl das mit dem »gewaltsamsten« wäre schon interessant gewesen. Eine bislang verkannte Seite von F.W. Bernstein? Bernstein als Terminator unter den Zeichnern? Rauschenbach hat allerdings einen Superlativ vergessen, und zwar war F.W. Bernstein einer der Unterschätztesten, denn zweifellos hat er sich auf dem Gebiet des Zeichnens, Malens, des Dichtens und des Humors mehr Meriten erworben als Künstler, die mit irgendwelchen kitschigen Großplastiken Millionen verdienen. Aber ein Vergleich mit solchen Leuten verbietet sich auf der Stelle, denn das Gewese und Getue, eitle Gespreize und aufgeregte Schnattern lag F.W. Bernstein immer fern.
Bernstein hat nicht mehr zählbare Ausstellungen und Bücher gemacht, Beiträge zu anderen Büchern oder in Zeitschriften geschrieben und gemalt, er hat vorgelesen, wurde mit Preisen geehrt, und keiner hat es wohl mehr verdient als er, der auch eine umfangreiche Korrespondenz auf Postkarten pflegte mit einem Gruß, einem Gedicht und einer Zeichnung, Originale, die er verschwenderisch an alle Freunde zu verschicken pflegte und die allein schon ein Opus Magnum ergeben würden. Jetzt ist er am 20. Dezember nach einer langen Krankheit verstorben.
Wir sollten uns sein Vermächtnis zu Herzen nehmen, das in seinem Gedicht »Lest, Verdammte dieser Erde« formulierte: »Lest Gedichte, lest, ich werde / Euch gleich sang wozu. / Weil wir Dichter wie die Sterne / lärmen, reimen wir so gerne / gehm wir keine Ruh /Dubidubiduuu.«

Die Wahrheit über den 17. Spieltag

Nachdem es die Dortmunder in Düsseldorf erwischt hatte und sie ihre erste Niederlage hinnehmen mussten, ging mir wieder die Szene aus »Farewell my lovely« durch den Kopf, als Mitchum alias Philipp Marlowe mit seinem Zeitungshändler und Freund wettet, wie lange die unglaubliche Siegesserie von Joe DiMaggio noch anhalten würde, die ihm die Gunst sogar von Marylin Monroe einbrachte. Während des ganzen Films eilt DiMaggio von Sieg zu Sieg, aber als der Fall gelöst war, schnappt sich Marlow nach einem anstrengenden Tag eine herumliegende Zeitung und erfährt von der ersten Niederlage seines Helden, ausgerechnet gegen zwei mittelmäßige Spieler, wie man aus dem Off erfährt. Und genau das denke ich auch immer, wenn es gegen solche Gegner wie Düsseldorf geht, bei denen sich fast jede Mannschaft bedient, und dann kommt einmal ein vernünftiger, attraktiver, glamouröser Gegner vorbei und schon geben alle Spieler 200 Prozent, als ob es um ihr Leben ginge, denn das ist es schließlich, das sie ihren Enkeln mal erzählen können, dass sie gegen den großen BVB gewonnen haben. Gegen Gladbach musste man sich hingegen weniger Sorgen machen, denn bei denen ging es nur darum, vielleicht auf drei Punkte an die Dortmunder heranzukommen, d.h. sie konnten sich nicht hinten reinstellen und sich vorne auf eine schnelle Spitze und eine schlafmützige BVB-Innenverteidigung verlassen. Leider wurde das Spiel weit weniger attraktiv als gedacht, vielleicht weil beide Mannschaften doch ziemlich ersatzgeschwächt in das Spiel gingen, weil beide Spielsysteme auf kontrollierte Offensive setzten, und natürlich auf Ballbesitz. Wie der Gladbach-Trainer Hecking am Ende durchaus richtig sagte, der Unterschied bestand darin, dass Gladbach mehr Fehler machte und Dortmund daraus resultierend mehr Möglichkeiten besaß, wie Reus in der 20. Minute nach einer genialen Kombination, der an Sommer scheiterte, den er aber hätte machen müssen. Dafür war es wieder einmal Sancho, bei dem es aussah, als würde er ausgerechnet in aussichtsreicher Situation das Spiel verzögern, so dass sich die Gladbacher wieder ordnen konnten, aber selbst das scheint ihn nicht aufzuhalten. Eine Finte, ein schneller Antritt und aus spitzem Winkel das überraschende 1:0. Dieser Mann ist so gut, dass er nicht mehr lange beim BVB spielen wird, und das ist schade. Merkwürdig hingegen der Formverfall von Pulisic, dem nichts mehr zu gelingen scheint. Jedenfalls ist es nicht gut, wenn die Leistung einer Mannschaft so stark von einer Person abhängt. Und sie tut das viel mehr von Sancho als von Reus, den viele für den Spieler den Hinrunde halten, aber Reus bleibt wie ein normal Sterblicher immer wieder hängen, versiebt Chancen und ist jetzt nicht wirklich so schnell, dass gegnerische Spieler nicht mitkommen würden. Das ist zwar eine Klage auf hohem Niveau, aber Sancho vollbringt Dinge, denen man auch bei näherem Hinsehen nicht auf die Schliche kommt, dabei ist er schnell und kann Gegner auf sich ziehen und sie wie Statisten stehen lassen, als würde er zur Familie der Incredibles gehören. Erst an ihm sieht man, wie schlicht die anderen spielen, wie weit selbst ein Schmelzer oder Pisczcek dahinter zurückbleiben, selbst wenn sie einen guten Tag haben. Allerdings scheint die Zeit von Schmelzer tatsächlich abgelaufen zu sein, denn Hakimi ist in seinen Vorstößen um einiges gefährlicher und rennt nicht nur mit dem Ball nach vorne, nur um beim ersten Gegner abzustoppen und den Ball wieder zurückzuspielen. Leider ist Hakimi von Madrid nur ausgeliehen und wird bei seinen Leistungen wohl kaum loszueisen sein. Und was macht Frankfurt? Schon wieder verloren. Diesmal auch noch gegen Bayern. Wenn das mal keine Wettbewerbsverzerrung ist. Die Eintracht sollte dringend seinen Trainer entlassen.

