Ganz schrecklich. Eine misslungene Kritik an den 68ern

Da schlage ich nach den strengen Regeln des Bibelstechens das Buch von Gunnar Hinck in »Wir waren Maschinen. Die bundesdeutsche Linke der siebziger Jahre« auf und stoße gleich auf folgende Geschichte: Als der Frankfurter SDS 1968 auf der Buchmesse gegen die Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels an Léopold Senghor protestierte, weil man ihn für einen »Handlanger des Neokolonialismus« hielt, muss das ein »ziemlich intensiver Protest gewesen sein«,  denn »immerhin kam es daraufhin zu einem Prozess gegen Wolff, Günter Amendt und Hans-Jürgen Krahl wegen Rädelsführerschaft und Landfriedensbruch.«
Ich zitiere das deshalb, weil Hinck den Prozess als logische Folge und Reaktion auf den »Protest« beschreibt, der »intensiv« gewesen sein »muss«, weil es sonst keinen Prozess gegeben hätte. Dem Staat wäre quasi gar nichts anderes übrig geblieben, als Anklage zu erheben. Ich war nicht dabei und weiß deshalb auch nicht, ob der Protest »intensiv« war, aber ich weiß, dass man damals einen Prozess ziemlich schnell am Hals hatte für Dinge, über die man heute nachsichtig lächeln würde. Aber für Hinck ist es nicht nur logisch, dass Proteste von staatlicher Seite mit einem Prozess beantwortet wurden, was schon ein wenig komisch ist, wenn man sich ein wenig mit der Geschichte der Linken befasst hat, er beurteilt die Proteste auch noch moralisch.
Über die Sprengung einer Diskussion mit dem israelischen Botschafter über Palästina, sagte K.D. Wolff später, dass es sich um eine »politische Aktion« gehandelt habe, »für die ich mich schäme.« Und weiter: »Ich habe mich später entschuldigt. Als ob wir die Richter hätten sein können über Israel und die Verhältnisse im Nahen Osten. Ganz schrecklich.« Aber das reicht Hinck nicht. Er beschwert sich, dass K.D. Wolff diese Vorgänge immer noch als »politische Aktion« bezeichnet und »nicht als das, was sie waren: als armseliges, schlechtes Verhalten.« Hinck übersieht dabei, dass dieses für ihn »schlechte Verhalten« politisch motiviert war und deshalb natürlich eine »politische Aktion« war, auch wenn man sie vielleicht nicht als sonderlich tolle einschätzen mag. Hinck erhebt sich dadurch auf unangenehm oberlehrerhafte Weise zum Richter, weil er offensichtlich der Aussagekraft der Flugblätter, Bücher, Aktionen, Statements etc., die er zusammengetragen hat, nicht traut, d.h. er hält den Leser für so dumm, dass er ihm unbedingt auch noch seine Bewertung aufdrängen muss. Aber genau das fällt dann wieder auf den Autor zurück.
Gunnar Hinck hat eine Menge Material gesammelt, das viele 68-Protagonisten desavouiert, aber er macht bemerkenswert wenig daraus, außer sich darüber moralisch zu echauffieren. Diese Geisteshaltung aber war es, die die 68er erst zum Protest herausforderte. Die 68er haben eine bessere Kritik verdient.

Gunnar Hinck, »Wir waren Maschinen. Die bundesdeutsche linke der siebziger Jahre«, Rotbuch, Berlin 2012.