Geschichten aus dem Marzipan-Königreich

Ben Hecht in Chicago und Hollywood

Ekligen Journalismus, für den exemplarisch Bild steht, mit erlogenen Geschichten, übler Nachrede, Belästigung von Opfern und Veröffentlichungen von Paparazzi-Fotos, das alles gab es schon vor hundert Jahren. Darüber geschrieben hat einer, der es wissen muß, weil seine Karriere beim Chicago Daily Journal begonnen hat. Daß man bei der Lektüre dieser Geschichten jedoch nicht an die Bild-Kloake denkt, obwohl Ähnlichkeiten nicht zu bestreiten sind, liegt an dem großartigen Erzähler Ben Hecht, einem der bekanntesten Hollywood-Drehbuchautoren, der in seinen autobiographischen Geschichten »Von Chicago nach Hollywood« über sein Leben als Journalist so kurzweilig und lustig berichtet, daß man die wundervoll haarsträubenden und absurden Stories einfach nur genießerisch schlürft wie guten alten irischen Whiskey.

Ein Onkel hatte über seine Beziehungen als reisender Schnapshändler den jungen Ben Hecht in dem Chicagoer Blatt untergebracht. Nach zweiwöchigem Nichtstun wird er losgeschickt, um bei Vergewaltigung, Mord und Totschlag Bildmaterial zu besorgen. Da Kameras Anfang des letzten Jahrhunderts nicht sehr gebräuchlich waren und auch die Abbildung von Leichen verpönt war, ging es darum, den Hinterbliebenen ein Foto abzuluchsen. Und da entwickelt Ben Hecht einen völlig verrückten Einfallsreichtum. Um sein Ziel zu erreichen, klettert Ben Hecht auf das Haus einer unglücklichen Familie, die den Tod ihrer Tochter beklagt und jeden Kontakt mit der Presse verweigert. Dort legt er Bretter auf den Schornstein, bis der Qualm aus den Fenstern dringt und die Bewohner ins Freie treibt, für Hecht die Gelegenheit, in die Wohnung einzudringen und sich ein Foto der Toten zu besorgen. Das ist nicht die feine Art, und schon gar nicht ist das moralisch, aber unter einem sportlichen und erzählerischen Gesichtspunkt grandios.

Damals beginnt seine Karriere als Autor. Sein größter Coup wird auf der Titelseite mit der Schlagzeile angekündigt »Erdbeben zerreißt Chicago« mit einem Foto von dem Erdspalt, den Ben Hecht höchstpersönlich gegraben hatte. Tanten, Onkel und Cousins des Autors sind die Zeugen dieser frei erfundenen Naturkatastrophe. Natürlich fliegt irgendwann einmal eine dieser kruden Lügengeschichten auf und beendet die vielversprechende Reporterlaufbahn, aber in dieser Zeit hat Ben Hecht die beste Ausbildung genossen, die man als Autor kriegen kann. Er hat auf seinen Streifzügen durch die Stadt eine Menge zwielichtiger Gestalten, Diebe und Betrüger kennengelernt, die ein schnell wachsender Wirtschaftsknotenpunkt wie Chicago hervorbringt, er kannte hunderte Geschichten, er war mitten drin, er saugte sie auf, und wenn später in Hollywood jemand gebraucht wurde, um einen verrutschten Plot zu reparieren oder um Gangster glaubwürdig auf die Leinwand zu bringen, dann wußte jeder, an wen er sich wenden mußte.

