Die Wahrheit über den 23. Spieltag

Alle in Berlin scheinen daran zu glauben, daß Rehhagel mit seiner »Erfahrung« die Hertha vor dem Abstieg bewahren wird. Aber selbstverständlich wird er das genauso wenig tun wie der vor langer Zeit kurz vor Saisonende beim BVB verpflichtete Udo Lattek. Der BVB stieg zwar nicht ab, aber ob das ein Verdienst von Lattek war, läßt sich nicht nachweisen. Solche Notnagelverpflichtungen passieren immer, wenn im Verein die Verzweiflung groß ist. Dann werden Trainer reanimiert, die schon lange in Rente sind. Aber die Tatsache, daß Rehhagel mit seiner Zerstörungstaktik mit den Griechen einmal die EM gewann, ist noch lange keine Garantie, mit Hertha nicht abzusteigen. Trotz der großen »Erfahrung« setzte Rehhagel auf Offensive, weil er glaubte, den Augsburgern spielerisch überlegen zu sein. Und in der Tat hatten die Herthaner ja zuletzt gegen Dortmund überzeugt, hatten defensiv gut gestanden und verstanden offensiv, die Schwächen der Dortmunder aufzudecken, Gottseidank aber nicht zu nutzen. Darauf hätte sich aufbauen lassen, aber Rehhagel hat es in nur einer Woche seiner Regentschaft verstanden, alle positiven Ansätze zunichte zu machen. Die Abwehr wackelte plötzlich und vorne fiel dem formschwachen Raffael, der schon gegen Dortmund den Sieg hergeschenkt hatte, nichts ein. Aber genau auf ihn hatte Rehhagel gesetzt. Die Augsburger hingegen machten das, was sie können, nämlich rennen, kämpfen rackern und ackern, und so gut sind die spielerischen Mittel der Berliner auch nicht, um gegen eine solche Taktik zu bestehen, auf die man normalerweise selbst abonniert ist. Nach dem Spiel schob Rehhagel den schwarzen Peter seiner Mannschaft zu, die spätestens jetzt, wo man auf dem Relegationsplatz gelandet ist, wissen müßte, was die Glocke geschlagen hat. Für diese Erkenntnis hätte man keinen Trainer mit »Erfahrung« verpflichten müssen. Er verschwieg auch, daß er mit der offensiven Variante der Mannschaft offensichtlich ein falsches Signal gab. Das also war ein völliger Schlag ins Wasser, der dem Interimschef Rene Tretschock wahrscheinlich nicht passiert wäre. Aber deshalb gilt es Otto Rehhagel ja auch zu loben. Aber das ist nur ein erster Schritt. Erst wenn er Hertha mit seinen antiquierten Vorstellungen von »Ottokratie« und »Jeder kann sagen, was er will, aber gemacht wird, was ich sage« in die 2. Liga geführt hat, wird Preetz merken, daß es vielleicht keine so gute Idee war, einen »Erfolgstrainer« zu verpflichten, dem es mit 73 irgendwie zu langweilig geworden ist und der der Presse noch einmal seine abgestandenen Witzchen vorführen möchte, nach denen diese gierig und ausgehungert schnappt wie junge Hunde nach Knochen. Immer wieder wurde gezeigt, wie Rehhagel im langen Steppmantel im Schneegestöber steht und die Spieler ihre quälenden Runden drehen läßt. Kein Trainer, der noch alle Schweine im Rennen hat, würde das tun, denn inzwischen weiß jeder, daß man Kondition auch beim Spielen bekommt und deshalb nicht stundenlang im Kreis rennen muß. Und das Problem bei Hertha besteht nicht in mangelnder Kondition, sondern im Zusammenspiel.