Florence von Arabien

Aufschlußreiches über die Frage, wie man ein Volk befreit, das Kameldung lutscht

Christopher Buckley ist ein witziger und amüsanter Autor, und wenn der Leser bei der Lektüre nicht immer wieder vor sich hinkichert, dann hat er ein Problem, um das er nicht zu beneiden, das hierzulande allerdings weit verbreitet ist, denn Humor und Satire gehören nach dem Verständnis der leider in Deutschland von Germanisten besetzten Stelle zur Unterscheidung wertvoller und Literatur minderer Güte nicht wirklich zu dem, was Literatur genannt zu werden verdient. Walser wird immer noch für einen der bedeutendsten Nachkriegsautoren gehalten, obwohl seine Prosa so offenkundig knarzt, daß es in Amerika wiederum schwer wäre, einen Verlag zu finden, der sein Zeug drucken würde. Während Walsers Erfolg darin besteht, mit seinen Schriften die Befindlichkeit der Deutschen zum eher unappetitlichen Ausdruck gebracht zu haben, läßt sich der Leser in Amerika durch ganz andere Seiten in Schwingung versetzen. Daß sich Walsers Bücher immer noch verkaufen, wirft kein gutes Licht auf den Geschmack des Lesers, der es offensichtlich gern etwas verquast hat. Damit haben viele amerikanischen Autoren schon mal schlechte Karten, denn damit können sie in der Regel nicht dienen, selbst wenn sie wie Christopher Buckley bereits eine Karriere als Chefredakteur für »Esquire« und Redenschreiber für George Bush sen. hinter sich haben, denn beide Jobs sind nicht gerade dafür bekannt, große Stilisten hervorgebracht zu haben, und niemand käme auf die Idee, mit der eher kompromittierenden Tätigkeit eines Aust oder Markwort gute Literatur oder überhaupt Literatur zu assoziieren.Christopher Buckley hat aber schon mit »Danke, daß Sie hier rauchen« einen Klasse-Roman geschrieben, in dem er den amerikanischen Puritanismus ebenso auf wunderbar komische Weise lächerlich macht wie die Lobby der Tabakindustrie. Sein neuer Roman »Florence von Arabien« ist eine Art »Lawrence von Arabien« mit satirischen Mitteln und auf die heutige Zeit übertragen. Florence Farfaletti ist im Außenministerium mit Nahostangelegenheiten befaßt und entwirft einen umfangreichen Plan zur Frauenemanzipation in den arabischen Ländern, wo immer noch Prügelstrafe und Steinigungen zum normalen Repertoire staatlichen Umgangs mit den Untertanen gehören. Ihr Entwurf stößt bei einer geheimnisvollen Regierungsstelle auf Interesse, die ihre umfangreichen Aktivitäten in Matar, der Schweiz des Nahen Ostens und unschwer als Kuweit zu identifizieren, finanziert. Mit einem Team von drei Leuten – einem Killer von der CIA, einem PR-Fritzen und einem Schwulen vom Außenministerium – macht sie sich an die Arbeit und gründet unter der Schirmherrschaft des Emirs von Matar, die sich der mit einer fetten prozentualen Gewinnbeteiligung versüßen läßt, einen Fernsehsender, in dem Frauen Tipps zur Selbstverteidigung gegen aufdringliche Männer gegeben werden und in einer Soap Opera das wasabische Königshaus auf die Schippe genommen wird, welches im großen Nachbarstaat ein dunkles Schreckensregime führt. Matar TV hat einen ähnlichen »Erfolg wie ein Pfund Speck mitten im Ramadan«, aber statt mit der Förderung der Frauenemanzipation zur Zivilisierung der arabischen Gesellschaft beizutragen und Fortschritte auf dem Weg zu Frieden und Stabilität im Nahen Osten zu machen, läuft der geniale Plan, wie eben jede CIA-Operation, aus