Das Leben in der Notaufnahme

Über tausend Dinge, die schöner sind als ein Orgasmus

Im Kulturbetrieb und bei den dazugehörigen Kulturbetriebsintriganten und -lieferanten wie Martin Walser und Günter Grass gelten die Bücher von Simon Borowiak höchstens als humoristische Unterhaltungsliteratur, weil Literatur in der immer noch vorherrschenden Meinung erlitten werden muß, was den deutschen Großschriftstellern entgegenkommt, denn was sie schreiben ist zäh und langweilig und deshalb besonders für einen Vorabdruck in der FAZ geeignet, und wenn ein neuer Roman erscheint, steht das Feuilleton stramm. Warum eigentlich? Gibt es doch selbst in Deutschland genug Autoren, die die beiden locker an die Wand schreiben. Ohne Simon Borowiak mit den beiden vergleichen und damit beleidigen zu wollen, er ist zweifellos einer, der schreiben kann, und zwar verdammt gut, und bei dem man nicht das Gefühl hat, auf einem Kaffeekränzchen von Untoten zu sein.

»Schade um den schönen Sex« heißt sein neues Buch, aber keine Sorge, es geht darin nicht wirklich um Sex, denn es gibt »tausend Dinge, die einen Orgasmus locker auf Platz tausendundeins verweisen würden«, zum Beispiel »die Bibel ins Hessische übersetzen«. Abgesehen davon also, daß es um Sex gar nicht geht, auch sonst passiert nicht viel in diesem Roman. Der Ich-Erzähler wird von seinem Freund Cromwell über Weihnachten auf eine Reise in den Süden eingeladen, die dieser mit seiner Freundin antreten wollte, aber dann kracht die Beziehung auseinander, weil die Frau aus der Eifel stammt, »ein heikles Pflaster, mit zwar schöner Pflanzenwelt, aber schlimmen Menschen; es wimmelt dort von Spermakranken, die ihre Hosen mit der Kneifzange anziehen«. Wusch, da kriegt jemand die volle Dröhnung ab, weil eine Frau sich gefälligst nicht in eine Männerfreundschaft zu mischen hat, die in schlechten Zeiten gewachsen ist, »als wir die Blüte unserer Jahre der Psychiatrie schenken mussten und nicht klar war, ob jeder von uns seine Hölle überleben würde«, weshalb die beiden ihre Zeit gerne in einer Notaufnahme verbringen, wenn sie sich einen besonderen »Kick« geben wollen.

Die Existenz als Bodensatz der Gesellschaft ist kein schmückendes Apercu. Nein, der Autor weiß, wovon er schreibt, aber er geht damit nicht hausieren, er zerfließt deshalb nicht vor Selbstmitleid, sondern ganz unten gewesen zu sein gehört zu seiner Biographie, und das hat ihn aus der Welt der Normalität hinauskatapultiert. Sein Schreiben ist dadurch existentiell geworden, es ist kein netter Zeitvertreib, keine belanglose Sache, die man ebensogut lassen kann. Er nimmt die Wirklichkeit mit anderen Augen wahr, er kommentiert sie anders, glasklar, sarkastisch, mit Poesie und Witz, denn der Witz gewinnt unter solchen Voraussetzungen an schöner Schärfe, die in jeder Zeitung sofort den empörten Leserbriefschreiber scharenweise in die Leserbriefspalten treiben würde.

»Ich hasse Jugendliche«, läßt Borowiak an einer Stelle wissen, »vor allem, weil ich selbst nie einer war. In meiner Jugend war ich viel zu beschäftigt, um mich einem süßen Teenagerleben hingeben zu können. Da musste Klavier geübt, der Bibliotheksausweis verlängert und der nächste Selbstmordversuch geplant werden – in meiner Jugend kam man ja praktisch zu nix. Allein die vielen Testamente, die angefertigt und alle drei Tage wieder storniert werden wollten!« Und außerdem sehen die Jugendlichen »alle so gleich aus«. Solche Stellen finden sich mindestens eine pro Seite, und es ist gut, daß es nicht mehr sind, denn so hat man länger was von ihnen.

In Ventimiglia angekommen, werden die beiden von einem Blinden in einen häßlichen Betonbau mit Meeresblick abgeschleppt, finden dort eine Unterkunft und im Blinden einen Freund und Führer. Mit ihm zusammen kann der Ich-Erzähler sogar seine Liebesblockade lösen, die sich vor langer Zeit durch eine wilde Romanze mit seiner Lehrerin aufgebaut hatte. Aber während er noch daran zu knappern hat, stürzt sich der in Liebesdingen labile Cromwell in ein Tête-à-tête mit Gesa, der minderjährigen und vernachlässigten Tochter eines Ehepaares mit künstlerischen Ambitionen, das aber nur Ramsch an Touristen verhökert. Dieses Paar mit der »Intelligenz eines Tiefseeschwamms und dem Gespür eines Fensterleders« kriegt die volle Verachtung des Autors ab, obwohl die beiden eigentlich auch Gescheiterte und Strandgut sind. Und deshalb wage ich mal die Vermutung, daß ihm vor allem ein Gräuel ist, was die beiden repräsentieren, nämlich Kunst und Elternschaft, wobei sie in beiden Disziplinen vollkommen versagt haben. Vielleicht aber sind sie aber auch nur zwei Pappnasen, an denen sich der Autor ein wenig abreagiert.

In einem rasanten Finale bringt der Ich-Erzähler seinen Freund Cromwell dazu, seine Pfoten von dem Mädchen zu lassen, das von der Welt kaum mehr gesehen hat als den »Schulatlas«. Mit vereinten Kräften und einer randvollen Flasche Grappa schießen sich die beiden »gelernten Alkoholiker« zuerst in die Kiste, um anschließend zu flüchten. Noch einmal kriegen sie die Kurve, aber wer weiß, vielleicht schon beim nächsten Mal landen sie wieder beim Psychiater, dem sie dann mit dem Witz kommen können, wie um die Zumutungen des Daseins etwas erträglicher zu machen: »Bitte analysieren Sie mich. Nur: Lassen Sie meine Frau Mutter aus dem Spiel.«

Simon Borowiak, »Schade um den schönen Sex«, Eichborn, Frankfurt 2009, 16,95 Euro