Steinmeier, Frank-Walter

Okay, der Mann ist mit einem Doppelvornamen gestraft, der wirklich hart ist. Frank-Walter! Ich meine, wie soll man mit einem Mann Zärtlichkeiten austauschen, ihn eventuell sogar küssen, wenn er Frank-Walter heißt? Küß mich, Frank-Walter? Wem käme sowas denn glatt über die Lippen, ohne daß die Libido sofort zusammenschnurrt? Gibt es eigentlich Frauen, denen sowas egal ist? Die »Frank-Walter, ich liebe dich« sagen und dabei nicht an Eigenheim, Autoversicherung und Rentenvorsorge denken? Wie gemein müssen die Eltern gewesen sein, als sie sich neun Monate lang überlegten, welcher Name wohl am sperrigsten, lächerlichsten und deutschesten klingen könnte und dann auf Frank-Walter kamen? Man kann sich richtig vorstellen, wie Frank-Walter in der Schule wegen seines Vornamens gehänselt wurde, wie jedesmal, wenn Frank-Walter vom Lehrer aufgerufen wurde, die ganze Klasse kicherte. Das muß eine harte Zeit gewesen sein. Und dafür rächt sich Frank-Walter Steinmeier jetzt.

»Mein Deutschland« heißt das Buch, und darüber steht Frank-Walter Steinmeier und wiederum darüber ist ein Foto von ihm abgebildet, das über die Hälfte des Covers einnimmt. Auf dem grinst er leicht, ein Grübchen hat sich in die linke Wange gebohrt. Und wenn man sich fragt, warum Frank-Walter Steinmeier so zufrieden satt wie ein fetter kastrierter Kater aussieht, dann muß man nur auf das besitzanzeigende Wörtchen im Titel gucken. Er hat es sich allerdings nicht unter den Nagel gerissen wie Gerhard Schröder, der karrieregeil an den Toren des Kanzleramts rüttelte und rein wollte. Nein, Frank-Walter Steinmeier ist als Schlaftablette zur Welt gekommen und als Schlaftablette ist er Außenminister geworden. Niemand kannte Frank-Walter Steinmeier. Plötzlich war er Außenminister. Aber auch als Außenminister ist er nur Politikexperten bekannt. Jetzt will er auch noch den Beweis antreten, daß er es als Schlaftablette ins Kanzleramt schafft. Und die Chancen stünden gar nicht so schlecht, wenn da nicht schon eine Trantütin wohnen würde. Während Joschka Fischer immer noch Reaktionen hervorruft, wie beispielsweise bei Harry Rowohlt, der jedes Mal, wenn er dessen Namen im Fernsehen hört, aufspringt und »Arschloch« ruft, käme bei Frank-Walter Steinmeier niemand auf die Idee, so ein Engagement an den Tag zu legen. Frank-Walter Steinmeier ist die Verkörperung für die vollkommene Profillosigkeit der SPD, der Beweis, daß es noch farbloser und unsexier geht als mit Angela Merkel. Ihm sieht man bei jedem Statement an, daß er nichts zu sagen hat und daß er das auch so zu vermitteln weiß, d.h. er bemüht sich erst gar nicht, etwas anderes vorzutäuschen. In seiner Mittelmäßigkeit baut sich ein unerschütterliches Selbstbewußtsein auf, Frank-Walter Steinmeier fühlt sich als das Mittelmaß aller Dinge. Und deshalb ist Deutschland wie selbstverständlich seins, ihm als dem Mittelmäßigsten aller Mittelmäßigen gebührt die Krone. Den Beweis tritt Frank-Walter Steinmeier mit seinem Buch an.

