Die Wahrheit über den 3. Spieltag

Sir Jan Off hatte mir in einer vehementen Abrechnung mitgeteilt, wie verwerflich er das Tun und Treiben der im Kopf hohlen und mit nackten Oberkörpern herumtollenden Fans fände, wie überflüssig gar den ganzen Fußballrummel, der nichts anderes sei als eine riesige Zeitvernichtungsmaschine. Ich mußte ihm vorbehaltlos recht geben. Eine bestechend überzeugende Argumentation. Ich bekannte mich schuldig und leistete Abbitte. Dann ging ich in den Intertank, eine noch üblere Punkkneipe als die Milchbar, und verbrachte in dieser dunklen Höhle, in der die Luft in Scheiben geschnitten werden kann, die schönsten Sonnenstunden eines herrlichen Herbsttages beim Spiel der Dortmunder gegen Wolfsburg. Und es war hinreißend. Die Dortmunder ließen den Wolfsburgern null Chancen. Millionen hatte VW in die Werksmannschaft hineingepumpt, Diego aus Turin zurückgeholt, aber die Elf wirkte so gewöhnlich, ideenlos und antriebsarm wie der Volkswagen. Sahin hingegen und Kagawa, wie überhaupt fast alle Dortmunder, spielten erstaunlich munter, schnell und souverän und erzielten zwei zauberhafte Tore, die ich mir aus zwanzig unterschiedlichen Perspektiven gerne hundert Mal angeguckt habe. Dortmund gewann trotz zwei eklatanter Fehlentscheidungen des Schiedsrichters, der ein Handspiel eines Wolfsburgers im Elfmeterraum übersah und einen aus Frust in die Hacken von Kehl tretenden Diego. Man muß schon so dumm wie Dieter Hoeneß sein, um diese Szene als Schauspielerei Kehls zu werten, und man muß schon so dumm wie der VW-Vorstand sein, der allen Ernstes glaubt, mit einem so dummen Mann wie Dieter Hoeneß die Champions-League zu erreichen, in der man seine Automarke wähnt, diese Meinung aber exklusiv für sich alleine hat. Aber gegen Wolfsburg zu gewinnen ist eine Sache, eine ganz andere ist es, am nächsten Donnerstag in der Euro-League gegen Karpati Lwow zu bestehen. Nach drei Spieltag sind drei Mannschaften, die Anspruch auf die ersten fünf Plätze erheben und deshalb viel in alte Spieler aus dem Ausland investiert haben, noch ohne Punkt. Wolfsburg sowieso, aber auch Schalke, die schon am Freitag gegen Hoffenheim brav ihre Punkte abgaben, und Stuttgart, denen es nichts nutzte, einen ehemaligen Weltmeister aus Italien, der eigentlich Argentinier ist, auf seine alten Tage verpflichtet zu haben. Camoranesi hatte sich seine Haare hinten zu einem Oma-Dutt gebunden, und irgendwie paßten sich die Stuttgarter mit ihrer Spielweise da an. Auch die Bayern kommen nicht richtig auf Touren, gegen Bremen gab es trotz »Franz-Geburtstags« nur ein torloses Remis, das erste Mal überhaupt in der Geschichte der Bayern. Auch Bremen hat sich mit einem alten Star verstärkt, mit Silvestre, der zuletzt bei Arsenal spielte, aber Sylvestre ist robust und verläßlich, jedenfalls gut genug für einen harmlosen Bayernsturm. Die wirklichen Überraschungen, die mit unerklärlichen Leistungsschwankungen zusammenhängen, fanden im Mittelfeld der Liga statt. Gladbach, die vor einer Woche noch das gegen Dortmund stark gestartete Leverkusen mit einem sensationellen 6:3 niederkartätschten, verloren jetzt gegen die noch punktelosen Frankfurter zu Hause mit 4:0. Das muß mir jetzt mal jemand erklären.