Das Paradies schmecken

Nick Tosches auf der Suche nach der letzten Opiumhöhle

Nick Tosches ist ein seltener Glücksfall für die Literatur. Er hat nie an einer Universität studiert, er hat nicht bereits nach dem Schulabschluß gewichtige Lyrik verfaßt, d.h. er hat nichts getan, was den Geschmack an Literatur hätte verderben können, vielmehr wuchs er in einer Gegend auf, in der es, wie er schrieb, »keine Bücher, aber viele Buchmacher gab«. Außerdem ging er in seiner »herrlich vergeudeten Jugend« lieber ins Kino, um Mädchen kennenzulernen. Er wuchs als Sohn eines Barkeepers auf, verließ die Schule mit 14 und schlug sich als Kellner durch. Später arbeitete als Schlangenfänger in Miami, aber nachdem er von einer gebissen wurde, kehrte er nach New York zurück und begann dort eine erstaunliche Laufbahn als Journalist und Schriftsteller. Er hatte bereits eine Menge mitgemacht, bevor er seine eigentlich Profession entdeckte. Daß es sich bei ihm um die Prosa eines erfahrungsarmen Lebens handeln könnte, auf diesen Gedanken wird man bei Tosches nie kommen. Wenn er von jemanden beeinflußt wurde, dann vielleicht am ehesten von Hunter S. Thompson oder Lester Bangs und dem Gonzo-Stil, den die beiden auf ihre Weise pflegten und der immer etwas Rohes, Vehementes und Existentialistisches hatte, also eine Herausforderung für den Autor und den Leser bedeutete.Anders aber als seine Kollegen machte sich Tosches vor allem als großer Biograph einen Namen, man kann sogar sagen, er hat das Gewerbe des Biographieschreibens revolutioniert, denn niemals ist ein von ihm aufgeschriebenes Leben routiniert runtererzählt, sondern Tosches verfolgt jede scheinbar nebensächliche Spur, zieht überraschende Schlüsse und präsentiert das Leben der Porträtierten als großen Plot. Er hat die definitive Geschichte von Dean Martin geschrieben, die, weit entfernt davon nur eine Biographie zu sein, den gesamten Kosmos des Rat-Pack und der Mafia aufblättert. Er hat Sonny Liston noch einmal auferstehen lassen und er hat sich Jerry Lee Lewis angenommen, »das schönste Buch, das jemals über einen Rock‘n‘Roll-Musiker geschrieben wurde – nichts kommt ihm gleich«, wie Greil Marcus begeistert schrieb. Fasziniert vom Verbrechen, das ihm in seiner Jugend nicht fremd gewesen ist, schrieb er auch den großen Roman über den Paten.Jetzt ist eine kleine Auswahl seiner journalistischen Arbeiten erschienen, Artikel, Reportagen und Interviews unter dem Titel »Muddy Waters isst selten Fisch«. Über die Auswahl zu meckern ist müßig, denn letztlich ist sie immer willkürlich. Und deshalb folgt hier auch kein ABER. Die Texte haben einfach eine sehr unterschiedliche Form und nicht alle sind gelungen, aber eine Textsammlung ist wie eine Platte: Wenn zwei oder drei gute Stücke auf einer Scheibe sind, ist das bereits eine Menge. Und das Buch hat ein paar gute Stücke mehr als nur zwei oder drei. Z.B. die Spekulationen über die Gemeinsamkeiten von J. Edgar Hoover und William Burroughs, der den verrückten FBI-Chef in seinem wohl berühmtesten Buch »Naked Lunch« als Tunte im roten Kleid und Federboa, mit Strapsen, Spitzenstrümpfen, Stilettos und zwei Jungs in Leder auftreten läßt. In einem Artikel über Elvis erfährt man, daß der größte Fehler Dylans gewesen sei, nicht bei seinem Motorradunglück zu sterben, und wenn man die Beschreibung des posthumen Hypes um Elvis liest, ist der These durchaus eine gewisse Plausibilität nicht abzusprechen. Robert de Niro, den Schweigsamen, an dem sich schon viele Interviewer die Zähne ausgebissen haben, hat er zum Reden gebracht, was nicht einfach ist, wenn man sich mit dem Mann konfrontiert sieht, der in »Taxidriver« in den Spiegel schaut und fragt: »Redest du mit mir?