»Warum jetzt ein Buch?« stellt er – in der lustigerweise »Vorbemerkung des Autor« betitelten Vorbemerkung – die Frage, die sich in der Tat jeder vernünftige Mensch stellen würde. Das aber wäre die falsche Frage, läßt Frank-Walter Steinmeier wissen, weshalb man sich natürlich fragt, warum er die Frage überhaupt aufwirft. Die richtige Frage lautet vielmehr, sagt Frank-Walter Steinmeier: »Warum erst jetzt ein Buch?« Man könnte natürlich noch ergänzen: »Warum überhaupt ein Buch?« Oder: »Warum nicht erst viel später ein Buch?« Aber ich will Frank-Walter Steinmeier nicht ständig unterbrechen: »Die Idee dazu entstand im Jahr 2005, nach dem Ende der rot-grünen Koalition. Damals wollte ich für mich Zwischenbilanz ziehen: Was ist geblieben von unseren Zielen? Wie weit waren wir gekommen bei der Öffnung einer Gesellschaft, die sich in sechzehn Jahren Kohl eingehaust hatte? Aber mein Projekt musste warten. Es kam die Große Koalition, ich wurde Außenminister. Neue Horizonte waren zu vermessen. Der Rhythmus der Arbeit ließ keine Zeit zum Schreiben.« Eine überzeugende Antwort auf all die vorher aufgeworfenen Fragen liefert Frank-Walter Steinmeier damit nicht. Interessant hingegen sind die neuen Fragen, die in der »Vorbemerkung des Autors« auftauchen. Was nämlich hat es mit der sich eingehausten »Öffnung einer Gesellschaft« auf sich? Diese Frage erscheint mir umso wichtiger als wegen dieser eingehausten Öffnung Frank-Walter Steinmeiers Projekt warten mußte. Meinte Frank-Walter Steinmeier vielleicht »einrichten«? Aber kann sich eine Öffnung einrichten? Oder ist die Öffnung im Haus und kann nicht raus? Oder ist Kohl einfach gegangen und hat die Haustür offen gelassen?

Befriedigende Erklärungen sind das alles nicht, ich weiß, aber niemand soll schließlich sagen, ich hätte mir keine Mühe gegeben. Aber solchen rätselhaften Andeutungen stehen auch erfreulich klare Aussagen gegenüber wie »Ich wurde Außenminister«. Ich erwähne das nur aus Gründen der Ausgewogenheit, und auch deshalb, weil man sich daran immer wieder erinnern muß. Dann wiederum stößt Frank-Walter Steinmeier auf »neue Horizonte«. Ein interessantes Phänomen. In der Regel gibt es nämlich immer nur einen Horizont, und der ist immer derselbe. Es kann auch einen anderen geben, neu hingegen ist der Horizont nie. Da niemand Frank-Walter Steinmeier zutraut, daß er aus Gründen der Trunkenheit mehrere Horizonte sieht, scheint etwas anderes in ihm vorzugehen, etwas unergründliches. Auch daß er diese Horizonte vermessen will, ist ein durchaus eigenartiges Vorhaben. Selbst wenn sich ein Horizont tatsächlich messen ließe, was hätte man davon, wenn man wüßte, wie lang er ist? Will Frank-Walter Steinmeier den Horizont in seine kleine quadratisch, praktische Welt einpassen? Je länger man darüber grübelt, desto merkwürdiger erscheint einem das Verhalten von Frank-Walter Steinmeier. Da ist es eher eine Petitesse, daß Frank-Walter Steinmeier nicht durch seine Arbeit vom Schreiben abgehalten wurde, sondern vom »Rhythmus der Arbeit«, was logisch nur den Schluß zuläßt, daß Frank-Walter Steinmeier einfach ein bißchen langsam ist, so daß einfach keine Zeit für andere Dinge bleibt. Diese Vermutung ist zwar naheliegend, haut aber nicht hin, weil Frank-Walter Steinmeier sowieso sein Buch nicht selber verfaßt hat, sondern es sich von Thomas E. Schmidt hat schreiben lassen. Das ist der »Korrespondent im Hauptstadtbüro der Wochenzeitung Die Zeit«. Eine grandiose Symbiose. Aber auch erschreckend: Verdienen die Journalisten bei der Zeit jetzt schon so wenig, daß sie nebenher noch was mit Ghostwriting dazu verdienen müssen?