Die Wahrheit über den 13. Spieltag

Ich mußte mich schon arg aus dem Bett quälen, aber um 9 Uhr saßen wir bereits im Auto Richtung Dortmund und meine Freundin sagte: »Das ist doch total krank, meinen Geburtstag im Auto zu verbringen.« Ich stimmte ihr zu. Aber was sollten wir tun? Schließlich spielte die Eintracht im Ruhrgebiet, und als Fan (oder FanIn?) aus der Ferne muß man ja ab und zu mal nach dem Rechten sehen, also hatten wir beide einen Grund, denn mein letzter Stadionbesuch lag über ein Jahr zurück und war mir nicht in guter Erinnerung geblieben. Duisburg hieß damals der Gegner. Sichere Sache. Dachte ich. Aber das ist lange her, Doll ist weg, jetzt ist Klopp. Wenn man das so hinschreibt, scheint der Unterschied gar nicht so groß, aber natürlich ist »auf‘m Platz entscheidend«, und da hat sich tatsächlich was getan. Dortmund ist erstaunlich agil und lauffreudig geworden, und man erkennt den Willen zum direkten Paßspiel, wenngleich das nicht immer klappt, denn wie mein Sitznachbar auf der Osttribüne mir erklärte: »Woher soll der Kringe denn das können? Hat er doch früher nie gemacht.« Mein Tip war 4:1. Nicht schlecht. Klar, das Gegentörchen hätte ich mir schenken können, dann wär ich glatt richtig gelegen, denn wie Hunter S. Thompson immer wieder gesagt hat, man darf beim Wetten auf keinen Fall auf seine Gefühle hören, die sich zweifellos bei mir eingeschlichen hatten, als ich den Frankfurtern ein Tor schenkte. Und außerdem gehört die Eintracht sowieso zu meiner Lieblingsmannschaft aus Gründen alter Verbundenheit, als auch ich ein »Zeuge Yeboahs« war und der besten Vereinsmannschaft Europas huldigte, die tragischerweise nie einen Titel kriegte, und ich bin heute noch ganz ergriffen, wenn ich an die großartigen Spiele denke, die sich der BVB und die Eintracht lieferten. An diesem Tag aber hatten die Frankfurter einen schlechten Tag erwischt, aber wenn man sieben bis acht Stammspieler ersetzen muß, ist das auch nicht allzu ungewöhnlich. Immerhin mauerten sie nicht wie Cottbus oder Bielefeld, machten aber ein paar individuelle Schnitzer und waren bei Standardsituationen unsortiert, sodaß Dortmunds Innenverteidiger Subotic und Santana drei Kopfballtreffer versenkten. Einen sagte ich sogar voraus, nicht gerade zur Freude meiner Freundin. 3:0 stand es zur Pause bereits, und auch wenn ein kleiner Junge mit Eintracht-Schal eisern optimistisch blieb und sich nicht mit dem »Wär doch sowieso nur an Punkt drin gwese« seines Alten abgeben wollte, dachte ich an die 3:0-Führung Leverkusens, die sie an die Karlsruher verschenkt hatten. Allerdings nicht besonders ernsthaft. Als es ziemlich deutlich wurde, daß nichts mehr anbrennen würde, drehten die Eintracht-Fans richtig auf. Lautstärker als die verschlafene Südtribüne, in der ich Che Guevara vermißte, brandete im Gästeblock immer wieder plötzlich und völlig grundlos Jubel auf, womit sie bei den restlichen 70000 Zuschauern erst Verwirrung, dann ungläubiges Staunen und ein »die sind ja komisch« hervorriefen. Sie skandierten einträchtig zusammen mit der Südtribüne »BVB« und sorgten erst für die Stimmung, die in dem Verein »für die ganze Familie« nicht so recht aufkommen wollte. Angesteckt von den Eintracht-Fans ließ sich auch meine Freundin die Laune nicht verhageln. »Aber krank ist es schon«, sagte sie, als wir nachts mit 200 durch das »Land der Frühaufsteher« Richtung Berlin bretterten und uns über die rot blinkenden Windräder lustig machten.