Die Wahrheit über den 11. Spieltag

Ich war in Marburg gestrandet in einem “Mittelding zwischen Wanzenstall und Abseige”, wie Chandler gesagt hätte, wenn er an meiner Stelle gewesen wäre. Meinen Mitreisenden duch die Republik Franz Dobler hatte ich in Hannover verloren. Ich war also auf mich allein gestellt, und konnte keine Unterstützung erwarten, was die Bewältigung der Bundesligaspiele in der Provinz betraf. Tags zuvor hatte mein Gastgeber in Hannover Michael Quasthoff über die 96er gelästert, und die Klage kam mir ziemlich bekannt vor. Kein Wunder, ich hatte sie von mir selber schon oft über den BVB geführt. Allein so bescheuert zu sein, Hofstätter zum Manager zu bestellen, der schon Mönchengladbach zugrunde gerichtet hat, lächerlich! Aber Forssell und Schlaudraff wären doch gute Einkäufe gewesen, wandte ich ein. Viel zu teuer, Hannover würde ja immer teure abgelegte Stars kaufen. Jan, der Wirt vom Bösen Wolf grinste. Er kannte das alles. Ihm war nichts fremd. Er hatte eine Glatze, war zwei Meter groß, früher Rocker und in der S/M-Szene, und heute betreibt er die einzige Kneipe in der Republik, in der der Raucher sich noch frei entfalten darf. Er hatte einen kleinen Raum für Nichtraucher eingerichtet. Man ist ja kein Unmensch. An diesem Abend feierten wir Triumphe. Klar, die Raucher waren uns hörig, weil wir Rauchergeschichten vortrugen. Sogar eine rote Rose wurde mir überreicht, Dankbarkeit schwappte über uns zusammen. Warum ich das alles erzähle? Weil ich hätte in Hannover bleiben sollen, denn dort wurden die Hamburger mit einem 3:0 ziemlich deutlich in ihre Schranken verwiesen. Und zwar auf so souveräne Art und Weise, die auch Michael Qasthoff gefallen hätte, der aber sowieso Barcelona-Fan ist. In Marburg trottete ich zu einem traurigen Mexikaner, bei dem man im Nebenzimmer Fußball gucken konnte. Drei Biertrinker saßen im größtmöglichen Abstand voneinander entfernt und schwiegen. Nur als Diego sein sensationelles Tor schoß, bei dem Ballannahme mit der Brust und Fallrückzieher zu einer einzigen Bewegung verschmolzen, hörte ich ein anerkennendes Brummen aus einer Ecke. Hier war der Fußball nicht zu Hause, hier war er eine Angelegenheit für Asoziale, für Sonderlinge und komische Typen wie für mich, der durch die Republik rannte, um halbwüchsigen Punkerinnen etwas über die Schönheit rauchender Hollywood-Frauen zu erzählen. Aber den anderen wird für immer die Dimension der Schönheit verborgen bleiben, die in dem Tor von Diego zum Ausdruck kam. Und in der Zeit, in der man ihn am Ball beobachten konnte, war sowieso alles um mich herum vergessen. 5:1 wurde die doofe Hertha, die nur unattraktiven Fußball zu bieten hat, abgefertigt und nach einer unendlichen Serie von Unentschieden und der bitteren Niederlage gegen Leverkusen, konnte ich förmlich das Aufatmen der Erleichterung spüren, die aus dem Norden nach Marburg schwebte. Am schönsten aber war der unbekümmerte Offensivfußball der Hoffenheimer. Okay, man muß Hopp nicht mögen. Aber welcher Präsident ist schon sonderlich sympathisch? Aber der Fußball, den Rangnicks Elf bietet, ist einfach von überirdischer und zauberhafter Schönheit. Die ist bekanntlich vergänglich, und deshalb sollte man ihn einfach genießen, solange es ihn noch gibt, denn niemand sonst in der Liga spielt mit einem so großen Torhunger. Nach 11 Spieltagen bereits 31 Tore sind absoluter Rekord für einen Aufsteiger. Und außerdem hat Hoffenheim die Mannschaft mit den schönsten Namen: Demba Ba, Obasi, Eduardo und Ibisevic sind wie ein Gedicht. Auf dem Weg zum Veranstaltungsort rief ich Horst Tomayer an und hielt ihm mit diesem Gedicht ein Ständchen zum 70. Geburtstag.