Müller, Herta und Sarrazin, Thilo

Ich stand gerade an einem Kneipentresen in Duisburg, wo ich zu einem Vortrag eingeladen worden war, und bestellte einen dreistöckigen Tullamore Dew, als mich die Nachricht von der Vergabe des Literaturnobelpreises an Herta Müller erreichte. Diese Stockholmer Jury hat schon Humor, dachte ich. Dann ging ich auf die Bühne und fragte das Publikum, ob schon mal jemand was von Herta Müller gelesen hätte und wenn ja, dass sich deshalb niemand zu schämen brauche. Aber niemand hatte was von Herta Müller gelesen. Warum auch sollte einen die Spartenliteratur einer Banater Schwäbin interessieren? Also führte ich an diesem Abend den Nachweis, dass Kinky Friedman, der Country-Sänger, Krimiautor und Kandidat für den Gouverneursposten in Texas den Literaturnobelpreis viel eher verdient hätte, z.B. für Sätze wie diesen: „Eines Abends stand ich neben meiner kaputten Stehlampe, rauchte eine Zigarre und hörte meinen Haaren beim Wachsen zu, als ich endgültig ins Hintertreffen geriet. Aber das machte nichts. Da hinten traf man die interessantesten Leute.“ Herta Müller eher nicht.

Am nächsten Tag studierte ich aus Mangel an Alternativen den Trierer Volksfreund, der von Herta Müller auch nichts gelesen hatte, denn der gesamte Artikel bestand in der unbeantwortet bleibenden Frage, wer eigentlich Herta Müller sei. Na gut, dachte ich, Trierer Volksfreund eben. Aber auch in der Welt erfuhr man lediglich, dass der Nobelpreis eine „Verbeugung vor der Literatur der deutschen Minderheit in Rumänien“ sei. Reich-Ranicki hat Herta Müller auch nicht gelesen, jedenfalls wollte er keinen Kommentar abgeben, und das will schon was heißen bei einem Mann, der sonst an keinem Mikrophon so ohne weiteres vorbeigeht. Und in der FAS beschrieb der Aufmacher im Kulturteil, dass die vor dem Haus von Herta Müller versammelte Journalistenmeute die schwedische Botschafterin mit der frisch gebackenen Literaturnobelreisträgerin verwechselt haben. „Wörter, die leuchten“ war der Artikel überschrieben, aber solche fielen mir in dem gesamten Artikel nicht auf. Das einzige, was leuchtet, sind die Augen der Kommentatoren, denn schon wieder wurde deutsche Literatur ausgezeichnet, die zwar im Unterschied zur amerikanischen kaum jemand liest, nicht mal die Deutschen selber, aber im Vergleich der Systeme hat man die anderen mal wieder abgehängt. Und das tut gut in Zeiten, wo man im Ausland auf das Bundesbankvorstandsmitglied und den ehemaligen Finanzsenator Berlins Thilo Sarrazin angesprochen wird, der sich in Lettre international über die geistige und materielle Verarmung in Berlin äußerte. „Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert.“ Und: „Die große Zahl an Arabern und Türken in dieser Stadt (Berlin) hat keine produktive Funktion außer für den Obst- und Gemüsehandel.“ Aus Sarrazin spricht der Proll, der als Politiker seine „Verantwortung“ entdeckt hat und sich Sorgen um den Fortbestand Deutschlands macht. „Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben, durch eine höhere Geburtenrate.“ Wahrscheinlich deshalb also bieten die Deutschen in Berlin-Kreuzberg und Berlin-Mitte den Türken Paroli und werfen Kinder wie nix gutes, um ein Vordringen der Türken zu verhindern. Der türkischen Unterschicht die hohe Geburtenrate als Strategie zu unterstellen, um in Deutschland die Herrschaft an sich zu reißen, ist von großer nationaler Komik, wie es überhaupt lustig ist, einem Volk vorzuwerfen, dass es sich vermehrt. Es ist dann nur noch ein kleiner Schritt, um die Verwertbarkeit solcher Fremdkörper wie der Türken in Frage zu stellen, die die Politiker in Berlin erst angesiedelt haben und jetzt nicht mehr wissen, was sie mit ihnen anfangen sollen. Sie werden als unnütze Esser abgestempelt, die dem Staat auf der Tasche liegen.

Wenn man von Unterschicht zu Unterschicht so übereinander herfällt, dann liegt das an der mangelnden geistigen Kompetenz, wenn Politiker so anfangen zu sprechen, dann zeigen sie, dass sie auch nicht viel mehr in der Birne haben wie die von ihnen kritisierte Unterschicht, nur bleiben ihre Ressentiments nicht so folgenlos wie die von irgendeinem Hirni. Zu diesen muss unbedingt auch Guido Westerwelle gezählt werden, der FDP-Sprechautomat, der nach der Wahl nichts zu sagen wusste außer, dass er von der Wählerschaft einen Auftrag bekommen habe und die anderen nicht. Wer hätte das gedacht. Überfordert war der zukünftige Außenminister dann auch gleich auf seiner ersten Pressekonferenz, als ihn ein BBC-Reporter fragte, ob er ihn auf Englisch etwas fragen und auf eine Antwort hoffen könne. „Wir sind ja hier in Deutschland“ wurde dem Mann mehrmals beschieden, als ob Westerwelle seinen Auftrag darin erkannte, dem Mann über diese Unklarheit hinwegzuhelfen. Seither ist dieser Clip das am häufigsten angeklickte Filmchen auf Youtube, denn jeder möchte sehen, welchen aufgeweckten Burschen man zum Außenminister gewählt hat.

Kinky Friedman wurde vom Spiegel einmal gefragt, warum man ihn zum Gouverneur in Texas wählen sollte: „Das frage ich mich auch. Keine Ahnung. Als ich die Bewerbung bekannt gab, sagte ich: ‚Ich brauche eine größere Kleiderkammer.‘ Jetzt muss ich mir eine bessere Begründung ausdenken.“ Keine Sorge, zu einer solch verantwortungslos fröhlichen Antwort wird Guido Westerwelle von der FDP-Spaßpartei nicht fähig sein, er wird sich verlässlich steif und national einen abbrechen: I am proud to be an Asshole from Krautland. Dann wollen die meisten anderen vielleicht keine mehr sein. Wäre ja nicht schlecht.