Das wahre Wesen der Katzen

Ergründet von Rudi Hurzlmeier & Harry Rowohlt

Katzenbücher gibt es wie Sand am Meer, wenn nicht sogar noch häufiger, aber jetzt ist eins erschienen, das die Katze einmal in einem ganz anderen Licht bescheint. Nicht wieder eine dieser niedlichen Katzenfotoserien, welche das Herz jeder Omma höher schlagen und sie dahinschmelzen läßt, sondern Katzen, wie sie wirklich sind, wie sie bloß noch nie jemand gesehen hat. Nur einer, nämlich Rudi Hurzlmeier, der Größte auf dem Gebiet der komischen Malerei, hat das Auge für die äußerst delikaten Situationen, in denen sich Katzen manchmal befinden. Z.B. eingeklemmt im Schoße der nackten Lorelei mit Knollennase und ondulierten, strohblonden Haaren. Hat da schon mal jemand ein Foto davon gemacht? Eben! Oder hat schon mal jemand beobachtet, wie Katzen an der Reling stehen und bei hohem Wellengang ins Meer kotzen? Natürlich nicht. Weil noch nie jemand darauf geachtet hat. Aber Rudi Hurzlmeier hat den sechsten, wenn nicht sogar den siebten Sinn für solche Situationen.Er hat auch als erster in Wuppertal eine erstaunliche Entdeckung gemacht. Dort ließ sich eine Katze auf dem Skateboard von einem Mops ziehen, während Herr und Frau Wuppertal wohlgefällig die Szene beobachten. Daß es sich um Wuppertal handelt, darauf läßt der diesem Gemälde beigefügte Zweizeiler von Harry Rowohlt schließen: »Ich sag‘ ja nichts, ich mein‘ nur mal: / Das zieht sich, dieses Wuppertal.« Überhaupt sind die in der beschwingt leichten Form des Reims hingeworfenen Kurzkommentierungen von Harry Rowohlt äußerst aufschlußreich, um sich auch wirklich einen Reim auf die rätselhaften Bilder machen zu können.Da liegt z.B. eine Katze mit Schnuller im Bett, wobei sich dieses Bett in einem geöffneten Koffer befindet, der wiederum auf einem Bett steht, vor dem jemand ein Paar sehr reizvolle rosa Stöckelschuhe mit Pfennigabsätzen abgestellt hat. Erst Harry Rowohlt entschlüsselt das Geheimnis: »Will man die Fremdheit der Fremde bezwingen, / Umgebe man sich mit persönlichen Dingen.« Aber auch dieser Vers bleibt zweideutig, denn es könnten sowohl die Schühchen als auch der Inhalt des Koffers gemeint sein.Hier haben sich zwei Meister ihres Faches gefunden, die auf grazile Weise miteinander harmonieren, und das schon mehrere Male kongenial unter Beweis gestellt haben. Nach dem gleichen Strickmuster haben sie sich bereits mit Hunden, Engeln und Vögeln beschäftigt und ihnen ein einzigartiges Denkmal errichtet. Rudi Hurzlmeier, der, wie der Kunstkritiker Oliver Maria Schmitt schrieb, »sorglos, dünn oder pastos schlenzt, der das Acryl auf die Leinwände zieht oder pfeffert wie seine Lehrer Rubens, Velázquez, Monet und Magritte es ihm beigebracht haben«. Und Harry Rowohlt, der nicht erst seit der Zusammenarbeit mit Rudi Hurzlmeier zu den ganz großen Dichtern gehört und zudem unübertroffen in der Vortragskunst ist, der mit zwanzig Stimmen sprechen kann, in jedem Dialekt zu Hause ist, der schnurren, gurren, schreien, grummeln kann und dessen Stimme so tief ist »wie die Schlucht, in die die Autobusse fallen«, wie Herr Hacks einmal anmerkte.Von diesen beiden genialen Künstlern einmal abgesehen, hat das Buch den Vorteil, daß man es immer wieder zur Hand nehmen kann und man nie das Gefühl hat, daß sich da was zieht. Jedenfalls nicht in die Länge. Auf 20 Bildtafeln sieht man alles, was man über Katzen wissen muß. Und welches Katzenbuch bietet das schon?

Klaus Bittermann

Rudi Hurzlmeier »Miez Miez«, Mit Versen von Harry Rowohlt, Haffmans bei Zweitausendeins, Hamburg 2007, Euro 9.90