Schreckliche Reisen. Martha Gellhorn liebt die Menschheit und haßt die Menschen

Martha Gellhorn war die Grand Dame in der Kriegsberichterstattung im letzten Jahrhundert. Sie trieb sich auf so ziemlich allen Kriegsschauplätzen herum, oder zumindest an deren Peripherie. Sie war zusammen mit Hemingway in Madrid, als der spanische Bürgerkrieg tobte, sie folgte den amerikanischen GIs durch das frisch besetzte Deutschland und war erschüttert über die unerschütterlichen Gemüter der Deutschen, die sich erstaunlich schnell zu Widerstandskämpfern gegen Hitler stilisierten, sie berichtete über die Kriege in Finnland, auf Java, in Vietnam und vom Sechstagekrieg. Es gab auf der Welt kaum einen Ort, den sie nicht bereist hat.
1978 schrieb sie einige ihrer Reiseerlebnisse nieder, in denen nicht irgendein Krieg im Vordergrund stand. Weil sie sich aber bewußt war, dass reine Reiseerzählungen in der Regel öde sind, schreibt sie über katastrophale Reisen, denn erst das erlittene Unglück macht die Geschichte für den Zuhörer oder Leser interessant. 1990 ist das Buch aus unerfindlichen Gründen in der rororo-Reihe »neue frau« erschienen, wo es unterging, weil es sich um Etikettenschwindel handelte. Es dauerte dann zwanzig Jahre, bis es in der gleichen kongenialen Übersetzung von Herwart Rosemann unter dem Titel »Reisen mit mir und einem anderen« im Rahmen einer kleinen Werksausgabe und in schöner Aufmachung erschien.
Der »andere« im Titel ist niemand anderes als Ernest Hemingway, mit dem Martha Gellhorn eine Zeit lang verheiratet war, was sich aber schnell als Irrtum für beide Seiten herausstellte, denn Geduld und Höflichkeit gehörten nicht zu seinen »bekanntesten Qualitäten«, wie Gellhorn sehr zurückhaltend über den in der Reise nach China »UB« (Unwilliger Begleiter) genannten Hemingway schreibt, den sie so lange beschwatzte, bis er diese »Superschreckensreise« mitmachte.
1941 dauerte der japanisch-chinesische Krieg schon eine kleine Ewigkeit, aber die Japaner gehörten seit neuestem zur Achsenmacht. Von den Japanern sah man nur ab und zu oben am Himmel ein paar Flugzeuge. Auf der Erde aber herrschte Dauerregen und chinesisches Dauergeschwätz, »ein näselnder, rauher Singsang«. Schlimm genug, was aber Martha Gellhorn wirklich schaffte, war der »Schleimhusten«, die chinesische Eigenart, überall auszuspucken. Bei Gellhorn, die aus gutbürgerlichem Hause kam und mit den Roosevelts befreundet war, rief ein solches Benehmen Brechreiz hervor. Überhaupt könnte der Kontrast kaum größer sein, wenn sie als gut erzogenes amerikanisches Kind mit einer Welt konfrontiert wird, in der höfliche Umgangsformen nichts gelten oder auf Unverständnis stoßen. Da aber Martha Gellhorn nicht bereit war, auf gewisse zivilisatorische Standards zu verzichten und sie sich vor Dreck ekelte, der bei solchen Reisen aber inklusive ist, scheute sie sich auch nicht, ihrem Ärger Luft zu machen, und dann schimpfte sie auf wunderbare Weise auf die Unfähigkeit der Leute, die Zustände, die Beschwernisse und auf sich selbst, weil sie sich immer wieder ohne Not in solche Situationen begab. Und wenn man jetzt glaubt, daß ihr ganz recht geschehe, weil diese Haltung borniert ist und man sich in anderen Kulturkreisen eben anpassen müsse, der ist schief gewickelt, denn erst durch diese Spannung wird aus einem gewöhnlichen Reisebericht Literatur, aus einer zähen Erzählung ein lustiges Stück Prosa.