LSD-Kapitalismus

Das Buch mit dem Titel »Kanaillenkapitalismus«, der Beschimpfung, Anklage und Kampfansage anklingen lässt, ist ein Werk, das sich nicht so ohne weiteres dem Leser erschließt, denn schon im Prolog des spanischen Soziologen César Rendueles erfährt man zwar viele interessante Dinge, aber wie sich diese in der eher assoziativen Vorgehensweise des Autors einfügen lassen, wie er sein Buch gerne verstanden wissen will, worauf er hinaus will, was seine These ist, all das also, was man vom Autor in der Vorbemerkung erwartet, wird man nicht wirklich finden. Stattdessen die im Hintergrund mitschwingende Ansage, dass eine ausgefeilte theoretische Kritik am Kasinokapitalismus nutzlos ist, wenn wir uns nicht von der uns »lähmenden Unterwürfigkeit befreien«. Vielleicht weil die Bedingung der Nützlichkeit nur unzureichend gegeben ist, wendet er sich einer Art Experiment zu, nämlich »mit Fragmenten der Fiktion die Spuren realer Prozesse zu rekonstruieren, die sich im LSD-Rausch des zeitgenössischen Kapitalismus verflüchtigt haben«. Aber nicht nur die Wortwahl (Fragmente, Spuren, verflüchtigen) weist darauf hin, dass hier etwas verhandelt wird, das alles andere als gesicherte Erkenntnis ist, auch die Interpretation der benutzten literarischen Texte ist »rein subjektiv« und die autobiografischen Fakten spiegeln laut Autor nur das wider, was sich in seinem Kopf zugetragen hat. Damit zumindest gaukelt der Autor mit Sicherheit nichts vor, was er möglicherweise nicht einhalten könnte, und tatsächlich bleibt manchmal unklar, wie sich seine autobiografischen Anekdoten in die »fiktive Chronik der politischen Dilemmata unserer Zeit« einfügen lassen.
Dennoch ist sein Ansatz, wie sich in Romanen, Lyrik und Theaterstücken – wenngleich die Auswahl willkürlich und subjektiv ist – die kapitalistische Evolution widerspiegelt, nicht nur aufschlussreich und spannend, sondern man entdeckt immer wieder verstreut umherliegende Kleinode der Erkenntnis, und das ist manchmal ja vielversprechender als eine kohärente Theorie. Rendueles versteht es immer wieder, den Blick auf brisante und unerwartete Zusammenhänge zu lenken, wobei er nie den geringsten Zweifel daran aufkommen lässt, dass er leidenschaftlich einen Kapitalismus ablehnt, der in all seinen diversen Ausformungen Elend und Mord hervorgerufen hat, verantwortet häufig von Herrschenden, die sich nicht nur von Habgier und Macht leiten ließen, sondern die mit einem gewissen historischen Abstand nur als schwachsinnig eingestuft werden konnten.
Das klassische und gut dokumentierte Beispiel ist Leopold II., dessen Herrschaft mehr als zehn Millionen Kongolesen das Leben kostete, weil die imperialen Mächte 1884 auf der Berliner Konferenz Afrika unter sich aufteilten und der Freistaat Kongo als persönliches Eigentum des belgischen Königs anerkannt wurde. Und die zunächst harmlose Anekdote von einem schottischen Tierarzt, der für das Dreirad seines Sohnes luftgefüllte Gummischläuche erfand, damit das Gefährt nicht so einen Krach machte, ebnete den Weg in die Katastrophe. Der Name des Erfinders war John Dunlop und seine Schläuche lösten einen Kautschukboom aus mit dramatischen Folgen für Millionen Menschen nicht nur im Kongo, wo Leopold II das Land in eine Monokultur verwandelte, und das auf äußerst brutale Weise. Die Saturday Review berichtete damals unter Berufung auf Augenzeugen von einem »System der Peinigung« und davon, wie ein »gewisser Kapitän Rom … seine Blumenbeete mit Köpfen ermordeter und enthaupteter Eingeborener zu schmücken pflegte«. Für den polnischen Schiffskapitän Józef Korzeniowski war das nichts Neues, denn er hatte zehn Jahre zuvor bei einem auf die Förderung von Kautschuk und Elfenbein spezialisierten Unternehmen angeheuert. Acht Monate lang war er mit einem Boot auf dem Kongo gefahren und im Urwald mit einer gespenstischen, irrealen Welt konfrontiert, die er dann unter dem Namen Joseph Conrad in dem Roman »Herz der Finsternis« beschrieb. Er machte in Europa eine Geisteshaltung aus, wie sie in Mr. Kurtz zum Ausdruck kam: »Rottet sie alle aus, die Tiere!«
Auf ähnliche Weise spürt Rendueles der Realität in Célines »Reise ans Ende der Nacht« nach, er lässt Ilja Ehrenburg in seinem Roman »Die ungewöhnlichen Abenteuer  des Julio Jurenito« die wachsende Unordnung in Europa erzählen, es tauchen Ernst Jüngers »In Stahlgewittern« auf, Remarques »Im Westen nichts Neues« (es fehlt allerdings Amblers »Die Maske des Dimitrios«) und er geht der Frage nach, warum der unglaublich tröge Roman »On the road« von Jack Kerouac so großen Erfolg hatte. Auch Sue Townsends »Adrian Mole« kommt vor, der uns deshalb so komisch erscheint, weil er sich als Versager auf absurd lächerliche Weise den Anforderungen des im Thatcher-England gepflegten neoliberalen Lebensstils anzueignen versucht. Und hier wird vielleicht besonders deutlich, wie im Prozess der neoliberalen Globalisierung »99 Prozent von uns freiwillig die Kontrolle über unser Leben an Fanatikern abgetreten haben, die einer wahnhaften Wahrnehmung der sozialen Realität unterliegen«. Angesichts des Klimawandels und der Flüchtlingsströme fällt es einem schwer, dieser Diagnose zu widersprechen. Was große Literatur, die hier von Rendueles verhandelt wird, von den im üblichen Strickmuster fabrizierten Bestsellern unterscheidet, dass wir in ihr mehr oder weniger bewusst erkennen, was uns quält, weil sie beim Leser eine Saite zum Schwingen bringt, deren Klang wir so schnell nicht vergessen.

