Der heroische Verlierer

Adrian Mole versucht auch mit 34 ¾ unbeirrt, dem Chaos zu entkommen

Der neue Adrian Mole ist da. Adrian Mole ist eine Romanfigur, die in England Karriere gemacht hat, ja sogar zur nationalen Kultfigur aufgestiegen ist, weil sie auf liebenswerte Weise verschroben und linkisch und völlig untauglich für die Anforderungen des modernen Lebens ist, auf der anderen Seite jedoch alle möglichen Anstrengungen unternimmt, ein wertvolles, aber auch berühmtes Mitglied der englischen Gesellschaft zu werden. Adrian Mole begann schon mit 13 ¾ Jahren ein bizarres Tagebuch zu führen, in dem er seine Leiden als Pubertierender mit großer unfreiwilliger Komik ausgebreitet hat. Die Kunst, die Komik so aussehen zu lassen als sei sie unfreiwillig, beherrscht Sue Townsend perfekt. Sie hat Adrian Mole erschaffen und wird seither als jemand gefeiert, der neue Maßstäbe in der komischen Literatur gesetzt hat. Sie hat ein feines Gespür dafür, wie ein Jugendlicher tickt, der sich in einer kruden Mischung aus Überangepaßtheit und Opposition gegenüber seinen Eltern selber im Weg steht und mitten im alltäglichen Chaos von der großen Liebe und der großen Schriftstellerkarriere träumt. Mit 30 ¾ Jahren griff der berühmteste Tagebuchschreiber Englands 1997 „wieder zur Feder“ und zeichnete in „Die Cappuccino Jahre“ seine Abenteuer als Starkoch in einem Nobel-Restaurant auf, in dem seine Tätigkeit vor allem darin bestand, Innereien aufzutauen. Im neuen Buch von Sue Townsend „Adrian Mole und die Achse des Bösen“ ist ihr Protagonist 34 ¾ und Tony Blair belästigt gerade die Engländer mit der ständigen Behauptung, der Irak habe Massenvernichtungswaffen und bedrohe den Weltfrieden. Als vorbildlicher Staatsbürger vertraut er seinem Regierungschef. Dummerweise wird sein Sohn als Soldat nach Barsa geschickt und Massenvernichtungswaffen werden auch keine gefunden. Dennoch stemmt sich Adrian Mole heroisch gegen eine Übermacht von Zweiflern, die den Irak-Krieg für einen Dreckskrieg halten. Nebenher arbeitet er in einem Antiquariat, hat sich mit dem Kauf eines Lofts völlig verschuldet, lebt von diversen Kreditkarten, und sein Liebesleben ist das reinste Desaster, denn Adrian Mole ist jemand, der besitzergreifenden Menschen nicht viel entgegenzusetzen hat. Und als er in die Fänge von Marigold und ihren Eltern gerät, entkommt er nur mit letzter Kraft der Hochzeit, deren Vorbereitung bereits auf Hochtouren läuft. Marigolds Leidenschaft besteht darin, Puppenhäuser zu bauen und einzurichten, in Birkenstockschuhen herumzulaufen und sich vegetarisch zu ernähren. Sie ist das personifizierte schlechte Gewissen, das sie wehrlosen Personen wie Adrian Mole macht. Aber so schlecht sich Adrian Mole auch fühlen mag, wenn Marigold ihm tränenüberströmt ihre Liebe gesteht und sogar eine Schwangerschaft vortäuscht, um ihn in die Ehe zu prügeln, so ist er doch auch nicht willensstark genug, um sich nicht auf eine Affäre mit der attraktiven Schwester Marigolds Daisy einzulassen. „Der Sex mit ihr war fog khed dkybwlcu ghtr gthfdsw, wie der große Tagebuchschreiber Samuel Pepys es gut verschlüsselt ausgedrückt hätte“, schreibt Adrian Mole, und Sue Townsend erweist dadurch ihrem Vorbild ihre Referenz. Sie hat Pepys jedoch nicht nur einfach imitiert, sie