Aus der medialen Parallelwelt. Broder schreibt alles auf und macht ein Buch daraus

»Schreibt alles auf!«, rief der 81-jährige Historiker Simon Dubnow anderen Juden zu, als er am 8. Dezember 1941 in Riga abgeholt wurde, um erschossen zu werden. Dieser Aufforderung fühlt sich Henryk M. Broder heute noch verpflichtet. Ein schwergewichtiges Erbe, aber auch wenn Broder höchstens mal zum Frühstück abgeholt wurde, ist es ihm immerhin so ernst, dass er sich auf eine Situation bezieht, in der vor der Weltöffentlichkeit verborgene Verbrechen begangen wurden. Nicht nur lässt sich das auf die heutige Zeit kaum mehr übertragen, man wünscht sich auch nicht, dass Broders Zeugnisse von den heutigen Verbrechen der Gutmenschen genauso ungehört verhallen wie die Berichte der Überlebenden, für die sich kaum jemand interessierte, als es darauf ankam, denn Broders Argumente sind zu wichtig, um keine Beachtung zu finden. Aber diese Sorge muss man sich auch gar nicht machen, denn sein neues Buch »Kritik der reinen Toleranz« wurde nicht nur in Auszügen im Spiegel vorabgedruckt, sondern ist auch eine Fortsetzung seines Bestsellers »Hurrah, wir kapitulieren!«, in dem er leidenschaftlich die Lust am Einknicken westlicher Staaten vor der Islamismus anprangerte, und zwar völlig zu Recht, jedenfalls wenn man sich die damals von Broder ausführlich referierte Hintergrundgeschichte über die Mohammed-Karikaturen ansah, als für alle möglichen Politiker aller möglichen Länder angesichts des randalierenden islamistischen Mobs die »Freiheit der Kunst« plötzlich keine Rolle mehr spielte, für die gerne eine Lanze gebrochen wird, so lange es niemandem wehtut.

In der gegenwärtigen Verfasstheit der Gesellschaft gilt Toleranz bereits als Wert an sich. Marcuse setzt sich im gleichnamigen Buch (1973 Suhrkamp) mit der »repressiven Toleranz« auseinander, die für ihn »ein Instrument der Fortdauer von Knechtschaft« ist. Das ist zwar nicht ganz im Sinne Broders, denn der gesellschaftliche Antagonismus, der bei Marcuse zugrunde liegt, hält er wahrscheinlich höchstens für eine überholte und außerdem ideologische Angelegenheit. Lieber bezieht sich Broder auf die Etymologie, auf das Erdulden, das in dem lateinischen »tolerare« steckt, und da deutet sich bereits an, dass Toleranz keineswegs so toll ist, wie allgemein angenommen wird. Jeder hält sie für eine gute Sache, aber schon bei Toleranz gegenüber Menschen, die von dieser hehren Idee nichts halten, wird es schwierig. Broder prognostiziert deshalb auch gleich, dass Toleranz nichts anderes sei als eine »Anleitung zum Selbstmord«, aber um das zu sein, müsste die Gesellschaft von der Idee der Toleranz vollständig durchdrungen sein, was sie nicht ist und auch nie sein wird, solange sie kapitalistisch strukturiert ist. In dieser Hinsicht könnte Broder also ganz beruhigt sein. Aber obwohl Broder für die »Warner- und Mahner-Gesellschaft« nur Spott übrig hat, greift er dennoch häufig zu den gleichen Mitteln wie diese, jedenfalls kann man sich manchmal des Eindrucks nicht erwehren, wenn er leicht hysterisiert die »Fünf-Minuten-vor-Zwölf«-Rhetorik bemüht.

