Die Wahrheit über den 17. Spieltag

Zum Abschluß der Hinrunde eine Weihnachtsgeschichte. Ein dicker Briefumschlag trudelte bei mir in Haus. Als ich ihn aufmachte, glitzerte mir ein BVB-Wimpel entgegen, ein altes Exemplar in Orange-Schwarz und in Wappenform, in Plastik eingefaßt und mit gold-schwarzen Franzen außenrum. Obwohl der Wimpel aus Anfang der Neunziger stammen mußte, denn als letzter Erfolg stand der Pokal 1989 drauf, war er wie aus einer anderen Welt, als ästhetisch noch liebevoll herumgepfriemelt wurde und das V im BVB noch wie ein langgezogener Keil aussieht, der zwischen die Bs hineingetrieben worden war und das 09 zerquetschte. Ich wurde schlagartig an meine Kindheit erinnert, weil ich da den gleichen Wimpel hatte, nur ohne den Pokalsieg 1989. Der Postsendung war ein Brief in schöner lateinischer Schrift beigelegt, der man ansah, daß nicht oft Gebrauch von ihr gemacht wurde: »Sehr geehrter Herr Bittermann, aus dem Internet habe ich erfahren, daß Sie Borussia-Dortmund-Fan sind. Das war ich auch, aber inzwischen bin zu Hertha BSC umgeschwenkt. Deshalb brauche ich den Wimpel nicht mehr. Vielleicht haben Sie ja Freude daran. Es grüßt Sie mit einem Ha-Ho-He Ihre Michaela.« Da war ich aber baff. Was für eine nette, großzügige Geste. Und welche Mühe, einen BVB-Fan zu suchen, den Wimpel nicht einfach zu entsorgen, sondern einzupacken, ein Briefchen dazu zu schreiben und loszuschicken, und das in einer Welt, in der die Leute darauf getrimmt werden, Schnäppchen zu machen, und unglaubliche Energien darauf verschwenden, irgendwelche Dinge um ein paar Cent billiger zu kriegen. ABER Hertha? Das versetzt mir einen Stich, liebe Michaela. Die sind doch doof! Aber wer weiß, vielleicht sind Sie weise, während ich in alten Denkwelten gefangen bin und krampfhaft versuche, die alten Fronten aufrechtzuerhalten. Na gut, ich will das nicht vertiefen, aber dann sind Sie, liebe Michaela, leider erst nach dem Froschkönig Ralf Sotscheck der zweite sympathische Hertha-Fan, wobei ich bei Herrn Sotscheck, der ja in Dublin lebt, den Verdacht nicht los werde, daß er nur Hertha-Fan ist, um mich zu ärgern. Also will ich heute mal nicht auf Hertha herumhacken, die völlig unverdient 4:0 gegen den KSC gewann, nur weil die Badener Großchancen gleich serienweise versiebten. Ich will hier auch nicht den unattraktiven Fußball erwähnen, den Hertha schon die ganze Saison über spielt, sondern mich an dem 2:1 und die drei Punkte erwärmen, die die kleine Borussia in Dortmund gelassen hat. Ein unansehnliches Spiel, wie mir von verläßlichen Gewährsleuten aus der Milchbar versichert wurde, da ich nur die letzten fünf Minuten ansehen konnte. In diesen letzten Minuten wurde noch heftig gezittert, denn Dortmund spielte in Unterzahl, da Hajnal schon in der 38. Minute vom Platz gestellt wurde. Aber mit dem Abpfiff lagen sich alle in den Armen und sangen »Scheiß Arminia Bielefeld«, während ich in der Zeitlupenwiederholung den grandios von Kuba vorbereiteten und von Sahin in kühler, ja, ich würde sogar sagen, eiskalter Manier verwandelten Treffer noch ein paar Mal ansah und mir dadurch die Borussia über einen ganzen dunklen Monat hinweg in guter Erinnerung bleiben wird, die nicht mal durch Herrn Klopp getrübt wird, der seit einiger Zeit in einem Mitsubishi grinsend durch die Gegend fährt, nur um sich danach auf das Pflaster eines südlichen Marktplatzes zu setzen (kann er sich keinen Espresso in einem Café leisten?) und an eine Hauswand zu lehnen, dabei wieder zu grinsen und seine Zähne zu zeigen. Ich habe ja nichts gegen Zahnpastawerbung, aber warum eigentlich in einem Mitsubishi?