Der Una-Bomber der amerikanischen Literatur

Hunter S. Thompson irrt durch das »Königreich der Angst«

Dieses Buch wurde nachts verfaßt, wenn die Besucher und Nachbarn, die gekommen waren, um sich irgendwelche Baseball- oder Basketballspiele im Fernsehen anzusehen und Wetten abzuschließen, wieder nach Hause gewankt waren. Dann saß Hunter S. Thompson »vor dieser gottverdammten Schreibmaschine, ein leeres Glas neben mir, eine nicht angezündete Zigarette zwischen den Lippen und auf dem Fernsehschirm eine nackte Frau, die ‚Porgy & Bess‘ singt.« Hunter S. Thompson zimmerte fleißig an diesem Mythos des verrückten Außenseiters, der immer noch weiter machte, wenn schon alle die Waffen gestreckt hatten. Und warum auch nicht? Abgesehen von kleineren und größeren Ausmalungen stimmte es ja auch. Sein Leben hatte nur entfernte Ähnlichkeiten mit dem Leben, das ein Schriftsteller für gewöhnlich führt, jedenfalls Schriftsteller, die auf ihre Buchproduktion genauso achten wie auf ihre Gesundheit und deren Literatur die Ausstrahlung von Birkenstockschuhen besitzt.

Und von diesem ungewöhnlichen Leben legte Hunter S.Thompson zuletzt 2003, zwei Jahre vor seinem spektakulären Selbstmord, mit »Kingdom of Fear« noch einmal Zeugnis ab, das jetzt unter dem Titel »Königreich der Angst« auf deutsch erschienen ist. Und auch in diesem Buch erweist sich der »Una-Bomber der amerikanischen Literatur«, wie ihn Time einmal bezeichnet hat, als großer Erzähler und hervorragender Stilist, der Witz und Charme hat, aber auch grob werden kann, wenn er es für angemessen hält.Häufig ist zu vernehmen, daß Hunter S.Thompson seit »Hell‘s Angels« und »Fear and Loathing in Las Vegas« nichts mehr Großes gelungen sei. Dahinter steckt die Erwartung, daß Hunter S. Thompson das später verfilmte »Angst und Schrecken«-Buch noch einmal in etwas abgewandelter Form hätte schreiben sollen, also das zu tun, was andere Autoren zweifellos sofort getan hätten, nämlich an der Schraube der Wiederholung zu drehen und eine Idee zu Tode zu reiten. Hunter S. Thompson hat das nicht getan und mit »Königreich der Angst« ein Buch vorgelegt, das sich mit seinen frühen Erfolgen durchaus messen kann, auch wenn in dieser als seine Memoiren geltenden Schrift häufig nur Artikel zweitverwertet wurden. Das macht aber nichts, weil Hunter S. Thompson sowieso nie eine klassische, linear erzählte Lebenserinnerung geschrieben hätte. Und deshalb erfährt man nichts über die Zeit, als er mit den Hell‘s Angels oder seinem übergewichtigen samoanischen Anwalt herumzog. Das alles hatte er bereits erzählt, und warum es noch einmal erzählen, wenn er überzeugt ist, daß es besser nicht zu machen ist?

Hunter S. Thompson schreibt über sein Leben als jugendlicher Straftäter: »Ich war Billy the Kid aus Louisville. Ich war ›kriminell‹: Ich stahl, zerstörte mutwillig, trank. Mehr muß man als Krimineller ja auch nicht tun.« Er macht sich über den nationalen Nervenzusammenbruch lustig, der in Amerika nach dem 11. September einsetzte, über die staatlich verordnete Hysterie, alles zu überwachen, zu kontrollieren und am besten gleich wegzusperren, bevor »dunkelhäutige Terroristen« das »ganze gottverdammte Land in Schutt und Asche legen«. Dazwischen eingestreut tauchen Zeitungsartikel, Kommentare, Briefe und detaillierte Gedächtnisprotokolle über einen Fall auf, in dem Hunter S. Thompson die Hauptrolle spielte und an deren Zurechtrückung ihm viel lag, denn zum ersten Mal rückte ihm ein obsessiver Staatsanwalt bedrohlich nah auf die Pelle und will ihn wegen einiger Krümel Drogen ein paar Jahre hinter Gitter schicken. Eine Journalistin, die früher im »Sex-Business« tätig war, will unbedingt ein Interview. Hunter S. Thompson hat keine Lust, aber sie erweist sich als aufdringlich und hartnäckig und schafft es schließlich, zur Owl-Farm vorgelassen zu werden. Was sich dort abspielt, darüber gibt es unterschiedliche Darstellungen. Die Journalistin behauptet, sexuell belästigt worden zu sein, und erstattet Anzeige. Daraufhin wird die Staatsanwaltschaft aktiv und ordnet eine Hausdurchsuchung an. Es werden geringe Mengen von Drogen gefunden. Es kommt zum Prozeß, der jedoch für die Staatsanwaltschaft zur Farce gerät, denn nie hatte Hunter S.Thompson einen Hehl aus seinem Drogenkonsum gemacht. Und tatsächlich weist der Richter sämtliche Anklagepunkte ab. »Der Schuß ist nach hinten losgegangen«, schreibt Thompson später euphorisch. »Sie sind allesamt verloren. Schon bald werden sie im Gefängnis sitzen. Diese Hundesöhne besitzen nicht mehr Respekt vor dem Gesetz als das Diebesgesindel in Washington. Sie wird dasselbe Schicksal ereilen wie Charles Manson und Neil Bush.«

