Feuilleton,das; Bushido, Rapperchen; Westerwelle, Guido

Ich werde die Warnung Maxim Billers ernst nehmen und »Axolotl Roadkill« nicht lesen, denn ich bin schon über dreißig und über Dreißigjährige sollten das Buch lieber nicht lesen, meinte Biller, wodurch ich immerhin erfuhr, daß Biller auch schon dreißig ist. Wie die Zeit vergeht. Jedenfalls war das Buch der Aufreger im Feuilleton. Weil die Autorin bei der Niederschrift noch nicht volljährig war, hatte man sie sofort ins Herz geschlossen, denn die älteren Herren im Feuilleton mögen blutjunge Mädchen, die schreiben, daß sie »zu qualitativ hochwertigen Hardcorepornos wichsen«. Das regt die Phantasie an und macht aus jemanden, der möglicherweise bloß die Tinte nicht halten kann, gleich eine Ausnahmeschriftstellerin. Als dann allerdings herauskam, daß sich Helene Hegemann bei anderen Autoren bedient hatte, war die Romanze schnell vorbei. Und wie immer bei enttäuschten Liebhabern machten sich Rachegefühle breit. Die Autorin hätte nicht nur geklaut, sondern könne außerdem gar nicht bzw. nur grottenschlecht schreiben.
Ein Stoßseufzer ging durchs Feuilleton, das sich wünschte: »Es wäre schön, wenn man jetzt einfach noch mal von vorne anfangen könnte.« Helene Hegemann wurde als »altklug« bezeichnet, als jemand, der »nur klug daherredete. Eine junge Frau, die offenbar viel gelesen und noch viel mehr über Gelesenes gehört hatte.« Mit herablassendem Gestus urteilte man über Helene Hegemann, gelungen war einem dabei das perfekte Selbstporträt eines Feuilletons, das noch nie etwas anderes gemacht hat, als altklug und verquast daherzureden. In einer Branche, in der Abschreiben zum Alltagsgeschäft gehört, wo das Plündern der Ideen anderer zum Wesensmerkmal gehört, wurde das Vergehen plötzlich zu einem literarischen Verbrechen. Dabei hatte Helene Hegemann bloß versucht, nach dem Diktum des Comte de Lautréamont zu handeln, auch wenn sie den Autor wahrscheinlich gar nicht kennt, aber dafür bin ich ja da: »Das Plagiat ist notwendig. Der Fortschritt schließt es ein. Es folgt eng dem Satz eines Autors, bedient sich seiner Ausdrücke, tilgt eine falsche Idee, ersetzt sie durch eine richtige Idee.«

Ob es ihr gelungen ist, ist eine andere Frage, die ich nicht beantworten kann, weil ich schon über Dreißig bin, wenn auch nur knapp. Hinter der Debatte, ob Abschreiben legitim ist, steckt die Vorstellung von der strikten Originalität eines Autors. Aber diese geniehafte Originalität gibt es nicht, denn der Mensch ist ein nachäffendes Wesen. Und das ist er bis ins hohe Alter hinein, denn diesen Akt nennt man Lernen. Erst aus der Kombination von angeeignetem Wissen kann etwas Neues entstehen, und deshalb hat Lautréamont mit seinem Diktum eigentlich nur ausgedrückt, was sich gesellschaftlich sowieso vollzieht, aber der Vorstellung des Menschen von sich selbst als etwas Erhabenes widerspricht.

Jetzt hat Durs Grünbein sich auch noch gemeldet. Er hat in einem Artikel von Gottfried Benn aus den zwanziger Jahren, in dem der damals schon weihevolle Sülzkopf Benn eine heute unbekannte Autorin gegen Plagiatsvorwürfe verteidigte, ein paar Namen ausgetauscht und zu 99 Prozent unverändert übernommen, wie Frank Schirrmacher stolz auf diese depperte Idee verkündete. Und dann setzte er noch seinen Namen drüber. Auch wenn die beiden Komiker der Debatte ein »parodistisches Schlußlicht aufsetzen« wollten, geht es eben nicht darum, einfach etwas zu übernehmen und sich dann altklug wie 17-jährige Pubertierende darüber zu freuen, wenn Leute auf den Etikettenschwindel hereinfallen. »Niemand möchte sich der Kravatte Gérard de Nervals bedienen«, hatte Lautréamont diesen Vorgang umschrieben. Außer natürlich Durs Grünbein. Und weiter: »Hat man das nötig, um zu beweisen, daß man ein Mensch von Geist, das heißt ein Schwachkopf ist?« Und das ist doch ein ganz netter Schlußkommentar in der ganzen Debatte.

