Die Wahrheit über den 29. Spieltag


Er wäre ein so schöner Schwiegersohn gewesen, der smarte Herr Klinsmann mit dem Sunnyboylächeln, aber dann entpuppte er sich in der Welt des Bayernfußballs, in der nur Punkte und Titel zählen, als Versager. Irgendwie hatte ich Mitleid mit Uli Hoeneß, als er zusammengesunken auf der Bank saß, den Blick tief in den Boden gebohrt, während Ribery – nach dem Frustfoul vom Platz gestellt – an ihm vorbeilief und mit seinem Abgang auch Hoeneß‘ letzter Traum von der Meisterschaft geplatzt war. Und das ausgerechnet gegen Schalke, die bislang als zuverlässige Punktelieferanten nach München gekommen waren. Schalkes Keeper Manuel Neuer imitierte sogar Kahn und kämpfte nach Abpfiff mit der Eckfahne, aber es gab keinen Meistertitel zu feiern, sondern nur einen mageren 1:0-Erfolg. Diese symbolische Handlung machte Neuer nicht sympathisch und zeigt nur, daß es im Fußball einige Spieler gibt, die im normalen Leben als Sonderlinge abgestempelt werden würden. In Münchens Welt des Schickeriafußballs aber stimmt nichts mehr. Der Frust könnte sich in den Kader hineinfressen und ihn sprengen. Möglich sogar, daß Bayern auf Platz 4 rutscht und damit sogar die Champions-League verpaßt. Fragt sich jetzt nur, ob Bayerns Bosse hektisch die Reißleine ziehen oder die Saison in trauter Eintracht mit Klinsmann abschreiben. In beiden Fällen machen sie keine gute Figur. Aber auch bei einem der direkten Konkurrenten um die CL-Plätze ist der Wurm drin. Gegen Bremen aus dem Pokal geflogen, gab es auch in Dortmund nichts zu holen. Und sofort lagen beim HSV die Nerven blank. »Der hat bestimmt zu Hause nichts zu sagen«, gab Mathijsen eine eigenwillige Erklärung darüber ab, daß der Schiedsrichter seiner Meinung nach für den BVB gepfiffen hatte, aber der als Beleidigung gedachte Vorwurf funktioniert nicht mal, wenn die Frau des Bankkaufmanns Kempner Fan vom BVB gewesen wäre, oder vom HSV. Herr Kempner meinte aber dennoch richtigstellen zu müssen, daß er sehr wohl etwas zu Hause zu sagen habe. Derart tiefenpsychologische Debatten werden von den Spielern geführt, weshalb man froh sein kann, daß es auch noch Fußball gibt, und da hatten die Dortmunder die Nase um mindestens zwei Längen voraus. Sahin ragte endlich so heraus, wie ich es mir immer erhofft habe und weshalb Arsene Wenger ihn nach London holen wollte. Er spielte einen hohen Paß präzise wie ein Schweizer Uhrwerk in den freien Raum auf Kehl, der den Ball direkt und elegant, wie man es bei Kehl zu allerletzt vermutet, durch die Beine von Rost ins Tor bugsierte. Eine zauberhafte Szene. Dieser Treffer wurde nur getoppt von einem Befreiungsschlag eines Karlsruhers von der Mittellinie aus und in höchster Not. Der Ball senkte sich über Leverkusens Adler, der gerade am Sechzehner stand und in aller Ruhe den Gang des Spiels verfolgen wollte. Und damit ist auch Leverkusen ins Niemandsland abgerutscht, während sich bei Karlsruhe das Pech in unverschämtes Glück verwandelt hat und Eduard Becker wieder Hoffnung schöpft, denn er hat Anschluß an den Vorletzten gefunden. Und Marcel Reif hat sich auch wieder zu Wort gemeldet: »Du säufst zu viel!« schnauzte er ins Mikrophon, und Millionen Premiere-Gucker zuckten zusammen und dachten: »Oh Gott, woher weiß er das?« In Dortmund hingegen denken die BVB-Fans immer noch: »Marcel Reif ist schwul.« Und woran hat Marcel Reif gedacht? »Scheiße, wieder den falschen Knopf gedrückt.« Kann ihm denn jemand mal erklären, wo das Mikro auf stumm gestellt wird? Obwohl? Lieber doch nicht.