Der Buchmessenreport – Teil 1

Am Abend vor Buchmessenbeginn speiste ich mit einem meiner zahllosen Übersetzer, die mir zu Diensten sind. Er erzählte mir, daß er schon vier Bücher von Herta Müller gelesen habe. Ich erklärte ihn sofort zum Experten, denn ich hatte zuvor noch nie jemanden getroffen, der Herta Müller gelesen hatte, offenbar weil niemand wirklich Verfolgtenliteratur der Banater Schwaben aus dem letzten Jahrhundert für prickelnd hält. Vermutlich hat sie auch aus diesem Grund den deutschen Buchpreis nicht bekommen, sondern Kathrin Schmidt, und zwar nicht, wie in der Welt und das heißt überall sonst auch spekuliert wird, weil Frau Müller ja schon den Literaturnobelpreis bekommen hat, sondern weil Frau Schmidt das bessere Thema hatte.

Frau Schmidt hatte ein Aneurysma, und das ist das, was in Deutschland immer mehr Konjunktur kriegt. Der Spiegel-Reporter hatte mit seinem Krebs schon einen Hit gelandet, und Sarah Kuttner ist mit ihren Depressionen schon seit Wochen auf der Bestsellerliste. Krankheiten, möglichst mit tödlichem Ausgang, das ist der Stoff, aus dem hierzulande die wie geschnitten Brot sich verkaufende Literatur gestrickt ist, und das ist nichts für harmlose und wehleidige Hypochonder, da geht es ganz existentiell zur Sache. Nachdem der Atomschlag, die H-Bombe und wie die Weltuntergangsszenarien alle hießen, ausgeblieben sind, konzentriert man sich in Deutschland auf den Feind im Innern, auf die tödliche Krankheit, auf die Seuche, und am besten ist es, wenn einer durchkommt. Diese Literatur kann seine thematische Nähe zum Arzt-Roman nicht leugnen, und damit haben sich U- und E-Literatur endlich wiedervereinigt. Und das ist doch schön. Und prompt ist Frau Müller krank geworden. Sie mußte eine Lesung in der europäischen Kulturhauptstadt Essen absagen, wahrscheinlich weil sie für ihren nächsten Roman recherchiert, in der ein tödlicher Virus die Hauptrolle spielen wird.

Auch ich habe schon mit dem Gedanken gespielt, einen Roman über meine vergrößerte Prostata zu schreiben, aber diese Krankheit ist einfach nicht tödlich genug. Mit der Schweinegrippe jedenfalls kann ich medial nicht mithalten, obwohl vermutlich mehr an der Prostata leiden als an Schweinegrippe. Von sowas ähnlichem wurde ich eben gestreift. Der ehemalige Umweltminister der Grünen, dessen Namen ich mir nicht merken kann, blieb an meinem Stand hängen und blätterte in „Vermeers Hut“ (besprochen in der jungen Welt vom Chef persönlich) und ignorierte dafür das neue Buch von Harry Rowohlt. Was immer das heißen mag, es ist hoffentlich keine neue Krankheit.