In Deckung: Günter Grass dichtet wieder

Günter Grass ist eine gequälte Kreatur. Er nimmt sich alles sehr zu Herzen. Vor allem den Weltfrieden. Denn der ist gefährdet. Und wer gefährdet ihn? Ausgerechnet die Israelis, die Günter Grass so mag. Seine eigenen Freunde! Wie oft hat er ihnen ins Gewissen geredet. Es hat einfach nichts genutzt. Unbeirrt fühlen sie sich von Ahmadineschad bedroht, obwohl der doch nur ein »Maulheld« ist, der seine Klappe ein bißchen weit aufreißt, ein Kläffer, der doch gar nichts tut.
Aber jetzt hat es Grass nicht mehr länger ausgehalten. Er hat in der Süddeutschen Zeitung vom 4.4.12, in El Pais und La Repubblica (die New York Times mochte dann doch nicht) Zeugnis abgelegt von seinen Qualen, seiner tiefen Zerrissenheit. Tief drinnen hat es ihn an ihm genagt. Es mußte raus, und nun ist es heraus. Sogar als Gedicht. Jedenfalls sieht es so aus. Es reimt sich zwar nicht, aber es ist umbrochen wie ein Gedicht, und in dem tut Grass majestätisch seine Meinung kund.
»Warum schweige ich, verschweige zu lange«, hebt Grass an. Keine Ahnung, denke ich mir, aber vielleicht rückt er ja jetzt mal mit der Sprache raus, warum er solange seine Vergangenheit bei der Waffen-SS verschwiegen hat. Tut er natürlich nicht, aber er wird’s mir ja sowieso gleich verraten. Und so ist es. »Warum sage ich jetzt erst, gealtert und mit letzter Tinte: Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden? Weil gesagt werden muß, was schon morgen zu spät sein könnte: auch weil wir – als Deutsche belastet genug – Zulieferer des Verbrechens werden könnten, das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld durch keine der üblichen Ausreden zu tilgen wäre.«
Das hört sich wie in einer Theateraufführung an, in der Laiendarsteller ihr Nichtkönnen durch Schwulst wettzumachen versuchen. Wie sich Grass mit letzter Tinte für den brüchigen Weltfrieden einsetzt, als könne nur er einen Weltkrieg verhindern, wie ja die Deutschen sowieso Meister in der Verhinderung von Weltkriegen sind, das hat schon etwas sehr Absurdes an sich.
Grass benimmt sich wie der klassische »Bewährungshelfer«, der darauf achtet, daß die »Opfer nicht rückfällig werden« (Wolfgang Pohrt). Die Israelis sollen einfach schön stillhalten, wenn Ahmadineschad das Land auslöschen wird, wie der es immer wieder ankündigt.
»Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes, dem sich mein Schweigen untergeordnet hat, empfinde ich als belastende Lüge und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt, sobald er mißachtet wird: das Verdikt ›Antisemitismus‹ ist geläufig.« Nun ist es aber nicht so, daß Grass aus seinem Herzen eine Mördergrube gemacht hat. Schon im Oktober 2001 sagte er in einem Interview mit Spiegel Online: »Israel muß nicht nur die besetzten Gebiete räumen. Auch die Besitznahme palästinensischen Bodens und seine israelische Besiedlung ist eine kriminelle Handlung. Das muß nicht nur aufhören, sondern rückgängig gemacht werden. Sonst kehrt dort kein Frieden ein.« Klar, am besten zieht sich Israel aus Israel zurück, denn irgendwie haben die Israelis dort gar nichts verloren. Grass spricht Israel nicht nur das Existenzrecht ab, er hat auch seine Freunde dort unter genaue Beobachtung genommen, denn nirgends ist eine »kriminelle Handlung« schlimmer als eine von den Israelis begangene, schließlich hatten die lange genug Gelegenheit, aus dem zu lernen, was ihnen die Deutschen angetan haben. Und das ärgert Grass, daß die Israelis nicht aus der Geschichte gelernt haben.
