Weiße Intarsien

Die große Lady des Folksongs gastiert in Berlin

Lucinda Williams paßte ins Berliner Schiller-Theater wie Rod Stewart ins SO36, nämlich gar nicht. Bei Country-Konzert fällt mir immer die Szene in »Blues-Brothers« ein, als ein Gitter vor der Bühne heruntergelassen wird, das die nach der Band geworfenen Bierflaschen abfängt. Naja, vielleicht nicht ganz so übel, aber gegen ein bißchen mehr Stimmung und Cowboy-Hüte wäre nichts einzuwenden gewesen. Getränke waren verboten, Rauchen sowieso, und so saßen wir nach den drei Theatergongs tief in unseren Theatersesseln und klatschten brav Beifall, als die große Lady des Countrysongwritings die Bühne betrat, deren Lieder u.a. von Tom Petty und Emmylou Harris gecovert wurden, deren Song »Still I long for a kiss« in Robert Redfords »Pferdeflüsterer« zu hören war, die schon mit Dylan unterwegs war und die für »Car Wheels on a Gravel Road« 1998 einen Grammy Award bekommen hat. Die Bandmitglieder, alles exzellente Musiker, nahmen ihre Positionen ein. Und da standen sie dann auch, steif und wie angewurzelt. Lucinda Williams hätte dafür das belebende Showelement sein können, aber sie paßte sich perfekt der Langsamkeit und Trägheit ihrer Musik zu Beginn ihres Auftritts an. Das Gewagteste waren die weißen Stickereien auf ihrem linken Blue-Jeans-Bein. Da stand sie mit ihrer Gitarre am Mikrophon, ging ab und zu mal ein bißchen in die Knie, wiegte sparsam ihre Hüften, linste angestrengt auf ihr Textkonvolut, das vor ihr lag, und wenn ein Gitarrensoli einsetzte, verzog sie sich ein paar Schritte nach hinten und ruderte merkwürdig arhythmisch mit den Armen. Aus den Sesseln reißt einen das nicht gerade. Aber man hatte ja immerhin noch die Möglichkeit, einfach nur ihren rauen, verruchten Barfraustimme zu lauschen, wenn sie ihre hinreißenden Balladen sang, von Einsamkeit, Schwäche, Tod, Selbstmord, unglücklicher Liebe, betrunkenen Engeln. Leider wurden ihre Zwischenmoderationen immer ausführlicher. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden, aber sie waren von derartig vielen bräsigen »I don‘t know« und »you know« durchsetzt, daß die nicht immer hilfreichen Erläuterungen (»It‘s a song for myself«) exakt dem Bild entsprachen, das sie sowieso abgab, nämlich dem einer Landpomeranze, die zum ersten Mal ein paar zusammenhängende Sätze vor Publikum sagen soll. Da sie aber schon seit über 30 Jahren im Geschäft ist und z.Z. auf Europa-Tournee, wäre es keine schlechte Idee, wenn ihr vielleicht jemand sagen würde, daß sie sich ein paar bühnentaugliche Sätze zurechtzimmern und ein bißchen routinierter und spritziger auftreten sollte. Das jedenfalls hätte das »intelligente Publikum«, bei dem sie sich ständig bedankte, dann auch verdient gehabt. Aber so what. Da war ja noch ihre Stimme, die »Not a day goes by I don‘t think about you« hauchte, einen Song, den ich aus Gründen des Liebesschmerzes mal eine ganze Nacht lang hörte. Sowas prägt. Dafür verzeiht man ihr auch, daß sie mit weißen Stickereien auf den Blue Jeans herumlief.