Buchmessenreport Teil 3

Auf der Buchmesse sind sehr widersprüchliche Erscheinungen zu beobachten, die darauf schließen lassen, daß die Buchbranche an einer schweren Krankheit leidet. Wie Oliver Jungen in der FAZ herausgefunden hat, geht der Trend zum dicken Buch. Uwe Tellkamp, Frank Schätzing, und seit neuestem Jan Brandt, kaum jemand macht es mehr unter 1000 Seiten. Die englische Krankheit, wie dieses Phänomen genannt wird, setzt voraus, daß kein Lektor mehr den Schreibtrieb des Autors bremst und den Wildwuchs eindämmt. Lektoren sind aber sowieso am Aussterben, bzw. haben sie inzwischen auf die Betreuung schwieriger Autoren umgeschult, die wiederum so schwierig sind, weil sie unter dem Druck stehen, ihre Stoffe ständig in die Länge ziehen müssen, um den Kollegen seitenzahlmäßig hinter sich zu lassen. Unter den Autoren ist ein heftiger Konkurrenzkampf entbrannt, wer den längsten – nein, nicht was Sie denken, sondern – Roman schreibt. Auch wenn der Leser, wie die FAZ vermutet, an solche Schinken durch Harry Potter gewöhnt ist, nimmt die Bereitschaft der Leser immer mehr ab, Tausendseiter zu lesen. Sie deprimieren ihn. Das hat wiederum zur Folge, daß der Buchverkauf rückläufig ist, was aber auch etwas mit der Krise zu tun haben soll, die sich inzwischen auch auf der Messe herumgesprochen hat. Viele Verleger sind dazu übergegangen, kleine Auflagen zu drucken, müssen dafür aber mehr Bücher produzieren. Dadurch entsteht der Eindruck einer vielfältigen Buchlandschaft, Ökonomen hingegen sprechen von einer Buchüberproduktion. Das geht wiederum nur, weil die Drucktechnik revolutioniert wird. Zwischen dem herkömmlichen Offsetdruck und der neuen Print-on-Demand-Technik erkennt der Leser keinen Unterschied, obwohl er eigentlich nur eine Art gebundene Kopie in den Händen hält. Und die Print-on-Demand-Technik entwickelt sich rasant weiter. In Halle 4 steht ein Print-on-Demand-Drucker, der auf Rolle drucken kann und nun auch in höheren Auflagenbereichen dem Offset-Druck Konkurrenz macht. Seit dieser Entwicklung sieht man viele verzweifelte Drucker auf der Messe umherirren, die Verleger um Druckaufträge anbetteln. Aber auch die Verleger wirken orientierungslos. Sie stehen Phänomenen wie die Bestsellerqualität eines Bud Spencer hilflos gegenüber. Sie verstehen immer noch nicht, wie Charlotte Roche über sie hereinbrechen konnte, und wie immer fangen sie dann an, diese Phänomene zu imitieren. Verleger und sehr junge Verlagsdamen fangen dann an, das Problem der Achselbehaarung sehr ernst zu nehmen. Autoren, die sich weigern, sich mit Intimrasur zu beschäftigen, werden kaum mehr wahrgenommen. Aber sie haben sowieso kaum eine Chance mehr, ihre Manuskripte auf das Messegelände zu schmuggeln, seit ein Verlegerzusammenschluß ein Manuskriptverbot auf dem Messegelände durchgesetzt hat. Autoren sind jetzt schlauer geworden. Sie interessieren sich auffällig für die Verlagsbücher und kaufen verbotenerweise sogar ein Buch, und sobald sie die Aufmerksamkeit des Verlegers auf sich gezogen haben, schieben sie ihm dezent ein Manuskript unter. Diese kleinen illegalen Aktionen sind jedoch nur Randphänomene, denn die Zukunft gehört dem E-Book und dem Internet. Man muß als Aussteller viel Geld zahlen, um an dieser Zukunft partizipieren zu dürfen. Auf der Messe allerdings funktioniert sie nicht. Kann man überall sonst ins Internet, auf der Messe ist das unmöglich. Im Pressezentrum sieht man verzweifelte Journalisten, die ihre Messeberichte nicht wegschicken können und sie dann via Telefon aufs Band sprechen müssen. Am nächsten Tag sind dann häufig überraschend lustige Artikel zu lesen, die man den seriösen Blättern gar nicht zugetraut hätte. Die Zukunft des Buches ist außerdem auf dem großen Platz zwischen den Messehallen zu bewundern. Dort steht ein überdimensionierter großer aufgeblasener aerodynamischer Kuhfladen von Audi. Der ist wahrscheinlich von der letzten Automesse stehengeblieben, aber erst auf der Buchmesse ist er eine wahre Attraktion.