Dialog und Orientierungshilfe. Das neue “philosophie Magazin” stellt sich vor

Das neue philosophie Magazin hat zum Frühstück im Café Einstein eingeladen. Um 11 Uhr. Eine gute Zeit zum Frühstücken, und das dann noch garniert mit Philosophie. Kann man schon mal probieren. Ein kleiner Nebensaal des Cafés mit Holzvertäfelung und vielen altehrwürdigen Folianten hinter Glas, die seit Jahrzehnten nicht mehr angerührt wurden, bildet den irgendwie nicht wirklich passenden Rahmen für die Vorstellung eines Philosophie Magazins, das modern und aufgeschlossen sein will und nach einer Marktlücke sucht. Das Blatt ist ein Ableger des Philosophie Magazine aus Frankreich, das dort immerhin 52000 Exemplare verkauft. Die Idee kam dem französischen Verleger Fabrice Gerschel im Sommerurlaub am Strand, als er in seiner Gewohnheit, philosophische Bücher zu lesen, von seinen Kindern abgelenkt wurde, und dann auch nicht wußte, welche er am besten lesen sollte. Fabrice Gerschel suchte Orientierung. Und als solcher fühlte er sich berufen, Orientierung zu geben, natürlich mittels einer Zeitschrift. Er war so begeistert über seine eigene Idee, daß er sie gleich in die Tat umsetzte.
Und jetzt erscheint die Zeitschrift auch in Deutschland. Der Chefredakteur Wolfram Eilenberger wird u.a. als ehemaliger Philosophischer Korrespondent von Cicero vorgestellt, was ich sehr überraschend finde, daß sich Cicero so was gehalten hat. Eilenberger ist sehr eloquent. Er erinnert daran, »was ein Gedanke, ein Buch, ein Gespräch im Leben verändern kann«. Eilenberger will »Denkanstöße« geben, einen »Dialog« eröffnen, einen »lebendigen Austausch von Gedanken« ermöglichen, »Orientierungsbedürfnisse« befriedigen und solchen Fragen auf den Grund gehen wie »Sind Facebookfreunde wirkliche Freunde, oder fehlt da was?« Ich komme mir vor wie in einem Kaffee-Kreis mit betulichen Tanten, die sich von einem total netten Pastor ein bißchen religiöse Erbauung zum Nachtisch servieren lassen. Ich dachte immer, wenn Philosophie zu was gut ist, dann um Begriffe zu schärfen und nicht, sie als Seife zu benutzen. Steffen Seibert hätte das nicht besser gemacht, und irgendwie glaube ich, daß die beiden Brüder im Geiste sind, denn auch auf die Frage nach dem möglichen Leser erhält man eine Seibertsche Antwort: »Menschen, die an ihrer Lebenssituation interessiert sind.«
Das sind natürlich sehr viele Menschen, genaugenommen sogar alle. Und die will Eilenberger auch nicht verprellen, indem er eine taz im Magazin-Format herausbringt. Eilenberger hält die taz für links, was ja eine interessante These ist, und die Philosophie sei nun mal keine Frage von links oder rechts. Womit er natürlich recht hat. Vermutlich soll die Philosophie des philosophie Magazins auch nicht zu kritisch sein, eher eben Lebens- und Orientierungshilfe, aber ob Eilenberger das besser kann als Brigitte? Jedenfalls sucht da jemand fleißig nach einer Marktlücke im Mainstream, aber das Problem dabei ist, daß da meistens schon alles besetzt ist. Da helfen dann auch Schaumbegriffe aus dem Wörterbuchs des Gutmenschen nicht.
Auf dem Heft Nummer 1 befindet sich ein Foto. Babybeine stecken in zu großen Schuhen. Das ist auch für das philosophie Magazin sehr symbolisch. Der Aufmacher ist eine Frage: »Warum haben wir Kinder?« Das ist jetzt nicht so interessant für mich, denn ich habe schon welche. Ein bestimmt kontroverses »Pro und Contra« gibt es auch, und zwar zur Frage »Hat die Natur immer recht?« Dann will Axel Honneth »Das Finanzkapital entmachten«, was ja gerade sehr in ist. Julian Assange befindet sich »im Dialog mit dem Philosophen Peter Singer«, der für Tierschutz und Euthanasie eintritt und als Moralphilosoph gilt. Und schließlich wird noch Aristoteles als »das erste Universalgenie« mit einem 16-seitigen Booklet »Über die Freundschaft« geehrt. Ob das die Themen sind, die Menschen interessieren, die an ihrer eigenen Lebenssituation interessiert sind?