«Die beste Geschichte, für die sich allein das Buch zu kaufen lohnt, abgesehen vom Nachwort von Franz Dobler, das eigentlich gar kein Nachwort ist, auch keine Eloge, Bauchpinselei oder konventionelle Kritik, sondern eben etwas, worauf man als Autor sein Leben lang wartet, und das meistens vergeblich, was der Grund dafür ist, daß die meisten immer weiter machen, während sie in diesem Fall zufrieden und mit sich selbst im reinen auch einfach den Löffel abgeben könnten… Aber zurück zum Satzanfang: Die beste und auch längste Geschichte ist »Die letzte Opiumhöhle«. Tosches versucht nicht nur, dem Geheimnis des Glücks mit Thomas De Quincey literarisch auf die Spur zu kommen, der schrieb: »Ich glaube nicht, dass jemand, der einmal den himmlischen Genuss des Opiums kennengelernt hat, je wieder zu den rohen irdischen Freuden des Alkohols hinabsteigt.« Tosches gibt nicht nur einen historischen Abriß der Mohnblumendroge und des Opiumrauchens, das in China schon um 1500 herum praktiziert wurde und bei dem sich alle einig waren, daß keiner, der den »gefährlichen Blick in das Paradies« gewagt hatte, unverändert wiederkehrt. Aus diesem Grund wurde der Betrieb von Opiumhöhlen, die sich mit der chinesischen Bevölkerung über ganz Amerika ausbreiteten und die man heute nur noch aus den Hollywood-Filmen kennt, bald mit allen Mitteln untersagt.Nein, Tosches begab sich selber auf die Suche nach der letzten Opiumhöhle. Aber im Verlauf der letzten zwanzig Jahre waren selbst in Asien die Opiumhöhlen verschwunden und mit ihnen die alten Raucher. Mit Heroin war mehr Geld zu verdienen und das auch noch auf viel schnellere Weise. Nach langer Suche wird Tosches schließlich im Sumpfgebiet des Mekong fündig, in einer armseligen Hütte auf Stelzen zwischen Ästen und raschelnden Zweigen. Dort wird Tosches in das nicht ganz einfache Ritual des Opiumrauchens eingeweiht, »köstlicher Duft, schöner als der aller Gärten, das Aroma nie gesehener und nie gekannter Blumen, umhüllt uns… Ich werde hier nicht vom Opium schwärmen«, schreibt Tosches und kann dennoch nicht anders, als zu einer großen Eloge anzuheben: »Ich sage nur so viel: es ist das perfekte Rauschmittel. Es gibt nichts Vergleichbares. In unseren Zeiten, in denen so viele Tabletten geschluckt werden, löst es alles ein, was Drogen wie Prozac versprechen. All der vorsintflutliche Mumpitz wie Serotoninhemmer, die Scheußlichkeiten Freuds, die Ansammlung iatrogener Störungen … vergeßt es. … Das ist nach meiner Überzeugung auch der Grund, weshalb dieses köstlichste und feinste, dieses am wenigsten abstumpfende alle Rauschmittel – noch weniger sogar als Marihuana – trotzdem so abhängig macht. Wie sollte es auch anders sein, wenn man das Paradies schmeckt?« Und man fragt sich: Warum gibt es hier eigentlich keine Opiumhöhlen, wo doch sonst jeder bescheuerte Trend aufgegriffen wird.Von einem berühmten Journalisten liest man nicht alle Tage ein Plädoyer für die Sucht. Günter Grass hätte da schwerste Bedenken anzumelden gehabt, und nachdem er sie ausgebreitet hätte, hätte man nach der Lektüre womöglich tatsächlich jede Lust an der schönsten aller Drogen verloren. Und das wäre schade, denn der Unterschied zwischen Opium und die Finger davon lassen ist so fundamental wie zwischen Tosches und Grass, also zwischen einem Schriftsteller und einem Kulturbetriebsintriganten.