Die Wahrheit über den 27. Spieltag

Als Hertha beim heiß gehandelten Abstiegskandidaten Hannover 96 mit einem 2:0 die dritte Niederlage in Folge einstecken mußte und der Zopfträger Voronin in der 89. Minute mal schnell noch jemanden über die Klinge springen ließ, um mit dem 1000. Rot der Bundesligageschichte wenigstens in die statistischen Annalen einzugehen, da trat Dieter Hoeneß vor die Kamera und sagte, es müsse jetzt wieder Ruhe einkehren im Verein und bei den Spielern. Ist das Erreichen eines der ersten fünf Plätze eine Frage der Ruhe? Das war mir neu. Jedenfalls konnte ich mich nicht erinnern, daß schon mal ein Verein Meister wurde, bei dem am wenigsten los ist. Dieser Logik zufolge müßte Bielefeld eine beeindruckende Schalensammlung vorzuweisen haben. Diesmal allerdings ist die Sorge berechtigt, daß ein Verein Meister wird, der nichts zu bieten hat außer das nackte Grauen der Provinz und eine Bahnhofsbäckerei, die nach Spielschluß ganz schnell zu macht. Am erträglichsten ist Wolfsburg, wenn man schnell mit dem ICE durchfährt, aber jetzt besteht tatsächlich die Möglichkeit, daß dieser Verein Meister wird. Wenn Bild nicht so weichgekocht wäre, würde sie titeln: »Eine Schande für Deutschland!« Spieler halten es dort nur aus, weil sie in einer Stunde in Berlin sind. Und weil die Brasilianer sowieso eine religiöse und familiäre Schacke haben. Hingegen bewundere ich Felix Magath immer mehr. Ob Wolfsburg jetzt Meister wird, weil sie in Gladbach sehr glücklich gewonnen hatten, wurde der Meister des Understatements gefragt, worauf Magath antwortete: »Wenn man ein solches Spiel gewinnt, hat man drei Punkte mehr.« Und wenn man lange genug die Bundesliga verfolgt, erscheint es einem so, als würde jeder Kommentar aus solchen Hermann-Hesse-Perlen bestehen. »Wir müssen weiter Punkte sammeln«, hatte Jürgen Klopp in Eichhörnchenmanier von sich gegeben. Daß jemand dringend Punkte abzugeben hätte, habe ich noch nirgends vernommen. Nur einmal tief in der Provinz, womit jetzt nicht Wolfsburg gemeint ist, hörte ich einen Spieler der bereits mit sechs Toren zurückliegenden Mannschaft trotzig sagen, daß man ja gar nicht gewinnen, sondern nur nicht so viele Tore kassieren wollte. In der Bundesliga jedoch gibt es niemanden, der Punkte zu verschenken hätte, und dennoch wird es immer wieder getan, wie man anschließend der Presse entnehmen kann. Diesmal tat dies Eintracht Frankfurt in München. Vermutlich ging es den Frankfurtern ähnlich wie der Provinzmannschaft. Man versuchte lediglich, nicht allzu sehr unter die Räder zu geraten. Bayern hatte einiges wiedergutzumachen, z.B. die Tränen, die Udo Lattek in Barcelona vergossen hatte. Da wollte Friedhelm Funkel kein Spielverderber sein, dabei hätte er Geschichte schreiben können, denn Klinsmann wäre nach einer erneuten Blamage nicht mehr zu halten gewesen. Langsam dämmert es sogar so Spätzündern wie Günther Netzer, nämlich daß Klinsmann der größte Schaumschläger im Trainergewerbe ist. Daß er damit die Bayern-Bosse auf grandiose Weise reingelegt hat, muß man ihm allerdings als wirklich großes Verdienst anrechnen.