Es hätte mich allerdings noch interessiert, was das Balliner Rapperchen Bushido zu dem Feuilletontsunami im Wasserglas zu sagen gehabt hätte, aber der hat Probleme mit seiner Mutter, die auch irgendwie fiktional sind, wenn nicht sogar ficktional, wenn ich mal ein bißchen kalauern darf. In einem Interview malte er sich ein eigenartiges Szenario aus: »Jeder weiß, dass man mich über meine Mutter auf jeden Fall provozieren kann, und ich hab halt kein Bock, dass, wenn ich mit Alice Schwarzer da sitze und sie merkt, okay, ich krieg den halt nicht über die Macho-Schiene, und auf einmal sagt sie: ›Wie waren denn die Titten damals von deiner Mutter, als du als kleiner Junge dran gesaugt hast, so?‹ Und das wär ein Punkt gewesen, so, da hätt ich ihr gesagt, ganz ehrlich, ›weißte was, fick dich ins Knie, du Fotze, so‹.« Wenn Sie sich einen Reim darauf machen können, was Bushido so daherfaselt, dann sind Sie ganz weit vorn. Auch wenn man weiß, wie dämlich Alice Schwarzer ist, warum sollte sie das machen, was sich Bushido da so abgründig zusammenphantasiert? Okay, dämliche Frage, aber wenn es eines Beweises bedurft hätte, daß Alice Schwarzer nicht mehr alle Meerschweinchen im Gehege hat, dann können Sie sich folgende Antwort von Alice Schwarzer auf der Zunge zergehen lassen: »Wir sind für dich nur Fotzen, die man von hinten fickt«, erregt sie sich über etwas, was Bushido als Vorwurf gar nicht verstehen wird, der sich vielmehr ein Ei darauf brät und der auf den News-Bildschirmen der Berliner U-Bahn mit seiner Omnipotenz wirbt: »Ich habe mit 700 Frauen geschlafen!« »Ich vögle seit 16 Jahren, da kommt schon was zusammen«, sagt der Mann, der eigentlich nur will, »daß meine Mutter stolz auf mich ist« und seinen Hochleistungssport, sich deshalb aber nicht davon abhalten läßt, Frauen auf die Fresse zu hauen, die ihn in der Disco mit »Hurensohn« anreden, wahrscheinlich weil man ihn wohl korrekter als »wandelndes Bordell« bezeichnen müßte.

Da fällt mir Guido Westerwelle ein, der vor »spätrömischer Dekadenz«, also eigentlich vor Leuten wie Bushido und sich selber warnt, denn als dekadent galt ja damals Homosexualität und Vielweiberei, und auch nie einen Finger krumm gemacht zu haben gilt als dekadent, was ebenfalls auf die beiden zutrifft. Aber nicht Bushido und Guido, die ich mir in einem eheähnlichen Verhältnis gut zusammen vorstellen könnte, wenn Guido nicht schon vergeben wäre, sind gemeint, sondern die armen Hartz-IVler. Westerwelle sagte: »Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt zu spätrömischer Dekadenz ein.« Und das ist interessant, weil Westerwelle implizit bereits zugibt, daß das deutsche Volk quasi nur noch aus Hartz-IV-Empfängern besteht. Und diesem Volk neidet er einen Wohlstand, also eine Erhöhung der Leistungen, mit denen er, Westerwelle, keinen Tag über die Runden käme. Lieber läßt sich Westerwellchen vom Steuerzahler großzügig entlohnen. Also ich finde das toll, denn schließlich muß ein Volk, das Westerwelle wählt, auch hart bestraft werden. Und deshalb: »Bushido for President!«