Kuranyi, Kevin; Joop, Wolfgang; Hage, Volker

Mein Lieblingsspieler in der Fußballbundesliga mit dem schönen Vornamen Kevin und dem Restnamen Kuranyi steht schon immer im Verdacht, nicht viel in der Birne zu haben. Jetzt hat er das auch selbst in einem Interview bestätigt: »Ich habe nichts im Hinterkopf«, sagte er da, und weil das keiner weiteren Erläuterung bedarf, das Interview dann aber schon zu Ende wäre, mußte der geplagte Redakteur der FAS das »Gespräch« mit epischen Kommentaren strecken. »Was Schalke mir gegeben hat, ist schwer zu toppen«, sagte Kevin. »Trotz der vier teils heiklen Jahre?« fragte der Redakteur. »Ja. In solchen Phasen sieht man mehr und lernt sehr viel.« Was immer das sein mag. Weil der Dialog damit auch schon beendet war, schrieb der Redakteur mit einem gewissen hämischen Unterton: »Nur selten öffnet Kuranyi das Fenster zu seinem Inneren so weit wie in diesem Augenblick.« Vielleicht bin ich ja blind, aber ich kann da einfach nichts entdecken außer einer Leere, die mich angähnt. Nicht daß ich für Sport-Journalisten was übrig hätte, denn sie sind – um mit Hunter S. Thompson zu sprechen – »Abschaum«, dumm, ignorant und auf breitbeinige Weise stumpf, und das müssen sie sein, um ihren stumpfen Job erledigen zu können, und der besteht mittlerweile darin, immer das gleiche Holz zu sägen, auf Standardfragen Standardantworten zu kriegen, die sich wie aus einem Lego-Bausteinkasten zusammensetzen lassen. Aber wenn nicht nur die Presseabteilung des Klubs, sondern auch der persönliche »Medienberater« von Kevin darüber wachen, daß auch wirklich keine Phrase benutzt wird, die nicht dem genormten DIN-Format entspricht, dann können sie einem sogar etwas leid tun. Naja, nicht wirklich. So sitzen alle vollkommen idiotischen Regeln folgend vor dem großen Legokasten und fügen schwachsinnig einen Stein auf den anderen. Nimmst du den Stein, dann nimm ich den, dabei blickt Kevin zu seinem Medienberater, ob das auch okay ist. Achso, falls Sie Kevin gar nicht kennen, weil Sie sich für Fußball oder für Schalke nicht interessieren, Kevin ist der, der im Fernsehn für die deutsche Nationalmannschaft immer Nutella gelöffelt hat. Jetzt nicht mehr, weil er von Löw aussortiert wurde und Nutella an einem bloß ehemaligen Nationalspieler kein Interesse mehr hat, wobei ein Bundestrainer, der auf dem Titel des »Schlecker-Kundenmagazins« Werbung für Nivea macht, auch nicht gerade wie jemand wirkt, der noch alle Schweine im Rennen hat. »Ja«, sagt Kevin. »Ich habe sehr lange viel Nutella gegessen und esse es immer noch ganz gern, aber nur noch ein bißchen, sonst müsste ich ja noch mehr trainieren.« Wie schafft es eigentlich ein Journalist, solche weltbewegenden Informationen täglich zu verarbeiten?