Ben Hecht schrieb die Drehbücher u.a. von Howard Hawks »Scarface«, Hitchcocks »Notorious« und Billy Wilders »Frontpage«. Er war dick im Geschäft, er konnte sich drei Hausmädchen leisten, einen Chauffeur und einen Masseur, und Hollywood, das »Marzipan-Königreich«, ermöglichte ihm den luxuriösen Lebensstil. Dennoch durchschaute er das System Hollywood, wo die Produzenten »jede Idee, jeden Plot, jedes Vorhaben, das ihnen vorgelegt wird, nur unter dem einzigen Gesichtspunkt prüfen, ob es trivial genug ist, um den Massen zu gefallen«. Und wirklich fähige Schriftsteller wie Raymond Chandler werden nur deshalb gut bezahlt, damit sie von ihren Fähigkeiten keinen Gebrauch machen. Ben Hecht war der schnellste und begehrteste Drehbuchautor. Er war selbstbewußt und skrupellos genug, um zu wissen, worauf es ankam, er lieferte, was gewünscht war, das aber für einen guten Preis, und er war auch klug genug, um sich nicht von Hollywood durch die Mangel drehen zu lassen.

1918 schickte ihn seine Zeitung für zwei Jahre nach Berlin, um über das Reich nach einem verlorenen Weltkrieg zu berichten. Seine Reportagen gehören zu dem Erhellendsten, was damals über Deutschland geschrieben wurde, weil sie frei von Ideologie und unbefangen über die Ereignisse aus der Sicht eines Ausländers berichten, und Ben Hecht hatte ein sehr gutes Gespür dafür, was die Deutschen damals quälte. Diese Zeit konfrontiert ihn mit einer Entwicklung, die in den Faschismus führen sollte. Ben Hecht ist eigentlich kein politischer Mensch, aber ihm ist sehr bald klar, was die Naziherrschaft bedeutet. Noch bevor darüber berichtet wird, schaltet er Anzeigen in allen großen amerikanischen Tageszeitungen über den Massenmord an den Juden, und im Juli 1943 bringt er in New York und anderen großen Städten ein erfolgreiches Theaterstück zur Aufführung, in dem ebenfalls die Nazi-Verbrechen thematisiert werden. Ben Hecht steckt sein gesamtes Hollywood-Honorar in diesen Kampf, der sich auf die Palästina-Politik der Briten ausweitet, die jüdischen Flüchtlingsschiffen die Einreise verweigern. Auf diese Kritik reagiert das Empire verschnupft und erläßt einen Boykott aller Filme, an denen Ben Hecht mitgewirkt hat, und das können nicht viele auf ihre Fahnen schreiben.

Der geniale Fabulierer Ben Hecht verläßt angewidert vom »Mief und der Feigheit der Stadt« 1952 Hollywood. Ein letztes Mal geht er durch die vertrauten Straßen. »Ich saß in einem modrigen, einst illustren Salon. Der schnurrbärtige Barkeeper döste zwischen seinen Flaschen. Die Tische waren staubig und verlassen. Die Schwingtür öffnete sich, Musik ertönte und eine Sirene kam herein und schielte mich lüstern an.« Madam Hollywood in »rotem Flitterkleid« und mit »blaulila geschminkten Wangen« kommt herein. »In ihren Augen lag kein Ärger. Sie waren müde und freundlich, denn einst war ich ein guter Freund wie viele.« Ein leicht melancholischer, aber auch heiterer Abschied ohne Bitterkeit, und das ist vielleicht genau die Haltung, die nötig ist, um die Geschichten so elegant und mit leichter Hand schreiben zu können, mit Witz und Verve und mit Dialogen, die aus dem Leben kommen und nicht einem Konversationshandbuch entnommen sind. Ben Hecht könnte zum New Journalism gezählt werden, wenn es den damals schon gegeben hätte, aber er gehört zweifellos zu den großen Journalisten und Autoren Amerikas, mit denen man hierzulande leider nur wenig anzufangen weiß. Umso erfreulicher ist es, daß nach den Versuchen des kleinen Wolke-Verlags 1989 und Insel 1992 jetzt Berenberg einen neuen Anlauf unternimmt, ihn bekannt zu machen.

Ben Hecht, »Von Hollywood nach Chicago. Erinnerungen an den amerikanischen Traum«, Berenberg, Aus dem Amerikanischen von Helga Herborth, Berlin 2009.