César Rendueles »Kanaillenkapitalismus. Eine literarische Reise durch die Geschichte der freien Marktwirtschaft«, aus dem Spanischen von Raul Zelik, Berlin, edition Suhrkamp 2018, 18,00 Euro

Die Wahrheit über den 15. Spieltag

So wie die Werderaner im Westfalenstadion auftraten, kann man kaum glauben, dass sie nur 21 Punkte auf dem Konto haben, und auch nicht, dass sie zwar zuletzt gegen Düsseldorf gewannen, die fünf Spiele davor aber nicht. Sie traten nicht so auf, als ob sie einfach nur eine Niederlage verhindern wollten. Und waren dadurch für die schnellen Stürmer des BVB anfällig. Und es ging auch bald zur Sache, denn schon in der 11. Minute wurde Reus klar im Strafraum gefoult, aber der Schiedsrichter, der offensichtlich etwas gegen die Schwarzgelben hatte, winkte sofort ab. Zwar kann man ein Foul übersehen, selbst wenn man in unmittelbarer Nähe steht, aber wofür wurde dann der Videobeweis eingeführt? Bei der anschließenden Zeitlupe war für jeden ersichtlich, dass Klaassen Reus am Fuß erwischt hatte. Kurz darauf hatte Alcacer per Lupfer eine große Chance, aber wieder war es Klaassen, der den Ball noch von der Linie wegkratzte, sich dabei aber so verletzte, dass er kurze Zeit später vom Feld gehen musste. Der für ihn eingewechselte Möhwald beging auch gleich ein Foul an Reus. Der Freistoß war eine sehr lustige noch nie gesehene Variante, bei der Guerreiro den Freistoß zunächst antäuschte, so dass jeder dachte, Reus würde stattdessen schießen, während der zunächst ins Leere gelaufene Guerreiro umdrehte und den Freistoß nun doch ausführte, was die Bremer offensichtlich so verwirrte, dass niemand in den nun völlig verwaisten Strafraum mitlief, wo Alcacer per Kopfball zum 1:0 einnickte. Aber auch dieser Treffer sollte wegen Abseits nicht gegeben werden. Diesmal allerdings hatte der Videomann ein Einsehen und gab dem Schiedsrichter den richtigen Tipp. Ein schneller Angriff auf den anderen rollte auf die Werderaner Abwehr zu, die einige Chancen zwar vereiteln konnte, aber viele eben auch nicht, so dass der BVB viel mehr Tore hätten schießen müssen als die zwei, die am Ende an der Tafel standen. Und als der überragende Kruse mit einem Glücksschuss, der bei einem Könner wie ihm nicht wirklich ein Glückschuss war, auf 2:1 herankam, ließ einen der BVB bis zum Schluss bangen, ob nicht doch noch irgend ein krummes Ding reingehen würde. Retrospektiv sieht man zwar sofort, dass der Sieg der Dortmunder mehr als verdient war, aber bei einem so knappen Vorsprung muss man immer mit allem rechnen. Und auch wenn das wahrscheinlich alle auf dem Rasen wissen, gerieten die Dortmunder deshalb nicht in Hektik wie in der letzten Saison, sondern blieben cool und konzentriert bis zum Spielende. Bis zum Schluss setzten die Bremer die Dortmunder unter Druck, die sich immer wieder spielerisch befreiten und nicht einfach nur den Ball nach vorne bolzten. Der BVB hat wieder ein Zeichen gesetzt für das schöne Spiel. Schnelle, scharfe und direkte Pässe sind das Markenzeichen. Dafür stehen vor allem Reus, Sancho, der auch diesmal wieder eine Vorlage beisteuerte, und Alcacer, der bereits sein 11. Tor schoss, und auch Guerreiro sieht man an, dass er unbedingt wieder in die Startelf zurückkehren will. Es ist ein großer Genuss, dieser Elf zuzusehen, die jetzt 9 Punkte Vorsprung auf den 2. Gladbach hat, denn die »Fohlen« holten in Hoffenheim durch ein glückliches torloses Remis nur einen Punkt. Ins Westfalenstadion kehrte der an Bremen verkaufte Nuri Sahin zurück und wurde von der Südkurve wie ein verlorener Sohn gefeiert, und das war mal wieder ein schöner Moment für Nostalgiker wie mich.

