Die Wahrheit über den 13. Spieltag

Die Fans »demonstrierten mit Transparenten ehrliche Trauer«, schreibt die BamS. Selbst wenn man nicht wüßte, daß Bild lügt, würde man gerne wissen, was »ehrliche Trauer« ist und wie sie sich von kollektiver Neurose unterscheidet, denn aus dem Tod von Robert Enke wurde unter Mithilfe seiner Frau eine noch nie dagewesene Medieninszenierung und ein Spektakel, in dem so etwas wie »ehrliche Trauer« vollkommen deplaziert ist. Das hat damit zu tun, daß Robert Enke an einer Krankheit litt, die ihn für den Fußball ungeeignet gemacht hat, d.h. Enke hätte den Fußball einfach nur an den Nagel hängen müssen und seine Antidepressiva schlucken müssen und er hätte noch ein langes und angenehmes Leben vor sich gehabt. Zwar weiß ich, wie schwer es ist, mit dem Fußball aufzuhören, wenn der Körper nicht mehr mitmacht, aber das ist für die meisten kein Grund, sich vor den Zug zu schmeißen. Weil er aber aus Gründen des Ehrgeizes – was ungefähr so schlimm ist wie Geiz ist geil – weitermachen wollte, kam er an den Punkt of no return, denn der Hochleistungssport ist von seinem System und den Anforderungen an die Spieler her nicht vereinbar mit Leuten, die Probleme haben. Die Spieler müssen in erster Linie funktionieren, und nur unter diesem Aspekt wird das »Spielermaterial«, wie die Fußballer von ihren Managern gerne genannt werden, ausschließlich betrachtet, und da das Publikum tolle Spiele erwartet, wollen sie auch keinen Depressiven im Tor, der verzweifelt den Bällen hinterhersieht, wenn sie bereits im Netz zappeln, bevor er überhaupt reagiert. D.h. es handelte sich zum einen um konsequent bis zum Ende praktizierten Ehrgeiz, der kein schönes Licht auf Enke wirft, und zum anderen um genau die Erwartungshaltung, die für alle, die zur Inszenierung des totalen Fußballs beitragen, zum Fußball systemisch gehört, ums mal ein bißchen analytisch auszudrücken. Was ich meine, daß es moralisch betrachtet höchst verlogen ist, sich das Hemd vollzuheulen, weiß doch jeder, daß der Fußball eben so funktioniert und daß es im Betrieb keinen Platz für Sozialfälle gibt, höchstens als Platzwart. Und weil der Fußball diesen Anspruch hat, ist es Quark zu glauben, daß es für Hannover 96 das schwerste Spiel überhaupt gewesen ist, denn wenn die Spieler auf dem Platz stehen, und das weiß jeder, der schon mal gespielt hat, und sei‘s in irgendeiner Bezirksliga, dann spielt man und trauert nicht. Und Hannover machte auch nicht den Eindruck, als würden sich die Spieler gequält und erschüttert über den Platz schleppen. Gegen Schalke hätten sie sogar was holen können, wenn Steiner nicht so dämlich gewesen wäre, sich nach einem Foul im Strafraum wieder aufzurappeln. Und auch Bremen machte in Freiburg nicht den Eindruck, daß sie durch den Tod von Enke aus der Bahn geworfen worden wären, denn sie zauberten wie in alten Zeiten und erfreuten die Zuschauer mit einem 6:0, ebenso wie die Hoffenheimer, die in Köln nur mit 4:0 gewannen, weil sie jede Menge Chancen ungenutzt ließen. Die Kölner trafen im heimischen Stadion bislang auch nicht häufiger, sodaß die Fans inzwischen wissen, daß sich ihr Ticket nur für die erste halbe Stunde lohnt, wenn sie sich an sich selbst und ihrem Karneval erfreuen. In Dortmund werden die Fans z.Z. auch nicht gerade verwöhnt. Ein müdes 0:0 gegen Mainz ohne Glanz und Höhepunkte. Das beste an dem Ergebnis war, daß ich es mir nicht ansehen konnte. Manchmal hat man auch Glück.