Während Kevin als Mann des schlichten Gemüts zugibt, daß er nichts im Hinterkopf hat, daß er zäh und der Alptraum jeden Journalisten ist, hat Joop schon immer versucht, durch affektiertes Getue diesen Tatbestand zu verbergen und ist dadurch zum Darling jeden Interviewers geworden. »Darf ich Ihnen einen Rat geben? Nehmen Sie Hündinnen! Ich hatte ja einen Rüden… Ich verstehe schon, warum die nicht mehr in Mode sind. Die bellen ja nonstop. Nonstop!« Und zwei Fragen später: »Davon wurde ja nonstop erzählt. Nonstop!« und man weiß sofort, wie sich das anhört, und dann erzählt Joop auch nonstop. Nonstop! »Ich bin Avantgarde«, nonstopt Joop, »das ist wie bei der Armee. Wenn du vorne läufst, trifft dich die Kugel eben als ersten.« Das hätte er jetzt gerne, und man wünscht sich schon, daß ihm jemand mal tatsächlich den Gefallen tut, aber jeder, der sich ein bißchen in Mode auskennt, weiß, daß Joop schon lange nur noch von Prolls und Deppen getragen wird, denen jede Extravaganz und Exklusivität fremd ist. Und insofern stimmt natürlich das Bild vom vorne weglaufenden Kanonenfutter. Da ungefähr dürfte Joop inzwischen auch angekommen sein. Und bei Stützstrümpfen aus »atmungsaktiven Hightechmaterial. Ich trage nichts anderes mehr.« In dieser Welt der Geriatrie angekommen, befindet sich Joop in guter Gesellschaft mit Volker Hage.
Der Übergang zum Literaturbeauftragten des Spiegel mag sich ein bißchen holprig anhören, aber wenn man bedenkt, daß sich Volker Hage auf lustgreisenhafte Weise jungen Autorinnen nähert, dann kommt das schon ungefähr hin. Wenn Hage über Alissa Walser schreibt, der Tochter von Martin Walser und schon deshalb ein Fall für Hage, der in der Welt der Literatur wie kein anderer die Kunst des Angrapschens beherrscht, dann hört sich das so an: »Ein Vergnügen ist es, an ihrer Seite durch die Boticelli-Ausstellung im Frankfurter Städel-Museum zu gehen. … Im Profil wirkt Alissa Walser selbst wie eine der Boticelli-Frauen, mit ihrer geraden Nase, der hohen Stirn, dem bloßen Hals. Allerdings: Ihr anthrazitfarbener Pullover, darüber der schwarze Nadelstreifen-Blazer, streng und schlicht, passend zum pechschwarzen Haar, das ihr in die Stirn fällt, die ausdrucksstarken Augenbrauen…« Vielleicht sind junge Frauen im Literaturbetrieb gerade deshalb ganz stark im Kommen, weil ältere Literaturbetriebsherren ihr Herz für sie entdecken, auch wenn Alissa Walser trotz mehrstündiger Maske so jung eigentlich gar nicht mehr ist. Die 17jährige Helene Hegemann ist gerade der Knüller, aber jetzt werden Vorwürfe laut, sie hätte ihren Roman »Axolotl Roadkill« aus einem Blog abgeschrieben. Eigentlich ist es mir egal, ob eine 17jährige abgeschrieben hat. Warum nicht? Sie ist schließlich noch minderjährig, also darf sie das. Viel schöner ist, was der Literaturkritik dazu einfällt: »Und Helene Hegemann? Wie geht es ihr? Wer ist sie überhaupt? Keine Ahnung, es interessiert mich nicht. Aber wenn Sie unbedingt etwas über sie wissen wollen – sie soll 17 und Tochter eines berühmten Berliner Intellektuellen sein, und einen Film hat sie auch schon gemacht –, dann googeln Sie es doch selbst. Ich bin hier nicht für Klatsch und das Verbreiten von Verlags-PR zuständig, sondern für große, unvergessliche Literatur.« Es passiert einem nicht allzu oft, daß man an wenigen Zeilen so eine Freude hat, jedenfalls habe ich mich großartig amüsiert, aber was heißt hier amüsiert: Sind diese Zeilen nicht selbst schon große Literatur? Da kann nur ein »Internationaler Appell für die Meinungsfreiheit und das Ende der Gewalt im Iran« mithalten. Dort heißt es: »Zusätzlich zum üblichen Unterdrückungsapparat mobilisiert das Regime irreguläre Kräfte, die mit Stich- und Feuerwaffen die friedlichen Demonstranten mit Tötungsabsicht attackieren.« Vielleicht lags ja an der Übersetzung, aber über »die friedlichen Demonstranten mit Tötungsabsicht« mußte ich sehr lachen.