dem Ruder, weil sich nun auch die Franzosen einmischen und einen Staatsstreich inszenieren. Florence von Arabien befindet sich plötzlich im Untergrund, die Ereignisse überschlagen sich, der Roman gerät völlig zu Kolportage. Aber das macht nichts, weil er dabei immer geschmeidig bleibt und nie die ironische Distanz zu sich selbst verliert.Als der Karren schließlich festsitzt und Matar für die Amerikaner verloren gegangen ist, wird die Sache nun auch zu Hause in Amerika eine Angelegenheit von öffentlichem Interesse, das Buckley mit großer Nonchalance auf den Punkt bringt: »Die Rufe ›Durch wen haben wir Matar verloren?‹ wurden lauter, obwohl Umfragen zeigten, daß für zwei Drittel der Amerikaner die relevantere Frage lautete: ›Wo genau liegt Matar?‹ Als sie aber von den Befragern informiert wurden, ›hinterlistige Froschfresser‹ und ›dreckige Wasabis‹ hätten das Land besetzt, um ›Amerika schlecht aussehen zu lassen‹ und ›den Ölpreis hochzutreiben‹, waren die Amerikaner mit großer Mehrheit dafür, ihre Regierung müsse ›etwas‹ tun, so lange es nicht zu viel kostete und aus einer Höhe von 12.000 Metern getan werden konnte«, denn »die Amerikaner sind Idealisten bis zu dem Punkt, wo sie den Thermostat zwei Grad herunterstellen müssen. Dann werden sie sehr praktisch.«Aber auch die Wasabis sind ein merkwürdiges Völkchen. Am Nationalfeiertag Groß-Wasabiens wird aus religiösen Gründen getrockneter Kameldung an die Bevölkerung verteilt, die im Andenken an den »Verrat des Rafik« einige hundert Jahre zurvor Buße tun und die Scheiße nun lutschen muß. Zudem enthält das Buch auch durchaus praktische Tips. Will man sicher sein, ungestört von Agenten der US-Regierung zu telefonieren, empfiehlt es sich, eine Schwulenbar aufzusuchen, »weil sie Angst haben, daß sie jemand in den Hintern zwickt.« Daß der englische Geheimdienst MI5 eine ganze Abteilung beschäftigt, die nur analysiert, »wen der Prinz besteigt«, oder daß die CIA-Leute in Übersee die Angestellten im Außenministerium allesamt »Botschaftswichser« nennen und daß Emire in arabischen Ländern nicht viel her machen, wenn sie nicht mindestens 100 Söhne haben, was erklärt, daß man in solchen Gegenden nicht ausspucken kann, ohne einen Kronprinzen zu treffen, das alles sind nicht nur durchaus gesicherte Erkenntnisse eines Mannes, der lange genug dabei war, um zu wissen, was er schreibt, es handelt sich auch um Informationen, die zumindest partiell Aufklärung über Staatswesen verschaffen, die manchmal so absurd sind, daß man am menschlichen Verstand zu zweifeln beginnt, der sich das ausgedacht haben mag.Wie man es dreht und wendet, Buckley versteht sein Handwerk, und das ist schon mal mehr als sich von vielen deutschen Schriftstellern behaupten läßt. Kein Kritiker wird Buckley jemals mit einem Autor verwechseln, der am großen amerikanischen Roman bastelt. Dazu liebt er als jemand, der weiß, wie es in den Niederungen der Politik zugeht, zu sehr das Flatterhafte, Phantastische, die Kolportage, mit der die Realität mehr zu tun hat als man allgemein annimmt. Buckley ist ein Profi, ohne all zu sehr routiniert zu sein, er hat Esprit, sein Witz schäumt und prickelt und man verbringt einige sehr angenehme Stunden mit der Lektüre, und das ist schon mal verdammt viel und genau das, wozu Romane schließlich da sind.

Christopher Buckley, »Florence von Arabien«, Haffmans bei Zweitausendeins, Frankfurt 2005.