hat in verfeinert und perfektioniert, sie hat den Witz zugespitzt und ihm neue Facetten abgewonnen. Unbeirrt vom Chaos seines Lebens verfolgt Adrian Mole seine Ambitionen als Schriftsteller. Dazu hat er eine Schreibgruppe ins Leben gerufen, in der man sich gegenseitig aus den neuesten selbstgebastelten Werken vorliest. Und das hört sich so an: „Ken Blunt schimpfte los, es sei die Pflicht des Schriftstellers, über den Krieg zu schreiben, und wie ihn diese Texte ankotzten, die über drei beschissene Seiten hinweg über die Farbe eines Herbstblattes schwafelten… Gary Milksop erging sich weinerlich darüber, wie sehr ihn Kens persönliche Attacke ärgerte, immerhin habe er erst neulich eine Kurzgeschichte mit dem Titel ‚Das Herbstblatt‘ geschrieben. Ken empfahl ihm, ‚Das Herbstblatt‘ zu überarbeiten und das Setting nach Afghanistan oder an sonst einen Ort ‚mit ein bißchen Brisanz‘ zu verlegen. Gary hielt dagegen, er folge lieber dem Rat erfolgreicher Schriftsteller, nämlich daß man immer über etwas schreiben solle, was man selber kennt. Und Herbstblätter kenne er nun mal.“ Das ist schon sehr komisch, ebenso wie die verschiedenen Briefentwürfe an seine Verlobte Marigold, in der er ihr auf Drängen Daisys reinen Wein einschenken soll. Da ist zunächst der Klassiker, demzufolge „ich nicht einmal annähernd gut genug für Dich bin“, dann folgt das Geständnis, schwul zu sein. Auch daß er seit einiger Zeit Frauenkleider trägt und sich Brenda nennt, zieht Adrian in Erwägung, ebenso wie eine seltene Krankheit, die zu plötzlichen und heftigen Gewaltausbrüchen führt. Grandios auch der Brief an Tony Blair, in dem er diesen um eine Bestätigung für die Existenz von Massenvernichtungswaffen im Irak bittet, um von einem Reisebüro die Kosten für einen stornierten Urlaub nach Zypern zurückerstattet zu bekommen, weil der Premierminister in einer Rede vor dem Unterhaus „das Parlament davon in Kenntnis setzte, daß Saddam Husseins Massenvernichtungswaffen binnen fünfundvierzig Minuten Zypern erreichen können.“ Adrian Mole erweist sich in seiner Naivität zwar als Nervensäge, aber in seinem Windmühlenkampf gegen die Realität zieht er immer den Kürzeren. Aus der Perspektive des hoffnungslos Unterlegenen gelingen Townsend bissige Bemerkungen über Blairs Irak-Krieg, das marode englische Gesundheitssystem und die Bürokratie, die jedoch nie ideologisch sind, und nie hat man den Eindruck, sie würde ihre Figuren im höheren Auftrag „Gesellschaftskritik“ üben lassen.Adrian Mole ist der heroische Verlierer, der sich in den Schlingen des Alltagslebens hoffnungslos verheddert, das aber auf hohem komischen Niveau. Vielleicht aus diesem Grund wächst er jedem Leser ans Herz, der instinktiv in Adrian Mole einen Leidensgenossen erkennt, weil der sich von Leuten mit einem ausgeprägten Selbstwertgefühl zu Sachen drängen läßt, die er gar nicht mag. Vor allem aber wird Adrian Mole auch diesmal wieder den Ansprüchen von Lesern gerecht, die Geschmack haben und die von der Literatur vor allem eins erwarten, nämlich daß sie vor Lachen weinen müssen und vor Vergnügen heulen und jaulen. Und für dieses Vergnügen ist man auch gerne bereit, darüber hinwegzusehen, daß Sue Townsend in einem Anfall unnötigen Kitsches das wundervolle Chaos zu einem harmonischen Ende bringt.