Die Wahrheit über den 1. Spieltag

Die erste Halbzeit der Schwarzgelben gegen die Hamburger war richtiger Fußballzauber. »Die beste Halbzeit, die ich je gesehen habe«, schwärmte ein schwäbischer Fachmann, schränkte dann aber ein: »In dieser Saison.« Okay, vielleicht doch kein Fachmann, dachte ich. Zudem mußte auch konzediert werden, daß der HSV nach der letzten katastrophalen Saison, in der es mal wieder nicht geklappt hat, mit teuren Spielern einen internationalen Wettbewerb zu erreichen, sich im Umbruch befindet und es jetzt auch mit jungen Spielern versucht. Dennoch spielte der HSV nicht schlecht und hätte in dieser Verfassung gegen andere Mannschaften durchaus gewonnen, aber gegen die unglaublich stark auftrumpfenden Dortmunder kamen die Hamburger kaum aus der eigenen Hälfte heraus. Und das war nicht unbedingt zu erwarten, denn die Dortmunder waren immerhin auf vier Positionen verändert. Aber es fiel absolut nicht auf, daß Sahin, Barrios, Subotic und Schmelzer fehlten. Die Neuen fügten sich nahtlos in das allseits bewunderte lauffreudige Spielsystem ein. Und wie immer war Mario Götze einfach sensationell. Von seinen Mannschaftskollegen inzwischen »Götzinho« genannt, war er der Mann des Spieltages. Der Ex-Dortmunder Mladen Petric, der selbst ein außergewöhnlicher Spieler ist, dessen Weggang ich damals bedauerte (zu Unrecht, wie sich dann herausstellte, weil das Teil eines Masterplans von Klopp war), Petric also sagte, daß er Götze schlicht für den besten Spieler der Liga hält, und selbst der von Fachwissen unbeleckte Fachmann Beckenbauer schwärmte sich um Strohkopf und Stehkragen, als er Götze in den Fußballolymp lobte und ihn auf die gleiche Stufe wie Messi stellte. Trotzdem verliert Götze natürlich manchmal den Ball, aber wie sein Mannschaftskollege Sven Bender sagte, es ist egal, wie man Mario anspielt, »er saugt die Kugel an, als ob er einen Magneten im Schuh hätte«. Götze könnte jedoch nicht so brillieren, wenn er nicht die Leute hätte, mit denen sich auch zusammenspielen ließe. Die Kombination zwischen ihm und Lewandoski zum 2:0 war einfach unwiderstehlich. Das heißt, die Kollegen müssen auch ein bißchen was auf der Pfanne haben. Aber nicht nur das, es muß auch noch das Spielverständnis hinzukommen, denn bekanntlich gewinnen zehn Solisten nicht mal gegen eine Zweitligamannschaft. Und dann werden die Spiele auch immer mehr über das Laufen und die Einsatzfreude entschieden. Zehn Kilometer sind die Schwarzgelben mehr als die Hamburger gelaufen. Ich würde nicht mal zwei davon schaffen. Und diese Gier nach dem Ball, ihn zurückzuerobern, wenn er mal verloren gegangen ist, dieses völlig andere Konzept zu dem »Jetzt warten wir mal ab, was passiert«, das macht das Spiel attraktiv und lebendig. Und weil der BVB inzwischen so häufig mit Barcelona verglichen wird: Dortmund spielt nicht auf Ballbesitz, um den Gegner zu entnerven, sondern sie riskieren auch etwas, auch bei ihnen kann die Kugel schnell wieder verloren gehen, aber dann macht man sich mit Volldampf daran, sie sich schnell wieder zu holen. Wenn ich vorher dachte, Dortmund könnte in der Saison nach der Schale ein ähnliches Schicksal ereilen wie den Mannschaften, die Meister wurden und nicht Bayern heißen, dann muß ich einsehen, daß ich zu kleinmütig war. Ich schätze, ich werde einen Hunderter auf die Verteidigung der Meisterschaft setzen.