Die Wahrheit über den 14. Spieltag

Reus kündigte vor dem Derby gegenüber den Fans Wiedergutmachung an, denn das letzte Aufeinandertreffen war ein Desaster, weil der BVB eine 4:0-Führung zur Halbzeit noch verspielte, als Naldo in der Nachspielzeit noch der Ausgleichstreffer gelang. Das war ein großer Knacks im Dortmunder Mannschaftsgefüge, der sich den ganzen Rest der unglückseligen letzten Saison hinzog. Die letzten fünf Derbys konnte der BVB nicht mehr gewinnen, aber diesmal standen die Chancen so gut wie selten nicht mehr, denn Schalke hatte zu Saisonbeginn nicht nur eine beeindruckende Serie von Niederlagen hingelegt, auch in der Folgezeit konnte man gerade mal vier Siege verbuchen, nicht viel für Teilnehmer der CL. Aber da man weiß, dass ein gewonnenes Derby jede vermurkste Saison retten kann, konnte man nicht im vornherein sicher sein, dass ein Sieg der Dortmunder glatt über die Bühne gehen würde. Und er ging auch nicht glatt über die Bühne, denn Tedesco setzte auf ein besonders fieses Mittel, um die Überlegenheit der Dortmunder zu brechen. Er setzte auf Kampf, Fouls, Übermotivation und Provozieren des Gegners. In diesem speziellen Fach fiel besonders Caligiuri auf, der nach dem ungerechtfertigten Ausgleich durch einen Elfer eine Rudelbildung auslöste mit Schubsern und Rangeleien, die er dazu nutzte, sich theatralisch fallen zu lassen. Und Burgstaller verletzte sich bei einer ebenso übermotivierten wie sinnlosen Grätsche, weil der Dortmunder eben viel zu schnell war, und auch die Gegenspieler von Sancho mussten eine Demütigung nach der anderen über sich ergehen lassen, weil der kleine Engländer die Schalker auch zu zweit oder zu dritt immer wieder schlecht aussehen ließ. Die Dortmunder ließen sich nicht aus dem Konzept bringen, blieben ruhig und spielten ihre technische Überlegenheit aus, die allerdings häufig genug von der Schalker Robustheit unterbrochen wurde. Tedesco zog sogar trotz Kälte seine Jacke aus, um seinen Spielern zu signalisieren, dass sie noch einen Zacken zulegen sollten, was taktisch gesehen ein bisschen dürftig ist. Er erreichte durch diese Vorgaben an seine Mannschaft nur das brutale Einsteigen beispielsweise von Sané, der bei einer Ecke im Dortmunder Strafraum ohne die geringste Chance an den Ball zu kommen sich straflos in einer Spielertraube wuchtete und dabei Witsel so am Kopf traf, dass es an ein Wunder grenzte, dass der Belgier anschließend noch weiterspielen konnte. Wunderschön anzusehen waren nur die Dortmunder Aktionen, wie die, die zum 2:1 durch Sancho führte nach Doppelpass mit Guerreiro. Am Ende hätte Dortmund eigentlich ein, zwei Tore mehr schießen müssen, denn Reus vergab noch eine Riesenchance und Guerreiro traf nur den Pfosten. Dennoch war es keine Gala, weil nicht nur Schalke, sondern auch die anderen Bundesligamannschaften versuchen ihre technische Unterlegenheit durch defensive Härte zu kompensieren. Wichtig war der Sieg vor allem deshalb, um die Bayern, die gegen schwache Nürnberger 3:0 gewannen, auf Distanz zu halten. Zwei andere Verfolger hingegen ließen Federn, Leipzig ging in Freiburg gleich 3:0 unter, während leider auch die Eintracht mit seinem hochgelobten Sturm die zweite Niederlage hintereinander hinnehmen musste, und das ausgerechnet in Berlin, weil die Frankfurter zu spät aufdrehten und nach einem klaren Foul von Grujic an Jovic keinen Elfmeter zugesprochen bekamen.

Die Wahrheit über den 13. Spieltag

Dass das Heimspiel der Dortmunder gegen Freiburg kein Selbstläufer werden würde, war zu erwarten, denn nicht nur fordern trotz großen Kaders die englischen Wochen ihren Tribut, auch versuchen die gegnerischen Trainer natürlich ein Rezept zu finden, um die Offensive der Dortmunder möglichst wirkungslos zu machen, weil nach diversen Spielen zu sehen war, dass die meisten Bundesligavereine auf diesem Niveau nicht mithalten können. Wenn sie das Spiel offen gestalten wollten, also selbst in die Offensive gehen wollten, dann konnte es hin und wieder sein, dass sie eine ordentliche Packung bekamen. Also verfiel der Freiburg-Trainer Streich auf die naheliegende Idee, mit einer Fünferkette die Räumen möglichst so eng zu machen, dass sie sich spielerisch nur schwer aushebeln ließ. Natürlich kommt unter solchen Voraussetzungen kein spannendes Spiel zustande. Und so war es auch an diesem Abend in Dortmunder Stadion, wo das Spiel fast ausschließlich in der Freiburger Hälfte stattfand, es also lediglich um die Frage ging, würde es den Dortmundern gelingen, den Riegel zu knacken, oder würden sie sich die Zähne daran ausbeißen, was erfahrungsgemäß nicht sonderlich attraktiv ist. Zudem war es merkwürdig still im Stadion, weil die Fans gegen die zunehmende Kommerzialisierung im Fußball protestierten, ein Kampf gegen Windmühlen, denn weder die Vereine noch dazn oder sky werden damit aufhören, aus der Leidenschaft für den Fußball pekuniär alles herauszupressen, was nur irgendwie geht. Trotz dieser Widrigkeiten, versuchten die Dortmunder, mit schnellen Kombinationen die Abwehr in Verlegenheit zu bringen, was ihnen hin und wieder auch tatsächlich gelang. Vor allem Sanchez ist kaum zu bremsen, und man fragt sich, wie es in so kurzer Zeit zu dieser Leistungsexplosion kommen konnte. Man kann jetzt schon sicher sein, dass alle großen europäischen Vereine ihn im Visier haben, denn er ist für jede Mannschaft ein großer Gewinn, weil er durch seine Dribbelkünste und seine Schnelligkeit in der Lage ist, zwei, ja sogar drei Mann auf sich zu ziehen, die dann natürlich woanders fehlen. Er hat einen sensationellen Überblick und seine Vorlagen sind klug und präzise. Er ist jetzt schon ein einzigartiges Talent, und wie es aussieht, auch ein Talent, dass mit seinen Gaben nur auf dem Spielfeld verschwenderisch umgeht, dem der plötzliche Reichtum nicht so zu Kopf steigt wie Dembele, der mit seinen Starallüren nicht einmal für Barcelona tragbar ist, wo man ihn gerne wieder los werden würde. Auch diesmal hatte der BVB Sancho das alles entscheidende Tor zu verdanken, wenngleich nur durch ein an ihn begangenes Foul im Strafraum. Reus verwandelte den Elfer und schuf dadurch eine knappe Führung, die nur einmal durch einen an die Latte klatschenden Freistoßschuss gefährdet war. Auch diesmal wurde Alcacer erst spät für Götze eingewechselt, und auch diesmal gelang ihm in der Nachspielzeit nach Vorlage von Pisczcek das 2:0. Obwohl er zumeist nur 20 Minuten auf dem Platz steht, führt er die Torschützenliste an. Bayern siegt nun auch wieder, aber der Unbesiegbarkeitsnimbus ist verloren gegangen. In Bremen spielte man die letzten zehn Minuten auf Zeit, um die 2:1-Führung irgendwie über die Runden zu kriegen, die sehr glücklich durch einen Abpraller zustande kam, während Sahin nicht schnell genug war, um die Flanke von Müller zu verhindern.

