Nicht ohne meinen Oskar

Bob Dylan in der Max-Schmeling-Halle

Als die Bühnenbeleuchtung an ging und die ersten Akkorde angeschlagen wurden, mußte ich Dylan erstmal suchen. Ich stand weit hinten und sah zwei verhutzelte Männchen, die beide Dylan hätten sein können. Links standen drei mehr oder weniger unbewegliche Gestalten mit schwarzen Anzügen, schwarzen Hüten und mit Gitarren in den Händen. Auch Dylan hatte einen Hut auf, der ein bißchen so aussah wie der von Buster Keaton, nur die Krempe war breiter und flach. Er trug ein Jackett, das ein paar Nummern zu groß war und wie ein Modell von Chanel aussah. Er stand breitbeinig am Piano und seine Stimme zerschredderte wie ein verrosteter Motor im Endstadium gnadenlos die Stille einer Vorgartenstadtsiedlung. Es ist nicht mehr das Stimmchen, bei dem sich früher alle wunderten, daß sich jemand mit ihr auf die Bühne wagte, um zu singen, sondern eine rauhe, harte, knarzende Stimme, der man anmerkte, daß sie von jemanden kam, der schon alles gesehen hatte, eine Stimme wie die von Humphrey Bogart, der eine Menge Whiskey und Zigaretten investiert hatte, damit sie so klang wie die von Dylan an diesem Abend. Er wechselte sich mit einer Mundharmonika ab, die sich wie eine Kreischsäge in die Ohrgänge hineinbohrte, aber damit nicht allein war, denn auch die blechernen und schnörkellos dissonanten Gitarrenriffs starteten immer wieder fiese und überraschende Angriffe auf die noch nach Orientierung suchenden Sinne.

Ich war schwer mit der Frage beschäftigt, was da über mich hereinbrach. Klar, die Akkustik der Halle mag für einen Boxkampf geeignet sein, aber nicht für ein Konzert, bei dem es möglicherweise um etwas mehr geht als um den Endsieg über das Publikum, indem sämtliche Lautstärkeregler bis zum Anschlag aufgedreht sind. Ich konzentrierte mich darauf, das ein oder andere Lied zu identifizieren, aber wenn mir mal was bekannt vorkam, machte es Dylan einem nicht gerade einfach, es zu erraten. Das ist für Kenner jedoch kein Problem, und von denen gab es eine Menge, z.B. meine Neffen, von denen ich erfuhr, daß Dylan kein Stück seiner demnächst erscheinenden Platte gespielt hat, die Stücke allerdings schon besser dargeboten worden waren, denn die Neffen haben Dylan immerhin schon um die 20 Mal gesehen, während ich Dylan zugekokst bis zu den Haarwurzeln zuletzt vor über 30 Jahre gesehen habe, als er zusammen mit The Who auf dem Nürnberger Reichsparteitagsgelände auftrat.

Aber das ist nichts gegen die absoluten Dylan-Freaks, die seit Jahrzehnten nichts anderes tun, als Dylan hinterherzufahren und sich dabei mit dem Verkauf von selbst hergestellten Dylan-Devotionalien über Wasser zu halten. Von meinen Neffen erfuhr ich weiterhin, daß Dylan an diesem Abend gut gelaunt gewesen sei, immerhin habe er sich mehr bewegt als sonst, während ich von der Askese des Auftritts schwer beeindruckt war, denn mit keinem Wort hatte er sich ans Publikum gewendet, es weder begrüßt noch sich verabschiedet. Nur seine Musiker hatte er kurz vorgestellt, aber das hatte ich nicht verstanden, wie an diesem Abend sowieso niemand auch nur ein Wort von dem Geknarze verstanden haben dürfte.

Am Ende einer genau kalkulierten Zugabe standen die Musiker aufgereiht nebeneinander, nahmen bewegungslos den Applaus entgegen und verzogen dabei keine Miene. Ein merkwürdiges Schauspiel, welches noch bizarrer dadurch wird, als bei jedem Auftritt Dylans Oskar auf der Bühne steht, der vom weißbärtigen Chefroadie sofort nach dem Auftritt wieder in Verwahrsam genommen wird. Vielleicht sind das die letzten kleinen Gesten, mit denen Dylan versucht, seinem eigenen Mythos zu unterlaufen, der ihn zur »Numero Uno, zu THE MAN« (Lester Bangs) gemacht hat und dem er verdankt, daß die Halle voll war mit einem Publikum, das bereits damit zufrieden war, von der Aura einer Legende gestreift worden zu sein und das deshalb großzügig über eine beschissene Akkustik hinwegsah ebenso wie über die Bahnhofsatmosphäre der Max-Schmeling-Halle, denn trotz dieser widrigen Umstände verdrückte meine Lieblingsbuchhändlerin Ulla eine Träne bei »Workingmans Blues«. Ich hingegen hatte den Song gar nicht erkannt.