Love hurts

Für den Familienvater Rod Stewart ist das lange vorbei

Die meisten Besucher des Rod Stewart-Konzerts haben weit in die Vergangenheit zurückreichende Gründe, um das alte Idol noch einmal auf der Bühne zu sehen. Bei mir ist es die Erinnerung an einen schönen sonnigen Tag. Ich war gerade aus dem Knast entlassen worden und auf dem Weg zu meiner Flamme, und als ich die Treppe zu ihrem 200qm-Loft hochflog, dröhnte aus den Lautsprechern »Maggie May«, und dann lagen wir uns genau im Rhythmus des zauberhaften Songs nach langer Zeit endlich wieder in den Armen. Damals schien es für mich nichts schöneres zu geben und »Maggie May« wurde zum Lied des Jahres, wie auch für Hunter S. Thompson, der diese Ich-hab-mein-Herz-verloren-Schmonzette auf einen Sampler mit seinen Lieblingsliedern brannte. Solche Dinge vergißt man nie wieder.Rod Stewart hat vor allem mit seiner 1971 erschienenen Platte »Every Picture Tells A Story« viele Leute infiziert, die seither nicht mehr davon lassen konnten oder keine Lust mehr hatten, sich nach etwas anderem umzusehen. Irgendwann heiratete man seine zur Beziehung geronnenen Liebe, bekam Kinder, die inzwischen erwachsen sind, und jetzt geht man wieder zu Rod und schwelgt in den Erinnerungen an alte und bessere Zeiten. Die verblühte Frau im Klammergriff legt sich manche Hand noch einmal auf den breiten Hintern der alten Liebe. Über solche Dinge zu spotten, an denen der Zahn der Zeit genagt hat, wäre dumm. Zwar steigt man den Worten eines Philosophen zufolge niemals zweimal in den selben Fluß, aber dennoch will man manche Erfahrungen immer wieder machen. Darauf beruht das Prinzip der Sucht. Und mit Rod Stewart ist ein wenig die Zeit stehen geblieben, er vermittelt immer noch die Illusion, als könne alles noch einmal ein wenig so sein wie damals.Der alte Showhengst hat sich tatsächlich nie wirklich geändert, er vermittelt immer noch den Eindruck des jugendlich verschmitzten und sympathischen Luftikus, auch wenn er die sechzig bereits hinter sich hat. Und schließlich ist Rod Stewart kein Arschloch wie die meisten, die es in diesem Gewerbe zu Ruhm und Reichtum gebracht haben. Er ist auf erfreuliche Weise kein Intellektueller und kein engagierter Gutmensch wie Bono, der unbedingt den Afrikanern helfen will, damit aber vor allem der Musik einen irreparablen Schaden zugefügt hat und an dem merkwürdigen Syndrom leidet, mit sämtlichen Präsidenten des Erdballs und seiner Rennfahrerbrille abgelichtet werden zu wollen.Rod Stewart hingegen macht das, was er kann, und das macht er immer noch gut. Die Stimme hat noch den heißeren Klang, der einem auch aus einem Pub in Glasgow ans Ohr dröhnen könnte, sie hat noch das gewisse Etwas, das Schmutzige und Rotzige, das ich immer geliebt habe. Diese Stimme ist unverwechselbar und sie ist gut, manchmal vielleicht ein bißchen weichgespült vom Schmalz, durch den Rod Stewart knöcheltief watet. Die drei jungen, üppigen Farbigen, die in knappen Kleidchen und hochhackigen Stiefeln ebenfalls auf der Bühne anwesend sein durften und den Hintergrundchor gaben, hätten ihn mit ihrer ausgebildeten Gesangsstimme allesamt an die Wand geschmettert, aber keine der drei Stimmen hätte ich auseinanderhalten können im Wettbewerb des Höher, Schriller und Lauter. Das weiß auch Rod Stewart, der sich schon lange nicht mehr beweisen muß und der vielmehr versucht, auffällig jungen Damen einen Auftritt und ein Spotlight zu verschaffen, indem er sie nach vorne an den Bühnenrand bittet, damit sie dort ihre einwandfreien Künste als Geigerin, Pianistin oder Zitheristin (oder wie immer eine Dame heißt, die Zither spielt) einem eher mäßig interessierten Publikum offerieren können. Währenddessen macht Rod Stewart eine kleine Pause oder wechselt sein verschwitztes Hemd.Als alter Bühnenhase gibt er in der perfekt organsierten Show manchmal ein bißchen zu auffällig den Choreographen, der gar nicht nötig wäre, denn jeder Handgriff sitzt auf seiner Greatest Hits-Tour in der Max-Schmeling-Halle, die die Aura eines Bahnhofs verstrahlt. Im Hintergrund läuft während des Songs »Father & Son« auf einer großen Videoleinwand ein Filmchen mit Papa Stewart und seinem dreijährigen Sohn, und auch Fotos aus dem Familienalbum werden gezeigt. Ein Song ist Jimmy »Jinky« Johnstone gewidmet, der letztes Jahr gestorben ist und einer der berühmten Flügelflitzer Celtics war, wovon man sich ein paar Minuten lang auf der Leinwand überzeugen kann. Auf dem Bühnenboden ist riesig das Celtic-Emblem angebracht, und als ob das alles noch nicht deutlich genug wäre, verteilt Rod Stewart auch noch ein paar Fußbälle im Publikum. Zwischendrin wird mal kurz die Deutschlandfahne auf der Leinwand eingeblendet, aber nur deshalb, weil Rod Stewart wahrscheinlich denkt, den Deutschen einen Gefallen tun zu müssen. Womit er gar nicht mal so daneben liegen könnte, aber er hat das ohne böse Absicht und ohne Hintergedanken getan.Als schließlich »The Best Of My Love« oder so etwas ähnliches in einer vollkommen verkitschten Discoversion läuft, wo auch seine Stimme nichts mehr retten kann, verlasse ich die Spielstätte von Alba Berlin, die jetzt auch eine des Grauens geworden ist, mit der beruhigenden Gewißheit, daß auch diese Generation aussterben wird, die sich allerdings schon lange vorher selbst überlebt hat und die nur noch durch die Sehnsucht nach lange Vergangenem am Leben gehalten wird, eine Sehnsucht, die auch an diesem Abend keine Erfüllung fand und die mit großer Professionalität und Routine ein wenig aufgefrischt wurde.