Matthäus, Lothar

»Wie man mit so einem Idol umgeht in Deutschland, da muß sich Deutschland schämen.« Kaum hatte Lothar Matthäus, der von sich gerne in der dritten Person als das wichtigste Fußballidol nach Beckenbauer weltweit spricht, die Öffentlichkeit mittels FAS von seiner Beschwerde unterrichtet, da forderte der Vorwurf nur zwei Tage später bereits sein erstes prominentes Opfer. Ob Robert Enke sich tatsächlich für Deutschland geschämt hatte oder seine Depressionen durch das Interview von Matthäus den berühmten einen Tropfen zuviel abbekamen, läßt sich natürlich zu Recht bezweifeln, aber Enke hatte Matthäus eindeutig die Show gestohlen, denn statt sich wegen Matthäus zu schämen, weil man dem großmäuligen und vor dumpfbackigem Selbstbewußtsein nur so strotzenden Proll keinen Spitzen-Job angeboten hatte, trauerte die Fußballnation um Robert Enke, einem sensiblen Menschen, der nicht zu Unrecht seine Umwelt als feindlich wahrnahm und deshalb seine Krankheit verheimlichte, um nicht die gleiche entwürdigende Behandlung durchmachen zu müssen wie Sebastian Deisler. Die Bedingungen, die die Fußballverantwortlichen und die Fans selbst geschaffen haben und in denen sich normalerweise einer wie Matthäus wie ein Fisch im Wasser fühlt, hatten jemanden zur Strecke gebracht, der nicht mit ihnen zurecht kam, und deshalb hat die Trauer auch die Fassungslosigkeit hervorgerufen, denn jeder durfte sich ein wenig mitschuldig fühlen.
Die plumpen Anschuldigungen von Matthäus wirkten gegenüber dem unausgesprochenen moralischen Vorwurf, der durch den Selbstmord eine endgültige und durch nichts zu revidierende Bedeutung erhielt, kleinlich und lächerlich. Lothar Matthäus war zwar ein grandioser Fußballer, aber er ist trotz seiner großen Erfolge kein Idol, während Robert Enke, der sich nie sonderlich in den Vordergrund gespielt und eine eher blasse Ausstrahlung hatte, durch seine Krankheit zum Idol wurde. Mit ihr offenbarte er eine Schwäche, mit der sich viele identifizieren konnten, obwohl Enke als Spieler zwar ein guter Torhüter war, aber nichts symbolisierte und nichts repräsentierte und schon gar nicht polarisierte wie Kahn. Was man Robert Enke mit Sicherheit nicht nachsagen kann, daß er für Aufregung im Fußball gesorgt hätte, die den Fußball eben so attraktiv macht. Die Anziehung und Faszination des Fußballs ist mit seinem Namen nur wenig verbunden, denn er zog weder Haß noch Liebe auf sich, und irgendwie paßte es ja auch, daß er bei Hannover 96 spielte, einer grauen Maus im Mittelmaß der Liga, wenngleich er im Torhüterbestiarium einer der sympathischeren war.