Denn sie wissen, was sie tun. Mit Nazis reden?

Seit die AfD auf dem Vormarsch ist, zerbrechen sich die Intellektuellen über den Frustwähler den Kopf. Svenja Flaßpöhler schreibt in der SZ, »wir« sollten »uns nur kurz einmal vorstellen, wie man sich so fühlt, als ein Mensch, der elitefern in, sagen wir, Sachsen lebt, aus Frust AfD-Wähler ist und von linken Intellektuellen liest, die ihn als regressiv und blockiert, also im Grunde als geistig zurückgeblieben bezeichnen.«
Das Einfühlungsvermögen in den AfD-Wähler ist erstaunlich groß, größer jedenfalls als gegenüber dem Wähler einer anderen Partei. Man sieht in ihm einen gutwilligen Menschen, der niemandem etwas Böses will, dem aber keine Aufmerksamkeit zuteil wird. Politiker fordern auf fast hilflose Weise, ihn nicht verloren zu geben, und ignorieren dabei das ganz Offenkundige, nämlich dass die sogenannten »Wutbürger« keineswegs ihrer Wut über die soziale Lage Ausdruck verleihen wollen. Vielmehr spricht Ignoranz und Ressentiments aus ihrem Wahlverhalten. Argumente sind für den AfD-Wähler höchstens Lügen. Antworten erhält man von ihnen nicht, sondern nur eine vorgefasste Meinung. Diese geben sie auf Transparenten kund, deren Aussage nicht verhandelbar ist. Sie behaupten, keine Nazis zu sein, haben aber nichts dagegen, dass diese in der AfD den Ton angeben. Wenn Bernd Höcke im Kreise seiner »Kameraden« gegen Ausländer demonstriert oder öffentlich antisemitische Äußerungen von sich gibt, dann stört das den Wähler nicht, vielmehr sind das notwendige Voraussetzungen, um ihm die AfD sympathisch zu machen. Sie sagen, sie haben Angst vor den Ausländern. Aber nicht ihre Häuser werden von Ausländern angezündet, sondern die Unterkünfte von Flüchtlingen, und in den seltenen Fällen, in denen man den Tätern auf die Spur kommen konnte, waren es natürlich keine Nazis, sondern unbescholtene und um die Zukunft des Landes besorgte Bürger.
Es handelt sich also nicht um verlorene, verführte oder sonstwie manipulierte Menschen, sondern um Überzeugungstäter, die genau wissen, was sie tun und wollen, wenn sie die AfD wählen. Man sollte sie nicht für dümmer halten als sie in Wirklichkeit sein mögen. Der »Protestwähler« ist eine Chimäre, mit der man sich einreden kann, sie würden wieder CDU, SPD oder Grüne wählen, würde man nur die richtige Politik machen. Aber die gibt es nicht. Vielmehr scheint sich jede Regierungspartei automatisch zu desavouieren und das Hoch bei den Umfragewerten der Grünen hält vermutlich so lange an, wie sie in der Opposition sind. Mit Wahlversprechen ist der Wähler der AfD nicht zu ködern. Er wählt die AfD, auch wenn diese seine Interessen überhaupt nicht vertritt. Aus dem Wähler wurde ein durch seine Unzufriedenheit unberechenbar gewordener Reaktionär und Rassist, der in den USA Donald Trump ins Weiße Haus verholfen hat, weil der die Irrationalität ihres Lebens verkörpert und Rache am verhassten Establishment verspricht, dem er selbst angehört, wie auch die AfD-Politiker natürlich zum Establishment gehören. Selbst wenn diese Rache den eigenen Untergang bedeutete, würden sie sich keines Besseren belehren lassen, wie J.D. Vance das in »Hillbilly-Elegie« überzeugend beschrieben hat.
Man muss nicht an jeder Mülltonne schnuppern, um zu wissen, dass es daraus stinkt. Das wissen auch die Politiker und Intellektuellen, und dennoch spornen sie sich gegenseitig an, es zu tun. Sie sagen, dass eine polarisierte Gesellschaft nicht gut sei. Dabei ist sie keineswegs ein neues Phänomen, es fällt den Regierenden allerdings erst dann auf, wenn ihre Wählerbasis schwindet, weil es nur noch wenig Grund gibt, sie zu wählen, und zwar aus einem Motiv, das jeder kennt: man findet sich nicht mehr oder nicht genügend repräsentiert. Wie im Fußball hält sich jeder für einen Experten, der genau weiß, wie die Probleme zu lösen sind. Trump ist schließlich das lebende Beispiel dafür, dass auch Idioten einen Staat führen können, also auch man selbst.
Jahrzehntelang haben die Intellektuellen, die die gesellschaftliche Meinung dominiert haben, sich als Stichwortgeber für die Rechten betätigt, sie haben die nationale Identität befummelt und auch gute Seiten an ihr entdeckt, sie haben mit den Nazis reden wollen, obwohl die gar keinen Wert darauf legten, sie erfanden den Heimat- und Naturschutz, und Linke haben schon in den Achtzigern dafür plädiert, den unkontrollierten Zuzug von Ausländern zu stoppen, weil sie Angst davor hatten, dass in den Töpfen für Soziales weniger für sie übrig bleiben würde. Wie bei der SPD, die mit Hartz IV eine neoliberale Sozialpolitik durchboxte, wie sich das die CDU niemals getraut hätte, die ihr aber gut in den Kram passte, so bereiteten die Linken ideologisch vor, worauf die Rechten nur noch zurückgreifen mussten.
Vor diesem Hintergrund verpuffen die gut gemeinten Ratschläge von Svenja Flaßpöhler, alles daranzusetzen, »die Mündigkeit der Bürger und ihre Fähigkeit zum aufgeklärten, kontroversen Diskurs zu stärken«, weil der in solchen Predigten kaum zu überhörende pädagogische Formungswille das Gegenteil dessen bewirkt, was beabsichtigt ist, vor allem wenn der Schwafelgehalt so hoch ist, dass sich beim »Bürger« entweder Widerwille regen dürfte oder ihm resigniert die Augen zufallen.
Die Rechten können sich ausbreiten, so lange sie das Milieu vorfinden, das der Wähler ihnen bietet, und so lange man versucht, Verständnis für sie aufzubringen. Vielmehr kommt es aber darauf an, zu verstehen, wie sie ticken, denn dann wird schnell deutlich, dass Dialog für sie bedeutet, das Gegenüber zum Müllabladeplatz für krude Weltverschwörungstheorien zu machen. Warum sich also in den Frustwähler hineindenken wollen? Glaubt jemand ernsthaft, Leute in »demokratische Prozesse« einbeziehen zu können, die sich schon längst von ihnen verabschiedet haben. Warum nicht den Streit aushalten, die AfD auf Granit beißen lassen? Warum nicht sie ausgrenzen und isolieren, sondern sie hoffähig machen mit immer neuen Dialogangeboten? Vielleicht deshalb, weil die bürgerlichen Intellektuellen insgeheim wissen, dass von ihnen nicht allzuviel zu erwarten ist, wenn es hart auf hart käme? Adorno und Horkheimer verließen Deutschland 1932 deshalb, weil sie eine empirische Studie über das politische Bewußtsein von den sozialdemokratisch und liberal gesinnten Bürgern gemacht hatten und wussten, dass Widerstand von dieser Seite am wenigsten zu erwarten war. Die bloße Absichtserklärung, an »Werten festhalten« zu wollen, reicht nicht mehr aus. Wie Hannah Arendt schrieb, lehrt uns »der totale Zusammenbruch der ehrenwerten Gesellschaft während des Hitlerregimes, daß es sich bei denen, auf die unter Umständen Verlaß ist, nicht um jene handelt, denen Werte lieb und teuer sind und die an moralischen Normen und Werten festhalten; man weiß jetzt, daß sich dies alles über Nacht ändern kann…« Aber dann ist es bereits zu spät.