Broder ist kein Kritiker des Systems. Und er ist nicht systematisch. Aber an den gesellschaftlichen Symptomen hat er jede Menge auszusetzen. Das ist nicht abwertend gemeint, denn umgekehrt, d.h. eine Theorie ohne Belege, wäre schlimmer. Und Broder läuft immer dann zur Hochform auf, wenn er klassische Ideologiekritik betreibt, wenn er auf der Metaebene bleibt und mit ausführlichen Zitaten nachweist, wie läppisch, bescheuert und absurd die Reaktionen aus den diversen politischen Lagern bei bestimmten Vorfällen häufig sind, die die Öffentlichkeit aufwühlen. Da versteht es Broder auf brillante Weise, den jeweiligen Subtext zu entschlüsseln und den Leuten mitzuteilen, was sie eigentlich umtreibt. Nicht immer sind die Beispiele besonders frisch, aber schließlich geht es Broder um Dokumentation, auf dass die Nachwelt nicht behaupten kann, sie hätte von all dem nichts gewusst. Z.B. rekapituliert er den Vorfall mit den fünf bulgarischen Krankenschwestern und dem palästinensischen Arzt, die im Februar 1999 in Libyen festgenommen und zum Tode verurteilt wurden. Man verdächtigte sie, mehr als 400 libysche Kinder absichtlich mit dem Aids-Virus infiziert zu haben, während sich später herausstellte, dass die Katastrophe einfach den hygienischen Zuständen geschuldet war und zudem passiert war, bevor die Angeklagten im Krankenhaus ihre Arbeit aufgenommen hatten. Spätestens jetzt hätte das sechsjährige Martyrium im Gefängnis beendet sein müssen, noch dazu, weil die Schuldeingeständnisse der Angeklagten durch Folter zustande gekommen waren. Statt dessen lassen sich die westlichen Staaten, vor allem Sarkozy, auf einen Deal ein und kaufen die im Prinzip als Geiseln gehaltenen Gefangenen mit einer Riesensumme aus einem Sonderfond der EU frei und feiern diese Erpressergeschichte als Fortschritt in den bilateralen Beziehungen.

Eine andere Geschichte handelt vom CDU-Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann, der sich am Tag der deutschen Einheit 2003 über »unser Volk und seine etwas schwierige Beziehung zu sich selbst einige Gedanken« machte und dabei räsonnierend auf die geniale Idee kam, dass man mit der gleichen Berechtigung, wie man die Deutschen als »Tätervolk« bezeichnet auch die Juden als solches bezeichnen könne, weil sie »in großer Anzahl sowohl in der Führungsebene [der KPdSU] als auch bei den Tscheka-Erschießungskommandos aktiv« gewesen seien. Darauf kam der Hinterbänkler über den Umweg, dass der Sozialstaat von »Schmarotzern« wie »Miami-Rolf« ausgenutzt werde, der sich laut Bild vom Landessozialamt monatlich 1425 Euro nach Florida überweisen ließ, ebenso wie durch die »horrenden Abfindungen«, die »erfolglosen Managern« gezahlt werden. Die Gründe für diese »Schieflage« suchte Hohmann in der deutschen Vergangenheit, und Broder versteht es so gut wie kein anderer, die Gesinnung aus Antisemitismus und Vorurteil, die sich bei Hohmann Ausdruck verschafft, aufzuzeigen und nachzuweisen, dass Hohmann eine gesellschaftliche Stimmung repräsentiert.

Umso befremdlicher wirkt es, wenn Broder selber auf die Nachrichtenwelt von Bild zurückgreift und seine Attacken gegen die Toleranz u.a. mit »Viagra-Kalle« munitioniert, der vor das Hessische Verwaltungsgericht zog, weil ihm das Sozialamt das Potenzmittel nicht bezahlen wollte. Solche Kuriositäten aus dem Boulevard aber taugen nicht als Beleg, und Broder tut sich keinen Gefallen damit, wenn er aus der gleichen trüben Quelle wie Hohmann fischt oder wenn er die immer gleiche Klage über die zunehmende Jugendkriminalität anstimmt, die für den Spiegel einmal im halben Jahr eine Titelgeschichte abwirft, mit der sich die Auflage steigern läßt, weil sich die Ängste des anständigen Bürgers durch nichts so sehr befeuern lassen wie durch gewaltbereite Jugendliche mit Migrationshintergrund. Solange Broder sich aus dieser kruden medialen Parallelwelt bedient, gleicht er ein wenig dem verbitterten, stockschwingenden Rentner, für den sowieso alles den Bach runtergeht, wenn er allerdings sich die Zeit nimmt und mit dem ihm eigenen Sarkasmus die Reaktion westlicher Politiker im Streit um das iranische Atomprogramm kommentiert, dann gehört Broder unter den zahlreichen Autoren, die die gesellschaftlichen Zustände anprangern, zu den ganz wenigen, die man mit Gewinn und Vergnügen liest. In dieser Hochform ist er der H.L. Mencken des deutschen Journalismus, vor seinem Furor müssen sich die Welt und die deutschen Politiker fürchten. Dann möchte man ihm zurufen: »Schreib es auf, Broder!« Vielleicht nicht gerade alles, aber das Wesentliche würde schon reichen.

Henryk M. Broder, »Kritik der reinen Toleranz«, wjs, Berlin 2008, 214 Seiten, 18.- Euro