Die Wahrheit über das CL-Finale in Wembley

Als da Spiel vorüber war, hörte ich im Festsaal Kreuzberg, wo fast ausschließlich Dortmund-Fans das Spiel guckten, eine Frau vor mir rohrspatzen: »Ich hasse diese Scheiß-Bayern, was für widerliche, ekelerregende Typen mit ihren weit aufgerissenen Fressen. Schau dir bloß diesen Müller an. Und dieser fette Hoeneß, der das Gemeinwesen bescheißt. Woher hat denn Bayern das ganze Geld? Natürlich von diesem Arschgesicht, weil der den Staat abgezockt hat. Und dafür gratuliert ihm die blöde Merkel auch noch. Kann sich denn Bayern nicht endlich mit Österreich vereinen, damit wir sie angreifen können. Für die Scheiß-Bayern sind wir hier in Berlin doch sowieso nur Abschaum.« Ich dachte, oh wie wunderbar. Da tat die Niederlage schon gleich nicht mehr ganz so weh. Ein paar chicks on the run, die aufgrund der Ungnade der frühen Geburt Bayern-Fans waren, verdrückten sich schnell und unauffällig. Ihren Sieg konnten sie nicht feiern. Neben ihnen skandierten ein paar BVB-Hardcore-Fans: »Steuerhinterzieher Hoeneß, ole ole le.« Und als ich dann durch den Regen über das Kottbusser Tor zum Falaffelladen ging, war nirgendwo Jubel oder Autohupen zu vernehmen. Die Stadt war still und stumm und traurig. Auch der Falaffelmann drückte mir sein Beileid aus und meinte, er hätte auch für Dortmund gehalten. Ich war gerührt.
Aber vorher hatte ich ein paar bittere Minuten erlebt, als in der 87. Minute das 2:1 durch Robben fiel und klar war, daß der BVB nicht mehr die Kraft und die Möglichkeit haben würde, den Rückstand noch einmal zu egalisieren. Sie würden nicht noch einmal ein Wunder wie gegen Malaga oder Madrid schaffen. Danach fanden alle das Spiel ganz großartig, spannend, eine Werbung für den Fußball, vor allem den deutschen Fußball. Aber wenn man sich die Analysen von Klopp und Rangnick anhörte, dann wurde auch gleichzeitig klar, daß das Spiel einem völlig absehbaren Szenario folgte, daß es kein überraschendes Moment und keine verrückte Wende gab, kein Abseitstor, das gegeben wurde, keinen Platzverweis, also nichts, von dem sich behaupten ließe, das wäre Dramatik auf höchsten Niveau gewesen. Nein, das Spiel verlief nach einem genauen Muster und wurde nicht durch Glück oder Pech beeinflußt, nur durch den Schiedsrichter, aber das ist ja nichts ungewöhnliches.
Es gab im Vorfeld viele kluge Analysen, und das einzig besondere an dem Spiel war, daß das Spiel letztlich genauso verlief, wie es hätte vorhergesagt werden können von Leuten, die die Spielsysteme analysieren, um eine Wahrscheinlichkeitsrechnung anzustellen. Demnach begann Dortmund mit großem Furor und Pressing, und fünfundzwanzig Minuten bekamen die Bayern nur wenig zustande. Das hat Dortmund schon häufig und beeindruckend bewiesen, und es gibt keine Mannschaft in Deutschland, der aufgrund ihrer Überfallstrategie zu Beginn des Spiels so viele Tore gelungen sind wie Dortmund. Aber auch wenn die Bayern kaum aus der eigenen Hälfte herauskamen, gelang dem BVB diesmal kein Tor. Da niemand diesen mit einem immensen Aufwand betriebenen Fußballstil über 90 Minuten durchhält, war auch gleichzeitig klar, daß Bayern kommen würde. Und die Bayern sind viel zu gut, um sich über die gesamte Spielzeit so dominieren zu lassen. Auch sie erspielten sich Chancen, und in der zweiten Halbzeit waren es die Bayern, die mehr vom Spiel hatten.
Danach sagten die Experten, die Bayern hätten um dieses eine Tor verdient gewonnen. Das stimmt sogar, aber es gab einige Vorfälle, die dem Spiel einen anderen Verlauf hätten geben können, aber der Schiedsrichter wollte offensichtlich auf keinen Fall eine gravierende Entscheidung treffen, aber indem er Ribery nach einer klaren Tätlichkeit nicht vom Platz stellte, beeinflußte er das Spiel natürlich trotzdem, auch wenn man nicht weiß, ob Dortmund die zahlenmäßige Überlegenheit hätte ausnutzen können. Und auch, daß der Schiedsrichter Dante die 2. gelbe Karte ersparte, die er ihm nach dem Regelwerk hätte zeigen müssen, als er Reus im Strafraum foulte, war eine Entscheidung für die Bayern. Und irgendwie ist es ja auch beruhigend zu wissen, daß man gegen eine bessere Mannschaft nicht gewinnen kann, die obendrein auch noch den Schiedsrichter auf seine Seite hat. Und auch daß Götze fehlte, war für die Münchner von Vorteil. Mit ihm hätten sie wahrscheinlich die erste halbe Stunde nicht unbeschadet überstanden. Dennoch stimmt, was Klopp schon vor dem Spiel sagte: Auch wenn wir gewinnen, sind wir nicht die besten Mannschaft der Welt. Das aber hätte der BVB werden können, wenn alle Spieler daran geglaubt hätten. Aber gerade die besten taten das nicht. Und das ist eigentlich viel schlimmer als das verlorene Finale.