Und noch früher, nämlich 1971, schrieb Günter Grass: »So hat Israel durch die schleichende Annexion der besetzten Gebiete den arabischen Staaten den Vorwand für deren Angriffe geliefert.« Grass ließ also nichts unversucht, aus den Juden gute Menschen zu machen, denen man eben auch mal die Ohren langziehen muß, wenn sie nicht auf den Volkserzieher Grass hören wollen, der den Israelis im Oktober 2001 noch einmal ins Gewissen redete: »Es ist für mich auch ein Freundschaftsbeweis Israel gegenüber, daß ich es mir erlaube, das Land zu kritisieren – weil ich ihm helfen will … Solche Kritik aber zu kritisieren – damit muß man aufhören … dieses Auge um Auge, Zahn um Zahn der gegenwärtigen Politik schaukelt allen Zorn nur noch weiter hoch.«
In einem Interview mit Tom Segev für die »Haaretz« anläßlich des Erscheinens seines Zwiebelbuches in Israel breitete Grass seine Sicht auf den Holocaust aus, der zwar einzigartig sei, aber auch wiederum nicht sooo einzigartig: »Aber der Wahnsinn und die Verbrechen fanden nicht nur ihren Ausdruck im Holocaust und hörten nicht mit dem Kriegsende auf. Von acht Millionen deutschen Soldaten, die von den Russen gefangen genommen wurden, haben vielleicht zwei Millionen überlebt, und der ganze Rest wurde liquidiert. … Wir tragen die Verantwortung für die Verbrechen der Nazis, aber ihre Verbrechen fügten auch den Deutschen schlimme Katastrophen zu, und so wurden sie zu Opfern.«
Der Historiker Peter Jahn hat in der Süddeutschen Zeitung auf die Fakten hingewiesen und darauf, daß es sich hier wohl um ein kleines Ressentiment handelte. Statt acht gerieten nur ca. drei Millionen deutsche Soldaten in Kriegsgefangenschaft. Zwischen 25 und 30 Prozent, also eine knappe Million, hat sie nicht überlebt. Diese Kriegsgefangenen wurden jedoch mitnichten liquidiert, sondern starben an Mangelernährung. Der Hunger wurde allerdings nicht wie bei den Nazis vorsätzlich als Methode zur Ausrottung eingesetzt. Es gab schlicht nichts zu essen, worunter die normale Bevölkerung genauso zu leiden hatte wie die Kriegsgefangenen.
Nun hat Grass schon alle Preise eingesackt, weshalb er für dieses tapfere Statement leer ausging, früher aber hätte er einen Orden für Tapferkeit vor dem Feind bekommen, jedenfalls gibt ihm die überwiegende Mehrheit der Deutschen recht, und wenn die Zahlen schon nicht stimmen, zumindest die bei Grass zum Vorschein kommende Weltanschauung, dass es eben nicht nur sechs Millionen Juden, sondern auch sechs Millionen Deutsche waren, die »liquidiert« wurden, weshalb es unterm Strich ja irgendwie aufgeht, diese Weltanschauung also ist durch Grass wieder seriös geworden, wenn man denn Grass als eine seriöse Gestalt sehen will. Nach dieser Äußerung müßte es eigentlich damit vorbei sein, aber wer davon ausgeht, kennt die Deutschen nicht, bei denen das Ansehen von Grass damit gestiegen ist, und zwar umso mehr, je mehr die Medien darüber kritisch berichteten.
