Sarrazin, Thilo

Thilo Sarrazin ist ein lustiger Mann, er sieht lustig aus und sagt lustige Dinge. Dabei wirkt er immer ein wenig tapsig, unbeholfen und linkisch, eine Art deutscher Mr. Bean, und mit seiner Faschingsmaske, die er nie abnimmt, mit dem komischen Bürstenschnurrbart und dem komischen Brillengestell, hat er alles, was er für seine Büttenreden braucht, aber vor allem ist er ein gutes Beispiel, wie weltoffen und lustig es in Deutschland immer noch zugeht, obwohl die Weltmeisterschaft in dem seit neuestem »Schland« genannten Land schon vier Jahre zurückliegt. Er sagt so lustige Sachen wie, daß die Intelligenz von 50 bis zu 80 Prozent vererblich sei. Welche Intelligenz? Sarrazin meint die Intelligenz der Leute, die ihm zustimmen, die also auch davon überzeugt sind, daß die Intelligenz von 50 bis zu 80 Prozent vererblich ist, und die daran glauben, daß es sich bei Heterosexualität um irgendetwas Perverses handelt. Selbstverständlich ist alles wissenschaftlich belegt, behauptet Sarrazin lustigerweise. Er hat da was bei der Psychologin Elsbeth Stern gelesen, weshalb alles »unbestreitbar« ist. Die lebt in Zürich, hat also nicht mitbekommen, wie lustig Sarrazin ist, weshalb sie bierernst und ohne den geringsten Humor sagt: Sarrazin zeigt mit dieser Behauptung, »daß er Grundlegendes über Erblichkeit und Intelligenz nicht verstanden hat«. Sarrazin wäre nicht so lustig, wenn er sich davon beeindrucken ließe, genauso bierernst antwortet er deshalb darauf, daß er es trotzdem gelesen hätte und daß es deshalb »unbestreitbar« sei. Im übrigen hätte auch Henryk Broder ihm »Unterlagen« gegeben, in denen seine Thesen bestätigt werden, daß »alle Juden ein bestimmtes Gen teilen«, aber die hat er noch nicht lesen können, weil er gerade soviel zu tun hat. Später, als sich alle aufregen über das »unstrittige« Judengen, sagt Sarrazin, daß er auch irgendeine andere Volksgruppe hätte nehmen können, dann hätte sich niemand aufgeregt. Das mit dem Judengen würde er dann halt zurücknehmen, sonst aber nichts. Daran sieht man, daß die Intelligenz tatsächlich bis zu 80 Prozent vererblich ist, denn von nichts kommt eben nichts, da kann die Intelligenzerblichkeit noch so hoch sein. Und deshalb hantiert Sarrazin auch gern mit Statistiken, weil Statistik bekanntlich der Superlativ von Lüge ist und weil sich aus der Welt der Statistik stundenlang lustige Dinge erzählen lassen, wie z.B. daß »die enorme Fruchtbarkeit der muslimischen Migranten eine Bedrohung für das kulturelle und zivilisatorische Gleichgewicht im alternden Europa darstellt.« Kein Wunder bei einer »Fertilitätsrate von 1,4«.
Fertilitätsrate? Alle nicken begeistert. Wir werden bedroht, weil wir nur so eine kleine Fertilitätsrate haben und die Muslime so eine große. Da stellt sich ein gewisser Neid ein auf die muslimische Fertilitätsrate, denn durch die Fertilitätsrate wird es in nur wenigen Generationen so sein, daß »Staat und Gesellschaft von den Migranten übernommen werden«, die offenbar so was ähnliches sind wie die Muslime. Die Deutschen müssen also an ihrer Fertilitätsrate arbeiten, denn ohne Fertilitätsrate geht heute gar nichts mehr, da wird man dann sogar »fremd im eigenen Land«, und das in nur wenigen Generationen. Aber wie neue Statistiken aus dem Bundesamt für Statistik ergeben haben, fühlen sich die Deutschen schon immer fremd im eigenen Land, und erstaunlicherweise am meisten dort, wo der Migrantenanteil am niedrigsten ist. Langzeitstudien zeigen, daß die Deutschen es mit sich selber nicht aushalten und deshalb jede Gelegenheit nutzen, um ins Ausland zu fahren. In keinem anderen Land wird dafür so viel Geld ausgegeben wie in Deutschland, obwohl die Deutschen gar kein Geld dafür haben. Am wohlsten fühlen sich die Deutschen in Gebieten mit hohem Ausländeranteil, weil das ihrer Mentalität für Abschottung und Verbiesterung am meisten entspricht. Nirgendwo läßt sich so schön mosern und nörgeln wie zu Hause über die Ausländer.
Aber wie, grübeln die Deutschen, kriegen wir die verdammte Fertilitätsrate höher? Und wozu ist das dann überhaupt gut? Wenn nämlich diese Fertilitätsrate aus welchen Gründen auch immer plötzlich in die Höhe schnellte und sagen wir mal bei 3,15 landen würde, dann würde Deutschland in nur wenigen Generationen aus allen Nähten platzen und die Deutschen müßten sich woanders Lebensraum erobern, was aber kein Problem wäre, denn da wissen die Deutschen Bescheid, wie das geht, das gehört zu ihrer kulturellen Identität. Damit das aber eben nicht passiert, wurde in Deutschland die Parole »Nie wieder!« ausgegeben mit dem Erfolg, daß die Fertilitätsrate aber sowas von zusammengeschnurrt ist. Jetzt überlegen sich die verantwortlichen Politiker parteienübergreifend, ob man die Parole »Immer öfter« ausgeben sollte.
Sarrazin sagte noch viele andere lustige Dinge, z.B.: »Ich betrachte unser Land aus der Perspektive eines verantwortungsvollen Staatenlenkers.« Jedenfalls macht er sich Sorgen um Deutschland, und da herrscht große Einigkeit unter den Deutschen. Soviel Sorge um Deutschland war noch nie. Die »taz« sorgt sich um das Ansehen Deutschlands im Ausland, Necla Kelec teilt wenig originell einfach »Sarrazins Sorge um Deutschland« und Peter Hahne macht das ja sowieso immer, schon aus rein professionellen Gründen, denn er muß sich ja jeden Sonntag »Gedanken am Sonntag« machen. Hatice Akyün wiederum, die von Beruf »Tochter eines Analphabeten« ist, wie der »BamS« zu entnehmen war, wirft in einem Streitgespräch Sarrazin vor: »Sie beleidigen unser schönes Deutschland und ihre Menschen. Sie sollten bei jeder Kritik Rücksicht auf die Gefühle der Menschen nehmen.« Da traf Sarrazin mal auf jemanden, der fast noch lustiger war als er. Außer vielleicht Henryk Broder, der den Fall Sarrazin für den »ersten Fall einer Hexenjagd in Deutschland seit Mitte des 17. Jahrhunderts« hält. Jedenfalls wäre es der erste Fall, bei dem die Hexe nicht verbrannt, ja nicht einmal einer peinlichen Befragung mit Daumenschrauben und sowas ausgesetzt worden ist. Auch interessant die Feststellung Broders, Vererbung, Identität und Gene seien irgendwie alles das gleiche, was ich jetzt nicht gedacht hätte, aber daran sieht man, daß Deutschland mit seinen Türken schon ein lustiges Land ist, in dem es Kabarettisten richtig schwer haben, denn das alles zu toppen, das muß man erst mal schaffen.