Der Buchmessenreport – Teil 3

Es gibt noch Verlagsneugründungen. Das ist erstaunlich, weil Verlage ja immer weniger gebraucht werden, weil die Entwicklung dahin geht, daß jeder sich sein Buch selber schreibt und das dann auch noch selber druckt. Eingeladen hatte der Verlag Tolkemitt & Haffmans in eine Suite im 30. Stockwerk des Marriott-Hotels. Der alte Fuchs Haffmans hatte wieder mal alle Messe-Events getoppt. Ich war schwer beeindruckt. Es war dann aber nur der 29. Stock und in der Suite befanden sich zwei Doppelbetten, aber darin lagen leider nicht die beiden Verlagsneugründer in einem love-in, um den medialen Coup des Tages zu landen. Das war schade. Alle warteten auf Haffmans, aber der kam nicht, was ich ebenfalls für einen genialen Schachzug hielt. Dann sprang der fitte Herr Tolkemitt aufs Bett und hielt eine Verlagsneugründungsrede, in der er die vollständigen und auf neun Bände angelegten Tagebücher des Samuel Pepys angekündigt wurden. Wer immer das lesen wird, ich war noch schwerer beeindruckt. Aber dann machte Herr Tolkemitt alles zunichte, indem er bekannt gab, daß die Suite nur für zwei Stunden angemietet worden sei, weil auf der Messe kein Raum mehr zu bekommen war. Damit war der ganze schöne Mythos, auf dem ein neues Imperium hätte aufgebaut werden können, mit einem Schlag zunichte. Dann fotografierte ich Christian Y. Schmidt, der seit Buchmessenbeginn ununterbrochen seine eigenen Bücher lobt und zwar völlig zu Recht. Im Hintergrund guckte die Sonne zum Fenster herein und illuminierte seine Ohren in knalligem Rot.

Dann waren die zwei Stunden rum und wir pilgerten zu Beck, zu dem Verlag, bei dem es einige wenige Schnittchen für viele Leute gab. Bevor die Schnittchen von den Kellnern serviert werden konnten, deren Garderobe von der hungrigen Meute zerfetzt wurde, durfte man eine gefühlte Stunde lang an Herrn Becks Inhaltsangabe eines Buches von Richard von Weizsäcker knabbern. Danach reichte weitere gefühlte vier Stunden lang Richard von Weizsäcker eine Inhaltsangabe seines Buches nach, was man aber verstehen kann, weil Richard von Weizsäcker das Buch von einem Ghostwriter hat schreiben lassen, was mir aber niemand im Verlag glaubte. Frank Schirrmacher mischte ebenfalls mit und stellte zwischendrin Zwischenfragen zur Inhaltsangabe des Buches. Das ganze wurde als Gespräch ausgegeben, bei dem aber heikle Fragen ausgespart wurden, weshalb das ganze von einigen Mißgünstigen, die sich schon bald absentierten und hemmungslos zu trinken anfingen, als „servile Bauchpinselei“ bespöttelt wurde. Zudem verstand man kaum etwas, weil die Mägen der Anwesenden so laut knurrten.

Auf der Flucht zur Titanic-Fete traf ich wie letztes Jahr Harry Rowohlt vor der Tür, der auf ein richtiges Essen eingeladen war und mich glühend um meinen Rausch beneidete, weil ihn seine Neuropathie zur Abstinenz zwingt. Auf dem Titanic-Schiff konnte ich mich endlich satt essen. Es gab da sogar Fleisch, und weit und breit keine Schnittchen. Meine weißen Schuhe erregten so viel Aufmerksamkeit, daß sie es sogar in die tägliche Messebeilage der FAZ schafften. Damit hatte sich die Messe schon mal gelohnt.