Hammer, Ulrich Magnus

An der krummen Nase, den abstehenden Ohren und am heimtückischen Blick würde man den Volksfeind erkennen, behauptete in der Nazizeit die deutsche Publizistik. Wer meinte, dieser rassistisch begründete und auf angeblich anatomische Merkmale beruhende Schwachsinn hätte schon lange ausgespielt und wäre dem aufgeklärten, zur Wahrheit verpflichteten Journalismus gewichen, hat nicht mit dem Spiegel (50/08) gerechnet, in dem ein sogenannter »Essay« über die Freilassung von Christian Klar veröffentlicht wurde: »Den Zeitungskommentar las ich nur flüchtig. Es war Klars Konterfei, das mich in Bann hielt. Da sehen mich die unergründlichen Augen eines Mannes an, der mit seinen ehemaligen Genossen dem unwissenden, in die Irre geleiteten Volk den Weg in eine bessere Zukunft weisen wollte. Aber sieht so das Gesicht eines Heilsbringers aus? Strahlt da die Vision einer von was auch immer befreiten Gesellschaft? Nein, dieser Ausdruck kündet nicht von zukünftigen Paradiesen der Menschenliebe, er malt keine bunte Phantasie von irgendeiner Utopie, keine Spur vom ›Age of Aquarius‹. Könnte ich mich mit einem, der so in die Welt schaut, an einen Tisch setzen, um über das Antlitz einer humanen Gesellschaft zu reden? Nein, sicher nicht! In diesen Augen sehe ich keinen Schimmer von einem Aufbruch in neue Zeiten, sondern nur vom Ende aller Träume. Ich befürchte, dass niemals auch nur ein einziges Atom wirklicher Verständigung in diese Augen dringen kann.«

Ein echter Hammer! Und das ist diesmal wörtlich zu nehmen, denn der Artikel stammt von einem Mann mit dem Namen Ulrich Hammer, dessen Eltern ihm auch noch das sinnige Mittelinitial »Magnus« verpaßten, als ob sie damals bereits gewußt haben, daß ihr Sohn irgendwann mal den großen Hammer rausholen würde. Im Unterschied zu diesem harmlosen Namenswitz ist dieser als »Essay« aufgemotzte Kommentar nicht lustig, sondern zeugt von großer gedankenschwacher Dämlichkeit, und man denkt sofort, die muß man unter Naturschutz stellen, um für nachfolgende Generationen die Kontinuität ressentimentgeladener Urteile zu dokumentieren, vor allem, weil sich Ulrich Magnus Hammer auf ein Foto bezieht, auf dem Christian Klar ziemlich ausgezehrt aussieht, was zweifellos eine Folge der Knastjahre ist.

Auf die Fotos von den befreiten Juden in den Konzentrationslagern reagierte die Öffentlichkeit nicht einfach schockiert, sondern die Menschen glaubten, daß diese häßlichen und ausgemergelten Gestalten, die sie da zu sehen bekamen, ja wohl doch irgendwie zu Recht »ausgemerzt« worden waren, und sie glaubten das nicht zuletzt deshalb, weil der Stürmer in seinen Karikaturen die Juden schon vorher fratzenhaft dargestellt und zu den Monstern gemacht hatte, an die die Öffentlichkeit durch die Fotos wieder erinnert wurde. Hammer legt einen ähnlichen Reflex an den Tag, leider hat er ihn auch noch aufgeschrieben. Es geht dabei nicht darum, die Fälle identisch zu setzen, aber die strukturelle Ähnlichkeit ist frappierend. Wer erinnert sich Anfang der 70er nicht an die Töne der Politiker, die Volkes Stimme zum Ausdruck brachten? »Man muß diesen Typen (der RAF) nur ins Gesicht sehen!«, hieß es damals, und mit einer gewissen Befriedigung strich man auf den Fahndungsplakaten die Konterfeis derjenigen durch, die erschossen oder verhaftet wurden. Dieses damals vor allem in der Boulevard-Presse geprägte Bild von den fanatischen Tätern mit dem irren Blick, taucht bei Hammer jetzt im Spiegel wieder auf, d.h. nach 26 Jahren Knast, die an niemanden spurlos vorüber gehen dürften, sieht er bestätigt, was aus Klar und seinen Genossen durch Knast und Bild gemacht worden war.