Die Wahrheit über den 12. Spieltag

Zum vierten Mal hintereinander konnten die Bayern nicht mehr zu Hause gewinnen. Nicht gegen Augsburg, als es an der Chancenverwertung haperte, nicht gegen Gladbach, nicht gegen Freiburg und jetzt nicht mal mehr gegen den Vorletzten Düsseldorf. Dabei wurde wie zuletzt in Dortmund deutlich, dass die bis vor kurzem noch als unüberwindliches Bollwerk geltende Abwehr mit Hummels, Boateng und Süle plötzlich löchrig wie ein Paar alter Socken ist und mit spritzigen jungen Leuten nicht mehr mitkommt. Der Alptraum Boatengs hieß Lukebakio, von dem bis zu diesem Tag nicht allzuviele Leute gehört haben dürften, wenn sie nicht zufällig Fortuna-Fans sind. Gleich drei Tore steuerte er zum 3:3-Endstand bei, und jedes Mal sah Boateng nicht gut aus. Zu abwartend, zu langsam, zu unbeteiligt, und vermutlich beißen sich Rummenigge und Hoeneß gegenseitig in den Hintern, dass man diesen Brillenwerbeträger nicht Anfang der Saison nach Paris hat ziehen lassen, als jemand für ihn noch etwas ausgegeben hätte. Dennoch waren die Bayern spielerisch überlegen, und vermutlich sprachen alle Werte für sie, sie führten bis zur 75. Minute mit 3:1, und eigentlich hätte nichts mehr passieren dürfen, und noch bis zu Beginn der Saison wäre auch nichts passiert, weil jede Mannschaft im eigenen Strafraum verharrend auf den finalen Todesstoß gewartet hätte. Aber die Bayern-Krise hat sich herumgesprochen, vielleicht auch die Erkenntnis, dass die Chancen zu verlieren nicht größer werden, wenn man stürmt, aber immerhin dann die Chance besteht, einen oder auch drei Punkte mitzunehmen. Und wenn man bei den Bayern schon kein Glück bei der Chancenverwertung hat, dann kommt auch noch Pech in Form von Unvermögen hinzu, wie in der 93. Minute, als Hennings einfach den Ball Richtung Bayern-Tor schießt, zufällig genau in den Lauf von Lukebakio, der auch noch als Höchststrafe Neuer durch die Beine schießt. Die Stimmung bei den Bayern war hervorragend. Nico Kovac war sauer und total enttäuscht. Und Hoeneß will alles im Verein auf die Waage stellen, nur sich selbst nicht, was er aber mal dringend tun müsste. Er würde eine Überraschung erleben. Kovac, der von Hoeneß bis zuletzt noch unterstützt wurde, steht zur Disposition und hat nur noch eine Gnadenfrist bis zu nächsten Spiel morgen gegen Lissabon. Inzwischen haben die Bayern neun Punkte Rückstand auf Dortmund, keine Differenz, die beunruhigen müsste, aber dazu müsste man erstmal wieder in Spur kommen, aber das »Siegergen«, von dem man in München immer triumphierend gesprochen hat, ist zerbröselt. Den Dortmundern kanns nur recht sein. Sie haben jetzt den bislang von Barcelona nur ausgeliehenen Alcacer verpflichtet, und weil er der beste von der Bank kommende Torschütze ist, wird er immer nur eingewechselt. So auch im Spiel gegen zuletzt und auch diesmal wieder stark aufspielende Mainzer, die es den Dortmundern nicht einfach machten und phasenweise die Schwarzgelben in deren eigene Hälfte pressten. Und wieder war Sancho der Dosenöffner, der einen präzisen Steilpass auf Reus spielte. Plötzlich frei auf den Mainzer Torwart zulaufend, brauchte er nur noch quer auf Alcacer zu spielen, und nach dem Ausgleich kurz danach, gelang Piszczek mitten im Gewühl am Sechszehner ein Glücksschuss in den Winkel, womit die Dortmunder das Glück zu sich gelockt haben, das sich von den Bayern abgewendet hat. Vielleicht ist Bayern einfach zu lange zu souverän von Sieg zu Sieg geeilt, mit einem Nimbus, der die Gegner im vornherein einschüchterte, die darauf bedacht waren, nur nicht zu hoch zu verlieren. Vielleicht rächt sich das jetzt, während Dortmund für jeden Sieg sich abstrampeln muss. Immerhin ist das mal weniger langweilig, weshalb fast alle Fußball-Fans die Spiele von Dortmund gucken wollen.

Die Wahrheit über den historischen 11. Spieltag

