Gott schütze mich vor meinen Freunden

Hemingway war einer der großen Vorbilder von Hunter S. Thompson. Schon allein deshalb ein Grund, ihn zu lesen. Aber irgendwie blieb ich bei jedem Anlauf stecken. Vielleicht liegts ja an der Übersetzung, dachte ich, und vielleicht stimmte das ja auch. Aber dann las ich »Paris. Ein Fest fürs Leben« und war schwer beeindruckt. Hemingway schreibt da in einer Geschichte »Ich erinnere mich an den Geruch der Kiefern«, was ja schon mal vorkommen kann, aber dann erinnert er sich in einem Absatz geschlagene viermal an irgendwas. Harry Rowohlt würde einen Anfall kriegen, denn daß man sich in einem Erinnerungsbuch an etwas erinnert, ist ja wohl das mindeste, das man erwarten darf. Schließlich erinnert er sich noch an seinen Freund Scott Fitzgerald, der mit »Der große Gatsby« ebenfalls laut Hunter S. Thompson das perfekte Buch geschrieben hat, weil darin kein Wort zuviel oder zu wenig stehen würde, also kein »Ich erinnere mich«, wofür ich jetzt aber meine Hand nicht ins Feuer legen würde. Hemingway bezeichnet Fitzgerald als seinen Freund. Nachdem man die Geschichte über ihn gelesen hat, weiß man wieder, wieviel Wahrheit der Spruch enthält, »Gott schütze mich vor meinen Freunden, mit meinen Feinden werde ich selber fertig«. Hemingway begleitet Fitzgerald auf eine Reise nach Lyon, um von dort dessen Auto nach Paris zu fahren. Fitzgerald entpuppt sich für Hemingway als Alkoholiker, Hypochonder, Irrer, als unzurechnungsfähig und bescheuert. Das ist manchmal hochkomisch, aber man nicht behaupten, daß Fitzgerald dabei gut wegkommt. Mit ihm empfindet Hemingway »jene Todeseinsamkeit, die am Ende jedes Tages kommt, den man in seinem Leben vergeudet hat«. Oder: Immerhin war Fitzgerald eloquent: »Beim Sprechen musste er nicht auf Rechtschreibung und Interpunktion achten, und du hattest nicht das Gefühl, es mit einem Analphabeten zu tun zu haben, wie es dir bei seinen unkorrigierten Briefen erging.« Ich Hätte damals auch gern in Paris gelebt, in den Cafés herumgehangen und ein bißchen geschrieben. Dafür hätte ich auch Hemingway und Fitzgerald in Kauf genommen.

Ernest Hemingway, »Paris. Ein Fest fürs Leben«, Rowohlt, Reinbeck 2011. Aus dem Englischen von Werner Schmitz