Die Wahrheit über den 12. Bundesligaspieltag

Von Hamburg aus, wo ich am Vortag gewesen war, hätte ich über Hannover zurückfahren können. Aber abgesehen von gewissen üblen alkoholischen Folgeerscheinungen hatte ich kein gutes Gefühl und auch keine Lust, den Dortmundern schon wieder beim Verlieren zuzugucken. Meine Milchmädchenrechnung basierte auf der Überlegung, daß nach jedem guten Auftritt wie den zuletzt zu Hause gegen die Bayern, als sich alle ungläubig die Augen rieben, der Absturz folgt. Das Bayern-Spiel endete zwar torlos, aber man merkte den Dortmundern an, daß sie bis in die Haarspitzen motiviert waren, schließlich sind Gegner internationalen Formats selten geworden in Dortmund. Die Schwarzgelben hätten sogar gewinnen können, wenn es nicht gerade der Chancentod Valdez gewesen wäre, der frei vor dem Bayerntor zum Schuß kam. Einige Spieler wuchsen sogar über sich hinaus wie Tinga, der sensationell aufspielte. Diese Motivation ist bei einem Gegner wie Hannover natürlich schwer zu halten, aber eigentlich müßte man genau das von einem Trainer wie Doll erwarten können, wenn er schon mit einem rostbraunen Kapuzenshirt herumläuft und auf streetcredibility macht. Aber wenn Doll schon in dieser Hinsicht nicht punkten kann, was bleibt dann? Eine Handschrift kann ich nicht so richtig erkennen. Schnelles, direktes Paßspiel? Dazu fehlt schon das Personal. Zuviel mittelmäßige Spieler, die wie Brzenska schon bei einem einfachen Querpaß in die Bredouille kommen, wenn der Gegner ein bißchen Vorchecking spielt. Immerhin, die ersten zwanzig Minuten war Dortmund besser und hatte sogar ein paar Chancen, aber aus unerfindlichen Gründen überließen sie danach den Hannoveranern die Initiative. Okay, der überragende Tinga mußte verletzt zur Halbzeit heraus, konnte von Kruska in keinem Moment ersetzt werden, Valdez war wie immer bemüht, aber völlig ohne Wirkung, Buckley zeigte sich nur dann, wenn er den Ball ab und zu mal schnell durchs Mittelfeld schleppte, und Degen war sensationell schlecht. Wie er Pinto im Strafraum völlig unnötigerweise umsäbelte, dafür müßte ihm schon eine Dämlichkeitsmedaille überreicht werden. Aber auch vorher glänzte er durch Fehlpässe und ungeschicktes Zweikampfverhalten. Er war der Mann, den der Gegner braucht, um zu gewinnen. Keine Ahnung, warum Doll an ihm festhält und der Verein sogar eine Vertragsverlängerung mit ihm anstrebt. Es war genau das richtige Spiel, um sich übermüdet am Tresen festzuhalten und alles wie durch einen Tunnel an sich vorbeiziehen zu lassen. Ob ich geweint hätte und ob ich nicht endlich meinen Vereinsabzeichen abnehmen würde, simste mir eine Freundin nach dem Spiel. Warum sollte ich? Die 2:1-Niederlage in Hannover ließ mich unberührt. Ich hatte sie erwartet, und insofern hatte ich mich mal wieder auf meinen Verein verlassen können. Und das hat ja auch was. Es ist wie eine alte Ehe. Es passiert nichts Unvorhergesehenes mehr und dennoch trägt man den Ring, and he doesn‘t burn your finger, wie es in einem Lied heißt.