Die Wahrheit über den 11. Spieltag

Vielleicht hätte ich es mir denken können, denn für einen abergläubischen Menschen, wie es ein Fußball-Fan nun mal ist, konnte nach einem so schönen Tag wie vor einer Woche nur ein herber Rückschlag kommen. Dafür allerdings sprachen auch noch andere Indizien, nämlich dass im deutschen Classico, der eigentlich gar keiner ist, weil weder Dortmund noch die Bayern in der Bundesliga gerade den Ton angeben, auf bayerischen Boden für die Dortmunder nichts zu holen ist. Noch mehr, dass sich das schon traditionelle Desaster immer weiter fortsetzt. Seit 2015 gab es ein 1:5, 1:4, 0:6, 0:5 und nun ein 0:4, und damit kam die Borussia noch gut davon. Zunächst sprach nicht unbedingt alles dafür, denn die besseren Erlebnisse in der letzten Zeit hatten die Dortmunder, die einen 0:2-Rückstand gegen Inter Mailand zur Pause noch in ein 3:2 umbogen, so dass man sogar versucht war, von einer weiteren magischen Nacht zu sprechen. Auch den bislang ungeschlagenen Wolfsburgern fügte man eine 3:0-Niederlage zu. Fast schon war man verführt, die Borussen im Aufwind zu wähnen, denn parallel dazu befanden sich die Bayern in einem ihrer seltenen Tiefs, als man in Frankfurt 5:1 unterging und diese Niederlage die Entlassung Kovacs zur Folge hatte. Aber wie Thomas Müller betonte: »Immer wieder herrlich, wenn die Dortmunder nach München kommen.« Die Dortmunder erwiesen sich als exzellenter Aufbaugegner für die Münchner, die, und das bleibt dann doch das Rätselhafte, plötzlich all das wieder zeigten, was sie vorher vermissen ließen, Laufbereitschaft, Zweikampfstärke, Kompaktheit, Ballsicherheit und ein Pressing, mit dem die Dortmunder nicht umgehen konnten. Zwar liefen die Dortmunder sogar mehr, aber das nur, weil sie dem Ball, der bei den Münchnern wie am Schnürchen lief, hinterherhetzen mussten. Den Zweikampf suchten die Dortmunder nicht. Julian Brandt ging da mit gutem Beispiel voran, denn sein Anlaufen hatte immer nur Alibifunktion, während Sancho von drei Bayern umringt war, kaum dass er den Ball hatte. Er war es auch, der das 1:0 durch Lewandowski einleitete, weshalb er dann auch als zu großes Risiko ausgewechselt wurde. Aber ohne seine Einfälle und seinen Esprit, blieben Götze, Hazard, Brandt und später auch die eingewechselten Reus und Alcacer völlig wirkungslos. Eine einzige torgefährliche Situation brachten die Dortmunder zustande, während es vor dem Dortmunder Tor ständig brannte. Nur Hummels wehrte sich, aber es passte zu diesem Abend, dass ihm dann noch das Eigentor zum 4:0 Endstand unterlief. Das die Bayern all das zeigten, was sie vorher vermissen ließen, hängt vielleicht damit zusammen, dass es für jeden Spieler gegen Dortmund eben um das Topspiel geht, also gegen den unmittelbaren Konkurrenten, während Dortmund als völlig verunsicherter Haufen erscheint, der jeglichen Glauben an sich verloren hat. In solchen Situationen gehen Rummenigge & Co. rigoros vor und entlassen den Trainer. Dortmund hingegen übt sich in Geduld, obwohl klar ist, dass Favre mit dem von Zorc geforderten »Männersport« nicht so viel anfangen kann. Er setzt auf die Techniker, die dem Zweikampf lieber aus dem Weg gehen, während Flick bei den Bayern Thiago und Couthino auf der Bank ließ, weil er wusste, dass sich mit ihnen, wenn es hart auf hart kommt, kein Staat machen lässt. Auch wenn »Männersport« an den alten ranzigen Begriff aus dem letzten Jahrhundert erinnert, letztlich beruht das Wesen des Spiels eben doch auf Kampf. Technik ist darüberhinaus das entscheidende Moment, wenn die Voraussetzung stimmt. Und diese Voraussetzung, quasi das Einmaleins des Fußballs, lassen die Dortmunder vermissen. Das Warum ist Psychologie, die in einem Mannschaftsgefüge ihre eigene Dynamik entwickelt, und um diese Dynamik zu steuern, die Spieler zu motivieren, ihnen den Glauben an sich einzupflanzen, ist Favre nicht der richtige Mann.