Sphärenklänge

Greil Marcus findet »Schmerz« sehr angemessen, um die Empfindung zu beschreiben, wenn man Astral Weeks von Van Morrison hört: »Der Schmerz, die Angst zu wissen, dass die Existenz der Musik anzuerkennen auch bedeutet, anzuerkennen, dass sie nicht existiert, weil es um ein Haar nicht dazu gekommen wäre. Was kann man davon lernen, welche letzten Worte kann sie auf jemandes Lippen zaubern? Was sagt sie aus, wo kommt sie her?« Das sind natürlich sehr existentielle Fragen, aber darunter machts Greil Marcus nicht. Aber irgendwie bin ich mir sicher, daß Greil Marcus der einzige ist, der sich diese Fragen stellt. Als er später ein Konzert Van Morrisons besucht, »stellten sich mir die Fragen, und ich begriff, dass es mir egal war. Was auf Astral Weeks geschieht, übersteigt diese Fragen. Es waren sechsundvierzig Minuten, in denen die Möglichkeiten des Mediums ausgereizt wurden – des Rock‘n‘Roll, der Popmusik, dessen, was man als Musik bezeichnen könnte, die gleichsam zeitlos und neuartig im Radio gespielt werden konnte –, Möglichkeiten, die sich ergaben, wenn man bis an die Grenzen dieser Musikform ging.« Puuuh, und ich hab die Scheibe einfach nur ein bißchen nebenbei gehört. Aber das ist ja das Bewundernswerte an Greil Marcus: Wenn man wissen will, was es über Astral Weeks zu sagen gibt, gibt es keinen besseren als Greil Marcus (außer vielleicht Lester Bangs natürlich). Keiner schreibt abgedrehter über Musik als er und bewegt sich dabei in Sphären, deren Zugang vermutlich nur ihm bekannt ist, um dort einsam seine Runden zu drehen, dabei ein assoziatives Feuerwerk der Worte entfachend, vor dem man staunend und ehrfürchtig steht und das man nur in ästhetischer Hinsicht auf sich wirken lassen kann, denn nur selten erwischt man einen Gedanken, den man glaubt nachvollziehen zu können, jedenfalls wenn er richtig loslegt.

Greil Marcus, »Über Van Morrison. When That Rough God Goes Riding«, kiwi, Köln 2011