Dieser kleine Rückblick belegt also, daß man sich über den neuen antisemitischen Leitartikel nicht wundern muß. Gut finden ihn nur Die Linke, die NPD, Augstein jr., ein paar alte Kumpels vom Schriftstellerverband, die iranische Regierung und die Leitartikler der jungen Welt, die seinen Antisemitismus teilen und es unerträglich finden, daß Israel im Nahen Osten die einzige Demokratie ist und Ahmadineschad noch kein Bundesverdienstkreuz für seine aufklärerischen Kommentare über Israel bekommen hat. Von Schirrmacher bis hin zu Bild und der CDU mußte niemand lange rätseln, was es mit dem »ekelhaften Gedicht« (Reich-Ranicki) auf sich hat. Nur Thomas Steinfeld hatte die ihm zu gönnende Aufgabe, in der Süddeutschen zu rechtfertigen, warum man Herrn Bräsig veröffentlicht hatte. Steinfeld fiel allerdings auch nichts anderes ein als ein fatalistisches »So ist das, und so ist Günter Grass. Einen anderen gibt es nicht mehr«. Nur der Literaturkritiker der ARD Denis Scheck wollte originell sein, stellte aber nur unter Beweis, daß er nicht mehr alle Schweine im Rennen hat, und meinte, er teile zwar nicht die politischen Ansichten von Grass, freue sich aber, daß ein Gedicht solche lebhaften Reaktionen hervorriefe. Was für ein Gedicht, ließe sich zunächst fragen, um dann zu rätseln, ob der Mann wirklich nicht weiß, daß es keineswegs der Kraft des Gedichts an sich, sondern nur dem Ruf des Mannes zu verdanken ist, daß der Blödsinn zum Thema wurde, denn niemand hätte sonst von den Zeilen Notiz genommen. Und um dem ganzen die Krone aufzusetzen, beharrte Grass in einem Interview mit der ARD mit dem Starrsinn der Altersmeise darauf, daß niemand auf den Inhalt seines Gedichts eingegangen sei. Und dabei hatten sich gerade Frank Schirrmacher und die anderen so viel Mühe gegeben und ihm genau mitgeteilt, was er gemeint hatte für den Fall, daß er sich darüber im Unklaren war.
Aber während hier die Sache heiß diskutiert wird, rief der Leitartikel international für einen Literaturnobelpreisträger erstaunlich viel Unverständnis hervor, und in Israel wurde der Kommentar belächelt. Zu offensichtlich ist dort für jeden, daß Grass keine Ahnung hat, dies aber durch Ressentiments kompensiert. In Israel wird der Präventivkrieg sehr kontrovers diskutiert, aber jeder weiß auch, daß die Bedrohung nicht etwa von einem »Maulhelden« ausgeht, sondern durchaus ernst zu nehmen ist, denn Israel ist die ideale Projektionsfläche und das perfekte Angriffsziel, um von den innenpolitischen Schwierigkeiten abzulenken, mit denen Ahmadineschad zu kämpfen hat.
Grass‘ gequälter Aufruf erwies sich also eher als Rohrkrepierer. Höflich hielt man ihm seine Kenntnislosigkeit des Konflikts vor. Aber darum geht es Grass gar nicht. In der Flakhelfergeneration von Grass und Augstein, der auch einer dieser geläuterten Antisemiten war, der die Juden zu seinen besten Freunden zählte, geht es um Insinuation und um Gerücht. Den Antisemitismus, den diese Generation geprägt hat, ist sie nie wieder losgeworden, weil sie ihn nie analysiert und deshalb auch nicht begriffen hat. Diese Leute dachten, sie würden ihn überwinden, indem man sich formal von ihm distanziert und indem man sich ordentlich zerknirscht gibt. Aber vor allem Grass, der seine »künstlerischen Defizite« durch »einen aufdringlichen Moralismus« (Karl Heinz Bohrer) wettzumachen versuchte, nahm es übel, daß sein Kotau nicht honoriert wurde, daß sich die Israelis nicht nach seiner Vorstellung formen ließen, daß sie nicht die gleichen Lehren aus der Geschichte zogen und nicht dem gleichen Weltfriedensbimmelbammel verpflichtet waren, zu dem man sich im friedlichen Lübeck ganz prima das entsprechende Gewissen machen kann.
Das nahm Grass den Israelis übel, und deshalb belästigt er sie mit seinem »nie zu tilgenden Makel« und beteuert ständig, wie sehr er dem Land »verbunden« ist und verbunden bleiben will, um ihm umso deutlicher zu sagen, was es tun und zu lassen hat. Schöner kann Hybris nicht daher kommen, denn sie tut in der Gestalt von Grass so, als wäre sie zerknirschte Demut. Ich will doch nur das Beste für dich, heißt das Argument, mit dem jede Gemeinheit und jeder Verrat legitimiert wird. Spätestens dann sollte man ganz schnell abhauen. Israel kann das leider nicht.