Widerstand und Glamour. Die Clash erzählen die Geschichte ihres Erfolgs

Als der Chronist der Punkbewegung Jon Savage die Clash Ende Oktober 1976 zum ersten Mal sieht, notiert er in sein Tagebuch: »Plötzlich gehen vier Männer mit brutal geschnittenen Haaren auf die Bühne, bellen in ein Mikrophon und machen Krach. Der Krach verschmilzt mit dem Tempo zu einem vollkommenen Chaos. Nach zehn Sekunden bin ich wie versteinert, nach dreißig hat sich mein Leben für immer verändert.« Das ist der Stoff, aus dem die Mythen sind.
Damals braute sich in London in kleinen Zirkeln von musikverrückten und aus der Umlaufbahn des normalen Lebens geworfenen Jugendlichen um die Sex Pistols, The Damned, The Buzzcocks, den Subway Sect und Siouxsie and the Banshees etwas zusammen. Mit ihren aufrührerischen und anarchistischen Songs wurden sie innerhalb kurzer Zeit plötzlich zum Vorposten einer ganzen Generation, die radikaler als selbst die 68er alles in Frage stellten, aufgewachsen in einer Gesellschaft, die tief in einer Krise steckte und ihnen nichts zu bieten hatte außer »No Future«. Im heißen Sommer 1975 herrschte in England eine apokalyptische Untergangsstimmung, es gab seit dem 2. Weltkrieg noch nie so viel Arbeitslose, Schulabgänger kriegten keinen Job, die öffentlichen Ausgaben stiegen auf gefährliche 45 % des nationalen Einkommens, und wie immer in solchen Situationen wurde der soziale Haushalt zusammengestrichen.
Das alles steht natürlich nicht in dem Buch, das schlicht »The Clash« heißt. Von diesem Fanbuch kann man allerdings auch schlecht erwarten, daß es den sozialen Hintergrund mit reflektiert, aber die Clash haben in ihren Songs den Lebensnerv einer ganzen Jugend getroffen, indem sie den sozialen Zusammenbruch thematisiert haben. In diesem Fanbuch kommen ausschließlich die vier Bandmitglieder zu Wort. Es setzt sich aus langen Interviews zusammen, wobei einzelne Passagen dem jeweiligen Ereignis, Song, Konzert etc. zugeordnet sind.
Natürlich fehlt auch diesem Fanbuch der distanzierte, analytische Blick, aber man hat nicht das Gefühl, seine Zeit mit Selbstbeweihräucherung und Kommentaren, wie »geil« und »irre« alles gewesen war, verplempert zu haben. Joe Strummer ist dabei der Kommunikator und der Reflektierteste von allen. Er war der Songschreiber. Mick Jones war der Musikbegabteste, der die Musik zu den Texten erfand. Paul Simonon war der Poser und Topper Headon der Drogenfreak, der zwar wichtig für die Gruppe war, nicht zuletzt, weil er als Schlagzeuger den Songs ein Gerüst gab, der aber genauso gut bei Led Zeppelin hätte spielen können, dem Inbegriff einer bescheuerten Megaband.
Ende 1977 begleitete Lester Bangs die Clash auf einer England-Tournee, weil sie nicht nur als die »durchgeknallteste Band« galten, sondern vielmehr, weil Bangs einen »beharrlichen Humanismus« in ihnen verwirklicht sah. Die Clash pflegten einen egalitären Kontakt zu ihren Fans und Bangs glaubte bereits, einen »flüchtigen Blick auf eine bessere Welt« wahrgenommen zu haben. Je berühmter und bekannter die Clash jedoch wurden, desto weniger ließ sich das ursprüngliche Ideal aufrechterhalten. An ihren Überzeugungen jedoch änderte sich wenig. The Clash war die Band, die es mit »Guns of Brixton«, einem Aufruf zum bewaffneten Widerstand, immerhin in die Charts schafften, und in deren Songs häufig eine aus heutiger Sicht etwas naive Romantik von Gangs und Gangstern, Rebellion und Straßenschlacht gefeiert wurde. Aber schon damals kam das nicht überall gut an. Julie Burchill und Tony Parsons, die damals beim New Musical Express arbeiteten, schrieben ihrem Nachruf auf den Rock‘n‘Roll »The Boy Looked At Johnny«, daß die Clash die erste Band gewesen sei, »die die soziale Regellosigkeit als eine Marketingtechnik benutzten«, um ihre Produkte zu platzieren.
In »The Clash« werden die Entstehungsgeschichten vieler Songs erzählt. Joe Strummer und Paul Simonon, die in einem besetzten Haus wohnten, waren mitten drin im Notting Hill Carneval-Aufstand am 31. August 76, der Joe Strummer zu »White Riot« inspirierte. Vom Pessimismus der Sex Pistols unterschieden sich die Clash mit dieser politisch radikalen Haltung, die auch ihre absurd-lächerlich-lustig-dilletantischen Seiten hatte, wenn Joe Strummer über die Schwierigkeit erzählt, ein Auto abzufackeln. Weit davon entfernt, nur eine simple Agit-Prop-Band zu sein, was schon an ihrem Willen zur musikalischen Weiterentwicklung zu erkennen war, hatten die Clash Stil und eine Ausstrahlung, in der politischer Widerstand und Glamour zusammen gingen. Und in »The Clash« kann man sich Backstage begeben und in diesem längst verloschenen Glanz noch ein bißchen schwelgen, konserviert durch grandioses Foto- und Bildmaterial.

Joe Strummer, Mick Jones, Paul Simonon, Topper Headon, »The Clash«, aus dem Englischen von Violeta Topalova, 408 Seiten, 16.99 Euro