Die Wahrheit über den 28. Spieltag

Nach dem Schlußpfiff waren alle hin und weg. »Wahnsinn!« sagten die Beteiligten und man fühlte sich schon fast wie nach dem Fall der Mauer. Oder, wie Eberhard Figgemeier einmal gesagt hat: »Was dieses phantastische Spiel an Werbung für den Fußball gebracht hat, ist nicht wieder gut zu machen.« Es war ein Spiel, daß niemand so schnell vergessen wird, der dabei gewesen ist, es war eine jener sehr seltenen magischen Nächte, die normalerweise Pokal- oder CL-Spielen vorbehalten sind, aber dieses Mal war es nur ein ganz gewöhnliches Bundesligaspiel, in dem nichts entschieden wurde und in dem nichts auf dem Spiel stand. Und das ist das Erstaunliche, denn am Ende hatte niemand eine Erklärung dafür, wie es dazu kommen konnte im Westfalenstadion, noch dazu gegen den VFB Stuttgart, der sich bei Spitzenleistungen bislang eher zurückgehalten hat. Woher plötzlich der Elan bei den Schwaben kam, die noch vor einer Woche ein Gruselspiel glücklich gegen den Club gewannen, weiß niemand, aber der Dortmunder Wirbelsturm scheint nicht nur, wie zuletzt in Köln, den Gegner in seine Bestandteile zu zerlegen, sondern ihn auch manchmal zu beflügeln. Zunächst hatten die Stuttgarter nur wenig den Dortmunder Hochgeschwindigkeitskombinationen entgegenzusetzen, aber der BVB ließ vier bis fünf hochkarätige Chancen verstreichen, bevor Stuttgart einmal gefährlich vors Dortmunder Tor kam. Am Ende der 1. Halbzeit stand es 1:0, wo es 5:1 hätte stehen können. Kurz nach der Halbzeit erhöhte Kuba auf 2:0 und alles schien seinen gewohnten Gang zu nehmen. Nicht nur der Zuschauer schien sich langsam zu entspannen, sondern auch die Dortmunder, wodurch die Stuttgarter langsam besser ins Spiel kamen und das Schicksal seinen ungerechten Lauf nahm, denn beim Anschlußtreffer wurde Subotic gerade an der Linie behandelt und fehlte hinten im Abwehrzentrum. Beim Ausgleich behinderten sich völlig unmotiviert Subotic und Hummels bei der Kopfballabwehr eines harmlosen hohen Balles, während Schmelzer ausrutschte und Schieber freie Bahn hatte. Als dann auch noch der Führungstreffer der Schwaben gelang, war das Unfaßbare eingetreten. Aber die schon reichlich platten Dortmunder gaben sich nicht geschlagen und nahmen noch einmal Fahrt auf. Hummels erzielte den erneuten Ausgleich und Perisic in der 87. Minute nach einer schönen Direktabnahme eines Eckballs sogar die erneute 4:3-Führung. Was sich dann in der Nachspielzeit abspielte war ziemlich absurd, denn Hummels und Schmelzer waren sich bei einem in den Strafraum geschlagenen Ball nicht einig, stolperten übereinander, während der Ball Gentner vor die Füße fiel, der ihn einfach ins Netz drosch. Dortmund hatte den Stuttgartern also mindestens zwei Treffer geschenkt und man fühlte sich schon fast wie damals in Marseille, wo man ebenfalls durch krasse Abwehrklopse glänzte. Jetzt sind die Bayern auf drei Punkte herangekommen durch ein ebenso glanzloses wie glückliches Gewürge in Nürnberg. Dann schon lieber Spektakel, Aufregung, Auf und Ab, verrückte Volten, Überraschungen, Spannung und Herzinfarkte als eine uninspirierte Treterei, wie man sie im CL-Spiel der Bayern gegen Marseille beobachten konnte. Gegen dieses verrückte Spiel der Dortmunder verblassen alle anderen Nachrichten, sogar das erfreuliche Abrutschen von Rehhagels Hertha auf einen Relegationsplatz und die Pleiten der Europaleague-Kandidaten Bremen und Leverkusen.