Too sexy for the Führerbunker

Ein schneller, kleiner, schmutziger, fröhlicher Hank-Meyer-Krimi

Die Zitate, die Stefan Maelck seinem 3. Roman »Tödliche Zugabe« voranstellt, stammen von Nick Cave, Raymond Chandler und Albert Camus. Nick Cave besingt betrunkene Heilige, die den Mond anheulen, Chandler schreibt über schäbige Straßen, durch die ein Mann mit weißer Weste gehen muß, und Camus reflektiert die Konsequenz eines Mords, der aus Vernunftgründen begangen wurde. Bei den drei Referenzen weiß man schon mal eins: Der Mann hat einen guten Geschmack, und das ist ja schon mal die Grundvoraussetzung allen guten Schreibens. Wer jetzt jedoch ein gewichtigen literarischen Wälzer erwartet hat, bei dem die Augen der Feuilletonmafia feucht werden, der wird enttäuscht.Stefan Maelck hat einen kleinen, schnellen, absurden Krimi geschrieben, der durch seine unverantwortliche Fröhlichkeit besticht, und er ist damit weniger in die Fußstapfen eines Chandler getreten als vielmehr in die eines Jonathan Latimer, eines Edgar Box oder eines Kinky Friedman. Hinter dieser Fröhlichkeit aber steckt immer noch Chandler genug, um die meisten anderen Adepten des Krimischreibergewerbes alt aussehen zu lassen, z.B. die Handlung wie ein kaputtes Fenster aussehen zu lassen, das im Wind quietscht und knarrt, wie Chandler einmal in einem Brief schrieb. Wozu auch braucht man eine gut durchkonstruierte Handlung, wenn sie sich dann auf einer derart hölzernen Erzählschiene dahinschleppt, daß höchstens eine barocke Leserschaft auf ihre Kosten kommt, die wissen will, wann genau der Fünf-Uhr-Tee eingenommen wurde, wenn der Mord fünf Minuten später passierte, die Standuhr aber zehn Minuten vorher stehen geblieben ist, oder weiß der Henker, an welchen verzwackten Konstruktionen sich eine Mimi erfreut, die ohne Krimi nie ins Bett geht. Sollten Sie also auf Handlung stehen, vergessen Sie »Tödliche Zugabe«.Hier geht es um andere, weit essentiellere Dinge, z.B. um das Leben und seine Abgründe, und die sind bekanntlich niemals logisch. Na gut, »Tödliche Zugabe« spielt in Halle, wo man einen Privatdetektiv wie Hank Meyer nicht unbedingt vermuten würde, aber why the hell not. Auch ostdeutsche Kleinstädte brauchen jemand wie Stefan Maelck, der sich um sie kümmert und literarisch verewigt. In »Tödliche Zugabe« jedenfalls blüht das Städtchen in einer Weise auf, daß man sogar Lust bekommen könnte, darin zu leben, weil es verruchte Bars mit guter Musik gibt, Puffs mit großzügigen Puffmüttern und Konzerthallen, in denen Gitarristen mit ihrer Gitarre aufgespießt werden. Halle wird das nicht gefallen, denn Halle ist wie jede andere biedere Kleinstadt scharf darauf, ein nettes malerisches Bild in der Öffentlichkeit abzugeben. Aber da muß Halle nun durch.Stefan Maelck ist ein Autor, der für eine gute Pointe seine Großmutter verraten würde. Und aus diesem Grund lassen sich auf jeder Seite mindestens zwei Stellen finden, die man sofort auswendig lernen möchte. Und meistens versteckt sich eine kleine oder größere Referenz dahinter, wie z.B. beim großen Finale, als aus einer überdimensionalen Torte jemand mit Uzi rausspringt, um ein Massaker anzurichten, und einem natürlich sofort die Szene aus »Manche mögens heiß« einfällt, als auf dem Kongreß der »Freunde der italienischen Oper« mit der Mafiakonkurrenz aufgeräumt wird. So macht die Lektüre eines Romans Spaß.Hank Meyer schlägt sich mehr schlecht als recht durchs Leben. Er ist nicht der Mann, der zielstrebig auf die Rente hin arbeitet. »Mein Bekanntenkreis bestand aus Radiofuzzis, Plattendealern und Polizisten, also lediglich aus Menschen, die in der Nahrungskette als Zweitverwerter galten.« Der Protagonist hält sich so gut es geht an Karl Kraus, der hellsichtig erkannt hatte, daß »alle größeren Dummheiten am Vormittag geschehen«, weshalb er dazu rät: »Der Mensch sollte erst erwachen, wenn die Amtsstunden zu Ende sind. Er trete nach Tisch ins Leben hinaus, wenn es frei von Politik ist.« Außer Privatdetektiv und Redakteur einer Musiksendung ist Meyer auch noch Trinker. »Und im Gegensatz zu Menschen, die gar nicht tranken, konnte ich durch Abstinenz jederzeit etwas für meine Gesundheit tun.« Dieser positive Aspekt fehlt bei Hank Meyers Tätigkeit als private eye, denn »die Zeiten waren mies, viele meiner früheren Kunden hatten inzwischen den ganzen Tag zur freien Verfügung und konnten ihre Frauen selbst überwachen. Größere Fälle spielten entweder in der Wirtschaftskriminalität oder im Kino.«Hank Meyer ist verrückt nach Musik, und da fügt es sich auf wundersame Weise, daß ein paar Rock‘n‘Roller aus zwei Ostbands ermordet werden, quasi als Strafe dafür, daß ihre Musik »so klang, als würde man Katzen killen.« Und das ist ein weiterer vergnüglicher Grund, diese Kolportage zu lesen, denn Stefan Maelck ist ein ausgezeichneter Musikkenner, dessen drunken Saints u.a. Warren Zevon, Johnny Cash und Elliot Smith sind. Man erfährt viele aufschlußreiche Dinge, so daß das Buch nicht nur der Erbauung, sondern auch der Belehrung dient. Und was will man mehr von einem kleinen roten Hardcover?Zum Beispiel lernt man, daß es beim Soul ums Überleben geht, »beim Rock‘n‘Roll um die verschiedenen Formen des Todes«, und die werden dann ja auch im Verlauf des Buches in Szene gesetzt. Und wenn am Ende dem Gesetz des Genres mit der Auflösung des Falls Genüge getan wird, kommt noch einmal Albert Camus zur Geltung, der in »Das Absurde und der Mord« schrieb, daß der Mord ohne Vernunftgründe dem »Irrsinn« die Tür öffnet. Die Konsequenz wäre, schreibt Camus, »sich abzuwenden«. Das muß man bei Stefan Maelck nicht, denn der Irrsinn, der bei ihm Einzug hält, ist der Irrsinn eines vollkommen unverantwortlichen Lebens, aus dem sich Anarchie und Chaos einfach nicht vollständig eliminieren lassen. It‘s only Rock‘n‘Roll but I like it.<!–[if !supportEmptyParas]–> <!–[endif]–>Stefan Maelck, »Tödliche Zugabe. Hank Meyer ermittelt«, Rowohlt Berlin, 2007, 207 Seiten, ?.- Euro<!–[if !supportEmptyParas]–> <!–[endif]–>