Der Ex-Knacki und Bayern-Boss Hoeneß stapelte vor der Begegnung beim BVB tief, um die Außenseiterposition seiner Mannschaft zu unterstreichen, denn ihm war klar, dass nur aus dieser Position heraus sich vielleicht etwas mitnehmen ließ, ganz abgesehen davon, dass angesichts der letzten Bayern-Spiele Optimismus nun gar nicht angesagt war. Die Bedeutung dieser Begegnung war für die Bayern immens, denn dieses Spiel hätte ihnen das verlorene Selbstvertrauen, das laut Hoeneß 50% der Leistung eines Spielers ausmacht, wieder zurückbringen können, es hätte die Mannschaft mit einem Schlag wieder zurück in die Erfolgsspur bringen können, aber es half alles nichts, denn jetzt steht Bayern vor seinem eigenen zerstörten Nimbus, der mit sechs hintereinander gewonnenen Meisterschaften nunmehr wie ein Alp auf der Mannschaft und dem Verein liegen dürfte. Jedenfalls hoffe ich das stark, denn sonst wird es langsam langweilig. Sollte der Trend anhalten, könnte es tatsächlich mal eine spannende Meisterschaft werden. Die Bayern fingen zwar wie in alten Tagen erstaunlich überlegen an, setzten Dortmund schwer unter Druck, dem vor allem der für Delaney in die Mannschaft gerückte Weigl überhaupt nicht gewachsen war, aber die großen Torchancen hatte Reus, der dem völlig indisponierten Hummels den Ball wegspitzelte und allein auf Neuer zulief, um dann, weil er zuviel Zeit hatte zu überlegen, ob er schießen, lupfen oder abgeben sollte, prompt die falsche Entscheidung traf. Das 1:0 war von den Bayern fein herausgespielt und die Flanke von Gnabry mit dem dann klassisch verwandelten Kopfball von Lewandowsky war kaum zu verteidigen, weil alles millimetergenau stimmte. In dieser Phase bestand das größte Verdienst des BVB darin, nicht in Hektik zu verfallen, was vor allem an Witsel lag, der in jeder Situation die Ruhe und den Überblick behielt. In der zweiten Hälfte kam Dahoud für Weigl, der mehr Offensivpower ins Spiel der Dortmunder brachte, und jetzt zeigte sich, dass die Bayern offensiv in die Bredouille zu bringen waren, vor allem, weil Neuer bei einer Steilvorlage zunächst zögerte, um sich danach Reus so in den Weg zu werfen, dass der zwar noch den Ball vorbeispitzeln konnte, aber nicht verhindern konnte, mit Neuer zu kollidieren. Der Elfer war so glasklar, dass es nur dem Bayern-Manager Salihamidzic einfallen konnte, ihn als ungerechtfertigt zu bezeichnen. Aber nur ein paar Minuten später war es wieder Lewandowsky, der aus einer unübersichtlichen Strafraumszene heraus den Ball auf den Kopf bekam und ins Tor bugsierte. Dann überschlugen sich die Ereignisse, denn wieder vergab Reus alleinstehend vor Neuer, ebenso der für Götze eingewechselte Alcacer, so dass einem langsam das Gefühl beschlich, das Bayern-Tor könnte von teuflischen Kräften vernagelt worden sein, bis schließlich Reus ein Flanke von Sancho auf höchsten Niveau per Direktabnahme versenkte und damit aus keiner Chance ein Tor machte. Der Siegtreffer durch Alcacer war dann wirklich traumhaft herausgespielt, nachdem Sancho am eigenen Sechszehner den Ball Ribéry abluchste, der Ball dann im One-touch-Stil präzise und in Höchstgeschwindigkeit nach vorne getrieben wurde, wo Alcacer nach einer genialen Vorlage von Witsel den Ball elegant über den herausstürzenden Neuer zum Siegtreffer lupfte. Lewandowsky gelangen zwar noch zwei Treffer, einer davon in der 95. Minute, aber beide wurden aus einer Abseitsposition heraus erzielt. Ein großartiges Spiel, von dem man noch lange wird zehren können, mit einem verdienten Sieg, der nach der 2:0-Niederlage bei Atletico Madrid am Dienstag nicht unbedingt zu erwarten war. Sinnbildhaft für dieses Spiel war, wie Sancho Hummels den Ball abknöpfte und ihm leichtfüßig enteilte. Hummels sagte anschließend, er hätte Schwindelanfälle gehabt wegen einer Erkältung, aber so richtig intelligent hörte sich die Ausrede nicht an. Jetzt haben die Dortmunder sieben Punkte Vorsprung vor den Bayern. Der neue Verfolger heißt jetzt Borussia Mönchengladbach. Die haben nur vier Punkte Rückstand, nach einem 3:1-Sieg in Bremen. So kanns gerne weitergehen.

