Avnery, Uri

Einer der beliebtesten Juden in der deutschen Linken, die bei jedem Konflikt in Palästina mit Israel scharf ins Gericht geht, denn Uri Avnery verschafft den Antiimps das gute Gewissen für ihren Anti-Israelismus, indem er ihnen immer wieder bestätigt, daß Kritik an Israel auf keinen Fall etwas mit Antisemitismus zu tun habe. Hingegen seien wirkliche Antisemiten »leicht zu erkennen. Sie haben einen Stil, der unverkennbar ist. Es ist eine Art kollektiver Geisteskrankheit, die nichts mit Logik zu tun hat.« Manche werden jetzt behaupten, daß diese Feststellung ein wenig naiv ist, auf jeden Fall vermittelt sie ein Weltbild von umwerfender Schlichtheit. Im nachhinein trifft die Analyse zwar auf Hitler und die Deutschen zu, aber schon allein die Tatsache, daß der kollektive Wahn während des Nationalsozialismus die Normalität darstellte, macht das Eindimensionale in Avnerys Argumentation deutlich, denn es kommt auf den gesellschaftlichen Zusammenhang an, vor dessen Hintergrund so etwas wie kollektiver Wahn verhandelt wird. Schlicht ist die Aussage auch deshalb, weil der Antisemitismus nicht mehr wie zu NS-Zeiten mit irrem Blick und abstehenden Ohren auftritt, sondern argumentativ und »vernünftig«, wie z.B. in Gestalt des CDU-Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann, der sich am Tag der deutschen Einheit 2003 über »unser Volk und seine etwas schwierige Beziehung zu sich selbst einige Gedanken« machte und dabei räsonnierend auf die ebenso geniale wie verschwurbelte Idee kam, dass man mit der gleichen Berechtigung, wie man die Deutschen als »Tätervolk« bezeichnet auch die Juden als solches bezeichnen könne, weil sie »in großer Anzahl sowohl in der Führungsebene [der KPdSU] als auch bei den Tscheka-Erschießungskommandos aktiv« gewesen seien.

Avnery gibt sich gerne als Mahner für den Frieden, aber er ist sehr erfinderisch, wenn es darum geht, die Palästinenser zu entschulden. In der israelischen Propaganda werde der Holocaust »gegen die Palästinenser verwendet. Das führt natürlich leicht zur arabischen Gegenreaktion, den Holocaust zu verharmlosen oder zu leugnen«. Bei dieser simplen Kausalität liegt die Ursache eigentlich immer bei den Israelis, ohne daß Avnery merkt, daß er die Intelligenz der Palästinenser nicht sonderlich hoch schätzt, wenn er die Leugnung des Holocaust als rein reflexhafte Angelegenheit beschreibt, als ob die Palästinenser gar nicht in der Lage wären, Geschichte unabhängig von Israel zu denken. Und damit auch niemand auf die Idee kommt, daß es anders sein könnte, hat Avnery im Januar während des Krieges viel Verständnis für die Hamas aufgebracht. Von Avnery jedenfalls erfährt man nicht, daß Israel gleich am ersten Tag nach Ablauf des Waffenstillstands mit 80 Raketen beschossen wurde, denn für Avnery ist dies ein nicht erwähnenswertes Bagatelldelikt.

Daß die Hamas ein religiös-fundamentalistischer Heimatvertriebenenverband ist, der die gleiche Blut-und-Boden-Ideologie wie die Nazis und eine ziemlich widerwärtige Heldenverehrung betreibt – »Palästina wird frei sein. Unser Blut wird seinen Boden tränken« –, scheint Avnery nicht zu stören. Die Hamas schreckt nicht davor zurück, die eigenen Kinder als Selbstmordattentäter auszubilden und anschließend als Märtyrer zu verehren, auf die man stolz ist. Das ist kein Geheimnis, und deshalb ist es umso erstaunlicher, daß sich Avnery für eine derart reaktionäre und terroristische Organisationen in die mediale Bresche wirft.

Avnery wird »speiübel«, wenn er in den täglichen Nachrichten hören muß, daß die Hamas die Bewohner des Gazastreifens als »Geisel« halten. Das sei so »absurd« wie die Behauptung, Churchill hätte die Londoner Bevölkerung bei der Bombardierung der Deutschen als Geisel gehalten. Eine krude Logik, und die ist ja laut Avnery ein Kennzeichen des Antisemitismus. Das ist keine Polemik, sondern kann durchaus Realitätsgehalt für sich in Anspruch nehmen, wenn man liest, welche Hochachtung die Hamas bei Avnery genießt, wenn er sie als »Widerstandsbewegung« und als »politische und religiöse Körperschaft« beschreibt, die »tief in der Bevölkerung verwurzelt« ist und »die im sozialen, schulischen und medizinischen Bereich aktiv ist«, ohne ein Wort über die repressive und fundamentalistische Ideologie der Hamas ein Wort zu verlieren.

Es geht nicht darum, Israel im Krieg von Schuld freizusprechen, aber zumindest muß man konzedieren, daß in Israel Fortschritt und Demokratie herrschen, und zwar trotz der ständigen Bedrohung von außen. Hätte in Israel die Hamas das Sagen, wäre der Gaza-Streifen vermutlich schon längst besetzt, die Bewohner vertrieben, ausgehungert oder im Gefängnis. Es gibt weder einen historischen noch einen moralisch legitimierten Anspruch auf das Land. Es ist, wie Wolfgang Pohrt einmal in der taz schon 1982 geschrieben hat, nun mal so, daß »Palästinenser und Israelis gleiche Rechte besitzen, daß zwischen gleichen Rechten die Gewalt entscheidet, und daß Israel über die bessere Armee verfügt.«

Der gesamte Streit ist also vor allem ein »Machtkampf«, in dem sich auf die Seite der Schwächeren zu schlagen einen nicht automatisch zum moralisch besseren Menschen macht, und auch die Klage über die Leiden der Zivilbevölkerung trägt nicht dazu bei, den Konflikt zu begreifen, schon gar nicht, die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen, die in dieser verfahrenen Situation nur in schlechten Kompromissen bestehen können.

Die Errichtung eines Palästinenserstaates, oder einer »Heimstatt«, von der Hannah Arendt träumte, mag grundsätzlich eine gute Idee sein, von der aber umso weniger übrig bleibt, je größer der Einfluß wird, den fundamentalistische Islamisten ausüben, die sich weigern, den jüdischen Staat anzuerkennen, und deren Trachten dabei sich seit 1948 nicht wirklich verändert hat, als man die Juden ins Meer treiben wollte. Will man aus der Geschichte lernen, sollte man wissen, daß die Staatenbildung immer nur das Deprimierendste hervorbringt. Wolfgang Pohrt schrieb damals: »Wenn Menschen sich als Volk zusammenrotten und einen eigenen Staat bekommen, sind alle humanitären Traditionen und ist die ganze Leidensgeschichte vergessen. Als Patrioten fügen sie anderen zu, was sie erlitten, als sie als vaterlandslose Gesellen galten. Kein Grund zur Annahme, die Palästinenser würden sich, wenn sie Erfolg hätten, anders verhalten als die Israelis.«

Was man mit diesem Wissen anfängt? Zumindest könnte man in der Linken damit aufhören, durch einseitige Berichterstattung, Opferbilder als Aufmacher oder mit den absurden Pamphleten Avnerys Propaganda gegen Israel zu treiben, mit der man keine Aufklärung erreicht, sondern nur den Haß auf Israel und die Juden schürt.