»Sieht so das Gesicht eines Heilsbringers aus?« fragt Hammer. Weshalb man gerne wissen würde, wie das Gesicht eines Heilsbringers denn aussähe? Vielleicht so wie das zufriedene Grinsen Buddhas? Oder die Leidensmiene Jesus‘? Oder wie Helmut Schmidt, als er sagte, damit muß jetzt Schluß sein? Oder wie das Gesicht Hammers, das im Spiegel leider nicht abgedruckt wurde, was interessant gewesen wäre, um die entsprechenden Vergleiche ziehen zu können. Gerne hätte ich jedenfalls von einem offenkundigen Fachmann für Anatomie erfahren, wie ein Gesicht auszusehen habe, das von »zukünftigen Paradiesen der Menschenliebe« kündet. Und was wäre eigentlich, wenn Klars Gesicht nun doch die »bunte Phantasie von irgendeiner Utopie« ausstrahlen würde? Würde sich Hammer dann mit ihm an einen Tisch setzen wollen?

Hammer, so erfährt man immerhin auch noch, hat keine guten Erinnerungen an die RAF. Schön. Muß man ja auch nicht. Die politischen Hülsen, die Klar heute noch produziert, sind in der Regel nichtssagend und nicht mehr als Selbstverständigungsprosa, d.h. unbedeutend. Wenn man Lust hat, kann man sich im Unterschied zu Hammers Mimikdeutungen jedoch inhaltlich damit auseinandersetzen. Ulrich Magnus Hammer genügt jedoch bereits »Form und Klang« der Sprache, um in »Sprachlosigkeit« zu verfallen. »Mit Entsetzen höre ich ihn sagen: ›Schuldbewußtsein und Reue sind im politischen Raum keine Begriffe‹.« Tja, und da, würde ich mal sagen, hat Christian Klar doch recht, und er hat mit dieser Aussage immerhin Hannah Arendt, Alexis de Tocqueville und andere bedeutende politische Denker auf seiner Seite, die nie auf die Idee gekommen wären, für den politischen Diskurs derartig aufgeladene Begriffe aus der Psychologie für tauglich zu halten. Die Leute, die die »eisige Kälte einer Sprache« beklagen, werfen gerne die Begriffsnebelmaschine an und schwadronieren vom »Mitgefühl für die Menschen« und »wirklichen Visionen«, weil sie nicht in der Lage sind, rational und nüchtern zu argumentieren. Vernunftbegabte Menschen aber wollen kein »Mitgefühl«, sondern Gerechtigkeit, und wer sie mit »Visionen« belästigt, hat in der Regel nur vor, sie für andere Zwecke einzuspannen. Hammer vermißt ein Wort des Bedauerns, eine Geste wie im Mittelalter der Kniefall, in einer Demokratie, die diesen Namen verdient, spielt genau das keine Rolle mehr, weil mit der Strafe die Schuld beglichen wurde. Es war der Versuch, die Willkür abzuschaffen, die in den Begriffen Reue, Schuld und Sühne enthalten ist. Okay, Hammer hat vermutlich keinen größeren Schaden angerichtet, er hat niemanden erschossen, höchstens genervt, und vermutlich würde er Klar, wenn er die Macht dazu hätte, auch nicht länger im Knast schmoren lassen, aber er würde sich nicht mit ihm an einen Tisch setzen. Und da muß man sagen, da hat Christian Klar aber Glück gehabt.

Ulrich Magnus Hammer war Mitte der siebziger Jahre Percussionist für die Band Ton Steine Scherben und lebt heute laut Auskunft des Spiegel als Schriftsteller in München. Was nur beweist, daß weder eine solche Vergangenheit noch ein solcher Beruf vor Blödheit schützt.