Aber um Robert Enke sollte es ja gar nicht gehen und ich weiß gar nicht, warum sich meine Reflexionen zwanghaft um Robert Enke drehen. Vielleicht, weil ich zeigen wollte, daß Lothar Matthäus aus all den Gründen kein Idol wurde, aus denen Robert Enke eins wurde. Auf der anderen Seite hat weder Dummheit, Ignoranz noch Überheblichkeit einen Fußballer vor der Bewunderung geschützt, wie man am besten an Franz Beckenbauer sehen kann. Nicht einmal die Tatsache, mit Bild zu kungeln, wie es Matthäus vorgeworfen wird, hat bislang jemandem wirklich geschadet, denn dort finden alle zusammen und halten der Öffentlichkeit ein Ständchen, kolumnieren und quarkeln und salbadern und ratschlägern und lassen sich alles in den Mund schieben. Es ist also schon ein gewisses Rätsel, warum Matthäus in Deutschland so wenig gemocht wird. In Frankfurt und Nürnberg lagen laut Matthäus bereits unterschriftsreife Verträge vor, aber dann verhinderte der Widerstand der Fans eine Anstellung. Die negative Presse oder ein schlechter Ruf können nicht wirklich ein Grund gewesen sein, warum Matthäus in Deutschland keine Anstellung kriegt, denn sogar der alte Kokser Daum drängte nur wenige Jahre nach den Skandal wieder zurück »ins operative Geschäft«, und in Köln sind die Leute so abgedreht, daß sie ihn sogar als Heiligen verehrten. Auch daß Matthäus in seiner aktiven Laufbahn immer wieder als Humorist auftrat, kann ihm nicht geschadet haben, denn viele andere taten das auch, wenngleich nicht auf dem gleichbleibend hohen Niveau wie Matthäus. Unvergessen sein Kommentar: »Ich bin sicher, daß ich in vier oder sechs Wochen Interviews auf Englisch geben kann, wo auch der Deutsche versteht.« Um auch gleich den Beweis anzutreten: »I hope, we have a little bit lucky.«
Von diesen rhetorischen Fähigkeiten beeindruckt, meinte damals der DFB-Präsident Egidius Braun: »Ihm ist von Gott die Gabe der Rede gegeben worden.« Aber jenseits dieser Einschätzung, bei der man sich darüber streiten kann, ob es sich nicht vielleicht eher um eine grandiose Fehleinschätzung handelte, weil Matthäus vielmehr die Kunst des durchfallartigen Brabbelns pflegte, gibt es von ihm eine Aussage, die vielleicht ein wenig das Rätsel lüftet, das sich Lothar Matthäus selber ist: »Wenn ich mit allen Leuten, mit denen ich schon Ärger hatte, nicht mehr sprechen würde oder zusammenarbeiten könnte, stünde ich des öfteren alleine auf dem Platz.« Matthäus hat nämlich so ziemlich in allen Stätten seines fußballerischen Wirkens verbrannte Erde hinterlassen, und das Problem dabei ist nicht, daß er nicht mehr mit den Leuten spricht, sondern die Leute nicht mehr mit ihm. Bei den Bayern hat er sich bei Uli Hoeneß so beliebt gemacht, daß er dort nicht mal einen Job als Balljunge angeboten kriegen würde. In den unvergleichlichen Worten von Lothar Matthäus hört sich das so an: »Ich bin weder Bayern München, noch bin ich Bild-Zeitung. Keins von beidem. Und das sind meine beiden Hauptprobleme in Deutschland.« Die Hybris in diesen Sätzen besteht nicht nur in der Drolligkeit, sondern sie entspricht tatsächlich der Sicht von Lothar Matthäus, d.h. daß es da noch zehn andere Spieler gab, damals während seiner Zeit bei den Bayern, war eigentlich nur Beiwerk für den Erfolg, der allein Lothar Matthäus gebührt, und die Bild-Zeitung haben die Leute auch nur gelesen, wenn Lothar Matthäus sich in dem Blatt zu äußern beliebte.

Man muß sagen, daß Lothar Matthäus einer der ganz großen Ausnahmen ist, der es trotz all seiner unangenehmen Charaktereigenschaften wie Protzigkeit, Aufdringlichkeit, Demenz, Gagaismus etc., die noch keinem Fußballer geschadet haben, zum Idol und Mythos zu werden, es nicht geschafft hat, in Deutschland als Trainer Fuß zu fassen, weil jeder Verein Angst hat, mit ihm als Schwachmaten eine perfekte Bruchlandung hinzulegen, und dazu braucht man keine hellseherischen Fähigkeiten. Und Streß ist vorprogrammiert, weil sich Matthäus für unfehlbar hält und in der Lage wäre, einen Verein total in die Grütze zu reiten, ließe man ihn einfach machen. Solange er jedenfalls immer nur die Rolle der beleidigten Leberwurst spielt, weil die Fans und die Fußballverantwortlichen ihm nicht die Schuhe ablecken, bei denen er darauf achtet, daß sie farblich auch zum Gürtel passen, solange wird das nichts mit seiner Karriere hierzulande. Und das ist doch auch mal eine gute Nachricht aus Deutschland.