Die lustigste Geschichte in diesem Episoden-Buch heißt »Hiiiiiiiiiier ist Johnny! Angst und Schrecken vor Jacks Haus…« und handelt von einem Geburtstagsbesuch, den Hunter S. Thompson Jack Nicholson abstattet und der zu einem totalen Fiasko gerät, weil Thompson es für eine gute Idee hält, irgendwann gegen drei Uhr in der Nacht das einsam in einer Schlucht gelegene Haus von Nicholson mit der Tonbandaufnahme vom Todeskampf eines Schweins zu beschallen, das lebendig von einem Bären gefressen wird, und einen Suchscheinwerfer mit einer Million Watt auf das Anwesen zu richten, außerdem ein bißchen mit einer Neun-Millimeter-Pistole von Smith & Wesson herumzuballern und ein blutiges Wapitiherz an die Tür zu lehnen. Da sich Jack Nicholson bei diesem Frontalangriff verständlicherweise verbarrikadiert und das Licht löscht, fährt Thompson auf seine Owl-Farm zurück, um am nächsten Morgen zu erfahren, daß die gesamte Polizei des County auf der Suche nach einem Durchgeknallten ist, der Jack Nicholson und seine Familie abschlachten wollte. Genau wie in »Shining«.

Wer bei der Lektüre dieser Seiten keinen Lachkoller bekommt, hat von hochkomischer Literatur keine Ahnung. Klar, Reich-Ranicki würde mit diesem großartigen Buch nichts anfangen können.Und das ist auch gut so. Das Prinzip der Bügelfalte in der Literatur, das Alfred Döblin an Thomas Mann spöttisch konstatierte und das Reich-Ranicki an dem gleichen Mann bewundert, wird man bei Hunter S. Thompson vergeblich suchen. Bei ihm geht es um existentielle Dinge, um die Angst und um den Schrecken, die vom amerikanischen Traum übrig geblieben sind, und niemand kann diese bedrohliche Seite des Lebens besser beschreiben. Der Leser wird mit großer suggestiver Kraft in ein Szenario gesogen, das sich verselbständigt und plötzlich mit Thompsons sarkastischem Witz konfrontiert wird: »Wir schreiben das letzte und chaotische Jahr des Amerikanischen Jahrhunderts, und die Leute werden nervös. Hamsterer wagen sich hervor, murmeln düstere Prophezeiungen wegen der Jahrtausendwende und kaufen den Rindereintopf von Dinty Moore gleich kistenweise… Ich persönlich hamstere Munition, viele Tausende Patronen. Kugeln werden sich immer als nützlich erweisen, besonders wenn das Licht ausgeht und das Telefon plötzlich tot ist und die Nachbarn hungrig ausschwärmen. Spätestens dann stellst du fest, wer deine Freunde sind. Selbst enge Verwandte wenden sich gegen dich. Nach dem Jahr 2000 werden die einzigen Freunde, vor denen du dich sicher fühlen kannst, die toten Freunde sein.«

Über Hunter S. Thomspon wurden fünf Biografien geschrieben und weitere werden folgen. Sein Name wird im Internet häufiger genannt als die von William Burroughs, Allen Ginsberg, Jack Kerouac, Norman Mailer und Tom Wolfe zusammen, und wer »aus dem Leben des letzten amerikanischen Rebellen« etwas wissen will –und wollen wir das nicht alle? Vorausgesetzt wir interessieren uns überhaupt noch für etwas –, kommt um dieses Buch nicht herum. Es sollte zu Aufklärungszwecken an alle Schulen verteilt werden. Man kann schließlich nicht früh genug damit anfangen, junge Menschen zu verderben und mit richtiger Literatur zu konfrontieren.