Der melancholische Cowboy. Franz Dobler wird 50

»In diesem Herbst fühlte ich mich zum ersten Mal müde. Daran merkte ich, daß ich alt wurde. Vielleicht lag es an dem miesen Wetter, das wir in Augsburg hatten, oder an den lausigen Fällen, die ich zu bearbeiten hatte.« Okay, das Zitat ist leicht abgewandelt, aber wenn die originalen Sätze aus dem Film »Farewell my lovely« an mein Ohr dringen, dann denke ich immer an Franz Dobler, und auch wenn die beiden von der Statur nicht unterschiedlicher sein könnten, könnte Franz Dobler genauso gut hinter der Gardine stehen und aus dem Fenster einer Absteige auf eine flackernde Neonreklame blicken wie Robert Mitchum, einen Whiskey in der Hand und melancholisch über die Vergeblichkeit des eigenen Tun und Machens in dieser gottverdammten miesen Welt sinnend.

Franz Dobler hat andere Mittel als der Privatdetektiv aus Los Angeles, sich mit dieser Welt auseinanderzusetzen, aber auch seine Protagonisten – Außenseiter und Randfiguren wie er selbst – befinden sich häufig in einer Situation, in der es besser ist, wenn man eine Waffe hat. Und allein daran merkt man schon, daß Franz Dobler keine Mainstream-Literatur schreibt, weil die nichts damit am Hut hat, wenn einer, der so seine Probleme mit den gesellschaftlichen Konventionen hat und deshalb leicht zum Loser abgestempelt wird, einen anderen Ausweg wählt als seine Hand zum Offenbarungseid zu heben. »Wenn du weißt, du hast es mit Leuten zu tun, die dir in den Rücken zu schießen bereit sind, dann vergiß die guten Manieren und sei schneller«, heißt es in Doblers letzten Roman »aufräumen«, und in diesem Satz steckt nicht nur etwas Existentielles, sondern auch eine Selbststilisierung, die Franz Dobler nicht einfach so erfinden könnte, wenn er beides nicht auch selber leben würde.

Die Schriftstellerei hat ihn nicht reich gemacht, aber Franz Dobler würde niemals die Standardware abliefern, die sich nach dem Geschmack der Leserschaft der ZEIT richten würde, die bei Grass und Walser in Entzückung gerät. Da ist ewige Feindschaft. Und Franz Dobler ist auch niemand, dem das Schreiben flott und mühelos von der Hand geht, weil er weiß, daß Schreiben Qual ist, wenn man keine konfektionierte Standardware abliefern will. »Ich habe die Schreiberei schon immer als den hassenswertesten aller Jobs angesehen. Vielleicht gleicht es darin dem Ficken – es macht nur den Amateuren Spaß.« Das ist zwar von Hunter S. Thompson, könnte aber auch von Franz Dobler stammen. Der und Jörg Fauser sind zwei der literarischen Fixsterne im literarischen Universum Franz Doblers, wenn man genauer wissen will, in welchem Koordinatensystem sich Franz Dobler bewegt.

Auf diesem weiß Gott nicht mit Rosen bestreuten Weg hat Franz Dobler eine erstaunliche Menge zustande gebracht. Sein Debütroman »Tollwut« hat ihn kurzfristig zum Popstar unter den jungen Autoren gemacht, von dem im SZ-Magazin ein ganzseitiges Foto erschien, und den Erwartungsdruck so steigen lassen, daß der zweite 17 Jahre auf sich warten ließ. Dazwischen sind zahlreiche Bücher mit Stories erschienen, ein Westerngedichtband und ein Bändchen mit dem schönen Titel »Ich fühlte mich stark wie die Braut im Rosa Luxemburg T-Shirt«. Erfolgreich aber war der Experte für Country mit seiner grandiosen Cash-Biographie »The Beast In Me«. Zudem hat er »Perlen deutschsprachiger Popmusik« gesammelt und auf vier CDs herausgebracht, zahlreiche Booklet-Texte geschrieben, und weil das alles hinten und vorne nicht reichte, legt er regelmäßig in einer Bar in Augsburg auf.

Und dann treibt er sich vortragend und vorlesend quer durch die Republik in einem meistens etwas zu groß geratenen Anzug. Nichts kann ihn davon abhalten, höchstens mal eine gebrochene Rippe, die dann aber doch nicht von einer Schlägerei herrührt, sondern die man sich holt, wenn man aus einem Hochbett fällt. Aber Franz Dobler ist zäh wie ein Cowboy und man sieht ihm an, daß er sogar aufrecht stehend in seinen Stiefeln schlafen könnte. Aber so hart er im Nehmen ist, so gerät man schnell in Versuchung, schützend den Arm um ihn legen, weil er etwas sehr Fragiles und Verletzliches ausstrahlt. Ich kann es leider nur in den banalen Worten ausdrücken: Franz Dobler ist ein großartiger Mensch. Mit ihm befreundet zu sein, ist ein großes Glück.