»Wir lachen nicht über die gleichen Witze. Wir langweilen uns gegenseitig zu Tode. Wann immer ich die Chinesen zusammen lachen sah, sagte ich: ›Bitte übersetzen, schnell, schnell, damit ich den Witz verstehe.‹ Wenn ich dann die Übersetzung hörte, versteckte ich mich hinter einem verwunderten Lächeln. Was um Himmels willen gab es denn da zu lachen?« Von General Tschiang und seiner Frau waren die beiden zum Essen eingeladen, und als sie später einem Mitarbeiter der amerikanischen Botschaft darüber berichtet, »war der ganz außer sich ob der Ehre, die uns zuteil geworden war, denn es war das höchste Kompliment, vom Generalissimo ohne sein Gebiß empfangen worden zu sein.« Aber auch dieses Gespräch langweilte Gellhorn, und das macht sie auch so sympathisch, denn während für andere ein solches Treffen ein Meilenstein ihrer Biographie darstellen würde, spöttelte Gellhorn: »Je mächtiger, desto langweiliger.«
Aber auch sich selbst spart sie in ihren sarkastischen Kommentaren nicht aus, denn als sich die Möglichkeit bot, den kommunistischen Widersacher Tschou En-lai in einem Versteck zu treffen, hatte Gellhorn keine Ahnung, um wen es sich da handelte, weshalb sie schreibt, daß Tschou En-lai sie »für hirnlose Hammel ersten Ranges gehalten haben« muß. Aber Gellhorn war von diesem Mann überaus angetan und sie wäre ihm weiß der Himmel wohin gefolgt, sie hätte nur rasch ihre Zahnbürste geholt, denn zum ersten Mal konnte sie mit einem Chinesen über die gleichen Witze lachen.
Andere katastrophale Reisen führten sie 1942 in die Karibik, wo sie hoffte, etwas vom U-Boot-Krieg mitzubekommen, der damals in aller Munde war, eine weitere Reise ging nach Afrika, auf der ihre Nase zum größten Hindernis wurde, denn sie war »buchstäblich angeekelt vom Geruch der Schwarzen – ein süßlicher Gestank aus Urin und Schweiß«, wo ein wenig Seife bereits für eine »bessere Welt« gesorgt hätte, und sie war zu Besuch bei Nadeschda Mandelstamm, die mit ihrem Erinnerungsbuch an ihren Mann »Generation ohne Tränen« im Westen sehr erfolgreich war, aber Rußland weckte in Gellhorn nur einen Wunsch. Schnell weg hier: »Im allgemeinen beschwingt es mich nicht, nach Hause zu kommen, wo immer ich auch gerade zu Hause bin. Zu Hause ist da, wo der alte Trott wieder anfängt. Diesmal war ich in Ekstase.«
Das alles sind keine Ressentiments, wie der auf bestimmte Reflexe trainierte Leser schnell glauben mag, sondern vorbehaltlose Schilderungen ihrer Wahrnehmung, in denen die sozialen und gesellschaftlichen Mechanismen nicht ausgeblendet, ja durchaus berücksichtigt werden, die sie aber dennoch nicht daran hindern, zu sagen, was sie denkt, wenn ihr etwas gegen den Strich geht. Sie nimmt dabei keine Rücksicht auf sich und andere, sie stellt sich in keinem sehr günstigen Licht dar, aber genau das macht das Faszinierende ihres Schreibens aus. Hemingway hat auf der gemeinsamen Reise durch China sehr schnell erkannt, was »das Problem« mit Martha Gellhorn war: »Martha liebt die Menschheit, aber sie kann Menschen nicht ertragen.«

Martha Gellhorn »Reisen mit mir und einem anderen. Fünf Höllenfahrten«, mit einem Nachwort von Sigrid Löffler, deutsch von Herwart Rosemann, 544 Seiten, Leinengebunden, 24.90 Euro.