Bin i a Reh?

Im Unterschied zur Literaturkritik, die ganz versessen ist auf große Familienromane, hege ich eine gewisse Abneigung gegen sie, weil ich dann gleich denke, Familie hatte ich doch selber lang genug. Warum sollte ich das auch noch lesen wollen? Aber das ist natürlich Quatsch, denn schließlich kommt es darauf an, wie man sie literarisch bearbeitet. Und »bearbeiten« im tatsächlich Sinn des Wortes müßte man meine Familie schon, damit da was Lesenswertes rauskommt. Da gibt die Familie von Eva Menasse allerdings mehr her und in dem Roman »Vienna« hat sie genau den richtigen Erzählton getroffen, damit die Leser ganz hingerissen in ihm versinken, was natürlich auch an der ganz ganz anderen Welt liegt, die für einen wie mich eine terra incognita ist. Man kann sich ihr nur über die Literatur annähern. Jedenfalls kann ich den Roman nur jeden empfehlen, auch wenn er schon ein bisschen älter ist. Eine der wunderbaren Stellen, von denen es jede Menge gibt, lautet: »›A Jud geheert ins Kaffeehaus‹, pflegte schon mein Großvater zu sagen, wenn ihm zu Ohren kam, daß andere Leute Spaziergänge, gar Wanderungen unternahmen, ›bin i a Reh?‹«

Eva Menasse, Vienna, Köln 2003, btb, Taschenbuch-Sonderausgabe, 2009