Die Wahrheit über den 10. Spieltag

Die FAS war voll des Lobes über das Dortmunder Spiel in Wolfsburg und sah den unbedingten Willen zu gewinnen am Werk, eine erfrischende Offensive und einen nie nachlassenden Torhunger, auch wenn das Spiel schon entschieden ist. Angesichts des mageren und in einigen Situationen durchaus gefährdeten 1:0-Sieges sieht die Bewertung ein wenig optimistisch aus, denn auch wenn Wolfsburg nie wirklich vorne gefährlich war, sie waren ansonsten durchaus in der Lage mitzuhalten und vor allem in der Verteidigung standen sie sicher, ohne einfach nur zu mauern. Immerhin war Alcacer fast unsichtbar und Sancho hatte in Roussillon einen Gegenspieler, der genauso schnell war, weshalb das neue englische Wunderkind irgendwann auf die andere Seite auswich und von dort auch die entscheidende Flanke schlug, die Delaney neben das Tor geköpft hätte, wenn nicht zufällig Reus in der Nähe gestanden wäre und nur den Kopf hinhalten musste. Ein Zufallstreffer also, wie das ja meistens der Fall ist, wenngleich man dem Zufall natürlich ein wenig auf die Sprünge helfen kann. In der Schlussphase, als Wolfsburg gezwungen war, alles auf eine Karte zu setzen, ergaben sich dann zwar noch zwei Großchancen, aber sowohl Reus als auch Bruun-Larsen vergaben sie alleinstehend, weil sie zu viel Zeit hatten darüber nachzudenken, wie sie den Ball am besten verwerten könnten. Das Spiel war also kein Selbstläufer, sondern durchaus ein Spiel auf Augenhöhe, was bei Wolfsburg etwas erstaunt, denn vor der Niederlage gegen den BVB hatten sie mit jeweils drei Siegen, Niederlagen und Remis eine ausgeglichene, also eher mittelmäßige bis durchwachsene Bilanz. Wenn man also nach der Statistik geht, wäre Wolfsburg kein Gegner gewesen, den man hätte fürchten müssen. Trotzdem hat der BVB gut gespielt, aber man merkt so langsam die Belastung der englischen Wochen. Man kann eben nicht immer auf einem so hohen Niveau spielen wie gegen Athletico Madrid, wo der BVB letztlich auch mit Glück gewonnen hat. Und auch die Rotation birgt Gefahren, wie man im Pokal gegen Union gesehen hat, als man erst am Ende der Nachspielzeit durch einen Elfer die Partie für sich entscheiden konnte. Die Erfolgswelle, auf der der BVB also gerade schwimmt, ist eine wackligere Angelegenheit, als manche annehmen. Der zweifellos mutige Schritt des BVB, die Mannschaft derart radikal umzumodeln, scheint aber erstmal gelungen zu sein, und zwar erstaunlich schnell, was die Rede vom langdauernden Prozess einer Neuformierung ad absurdum führt. Und umgekehrt kann man ebenso schnell wieder aus einem Formtief kommen. Damit haben Real Madrid und Bayern gerade zu kämpfen, die nach einer langen Erfolgsphase eine überalterte Mannschaft nicht rechtzeitig verjüngt haben. Jetzt schalten sich sogar Spielerfrauen ein und mäkeln an der Arbeit von Kovac herum, in diesem Fall von Müller, dessen Einwechslung in der 70. Minute spöttisch als lang überfälliger »Geistesblitz« kommentiert wurde. Zu Hause nach einer 1:0-Führung gegen Freiburg noch den Ausgleich hinnehmen zu müssen, öffnet in einem Verein wie Bayern alle Türen für Neid, Missgunst und Häme. Dass Kovac das jetzt ausbaden muss zusammen mit den ziemlich lächerlichen Drohungen der langsam selber ein wenig überalterten Vereinsführung gegen eine den Bayern angeblich übel gesinnte Presse, ist hart, aber nicht wirklich etwas, dass einen Tränen in die Augen treibt.