Der BVB in der nächsten Saison. Eine Prognose

In der letzten Saison war ich noch von der großen Angst geplagt, der BVB würde wie so viele Überraschungsmeister abstürzen und plötzlich um den Abstieg spielen. Und danach sah es ja am Anfang auch aus, als man zu Hause gegen den späteren Absteiger Hertha verlor, anschließend in Hannover in den letzten Minuten einen 1:0-Vorsprung verspielte, weil man ihn verkrampft zu halten gedachte, und mit elf Punkten Rückstand auf die Bayern auch die glanzvollen Auftritte und das schnelle Paßspiel vermissen ließ. Sahin fehlte an allen Ecken und Enden, Gündogan kam nicht in Tritt und Lars Bender wurde ständig kaputt getreten. Niemand rechnete nach dem Desaster von Hannover damit, daß der BVB alle Rekorde brechen würde, obwohl der beste Spieler Deutschlands Mario Götze durch eine rätselhafte Schambeinentzündung außer Gefecht gesetzt wurde.
Man sieht also, Prognosen sind vor allem dazu da, sich zu blamieren. Und wenn der BVB nominell mit Marco Reus die beste Mannschaft ever hat, heißt das eben noch gar nichts, denn es kommt darauf an, ob die Mannschaft wieder so zusammenfindet wie in der letzten Saison. Immerhin spricht einiges dafür, denn der Kader ist erhalten geblieben bis auf den zu ManU abgewanderten Kagawa, der freilich durch seine Finten und unberechenbaren Bewegungen die Schaltstelle des Dortmunder Spiels war. Marco Reus ist sicher kein schlechter Ersatz, aber seine Spielweise ist eine andere und es läßt sich nicht wirklich voraussagen, wie er mit seinen Kollegen harmonieren wird. Sicher ist nur, daß es um die drei Plätze im offensiven Mittelfeld einen harten Konkurrenzkampf geben wird. Die in der letzten Saison so erfolgreichen Großkreutz und Kuba herauszunehmen, die mit Schmelzer auf der linken und mit Pizszek auf der rechten Seite hervorragend harmonierten, muß nicht unbedingt eine gute Idee sein. Aber einen Götze auf der Bank zu lassen, das hat sich schon bei der EM als Fehler erwiesen, der allerdings von Löw leicht zu korrigieren gewesen wäre, wenn er nicht so einen Narren an Podolski gefressen hätte. Außerdem steht da noch Perisic auf der Matte, der sich gern mit der kroatischen Fahne einwickelt, aber trotzdem immer wieder gezeigt hat, was für eine gefährliche Waffe er sein kann, und dem von Klopp bescheinigt wird, daß er nicht so leicht nicht berücksichtigt werden kann. Und dann hat der BVB noch drei Millionen für ein Wunderkind hingeblättert, das zwar aus Cottbus kommt, aber brasilianische Wurzeln hat. Auf Leonardo Bittencourt wurden bereits große und ganzseitige Hymnen gesungen, er wurde sogar als neuer Götze gefeiert, der doch selber keinen Freifahrtschein in der kommenden Saison hat. Um dieses offensive Mittelfeld wird der BVB von jeder Mannschaft beneidet. Es ist das Kernstück, von dem alles abhängen wird und von dem eine hohe technische Brillianz erwartet werden kann. Zudem hat der BVB hinten eine Viererkette, die nur schwer zu knacken sein wird und vor allem mit Hummels einen genialen Strategen hat, der bereits aus der Abwehr heraus den tödlichen Paß zu spielen versteht. Aber selbst die beste Verteidigungslinie der Liga hatte ihre schwarzen Momente, vor allem in der CL, die für Dortmund schnell vorbei war. Diesmal könnte es für die Gruppengegner der Dortmunder anders kommen, jedenfalls dann, wenn nichts Unvorhergesehenes passiert. Im defensiven Mittelfeld hat Gündogan nach großen Anlaufschwierigkeiten zuletzt gezeigt, daß er die Stelle von Sahin tatsächlich auszufüllen imstande ist und mit Leitner einen ziemlich guten Mann im Nacken sitzen hat. Und auch Kehl, der wichtig für das Spiel der Dortmunder als Antreiber und Zerstörer ist, ist durch Sven Bender jederzeit zu ersetzen. Trotzdem ist es schade, daß Sahin, der in Madrid offiziell ausgemustert wurde, eher mit Arsenal in Verbindung gebracht wird als mit Dortmund, wo man sich sehr bedeckt hält und keine Anstrengungen unternimmt, ihn zurückzuholen. Daß Dortmund nicht auf Sahin angewiesen ist, bedeutet auch, wie stark Dortmund besetzt ist, und daß man mit der zweiten Mannschaft, wie immer sie gerade aussehen mag, durchaus auch eine ziemlich gute Figur abgeben würde.
Es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn der BVB keine größere Rolle um den ersten Platz spielt, aber das eigentlich Schöne ist, daß Dortmund nicht unter Titelzwang steht wie die Bayern, bei denen Titel zur Obsession geworden sind, die eher hinderlich ist, während die Dortmunder ganz cool und gelassen in die nächste Runde gehen können, ganz nach dem Motto: Ihr wollt die Titel, wir kriegen sie.