Die Wahrheit über den 22. Spieltag

Auf dem Fußballplatz sagt Fup (4,5 Jahre) zu mir: »Du bist der HSV und ich bin der BVB. Ich sagte: »Da träumst du aber von! Ich der HSV? Niemals.« Ein paar Stunden später dachte ich, man sollte nicht immer so voreilig sein. Da hatte der HSV Dortmund mit 3:0 bezwungen, und bezwungen ist das richtige Wort. Alle dachten, dass es nur eine Frage der Höhe wäre, mit der der HSV verlieren würde. Und das lag ja auch nahe nach den letzten Spielen, die der HSV abgeliefert hatte. Andererseits sagte die Statistik, dass von den letzten sechs Heimspielen der HSV fünf Spiele gegen den BVB gewonnen hatte, und außerdem weiß man nie, was passiert, wenn ein neuer Trainer kommt. Das setzt irgendwelche geheimnisvollen psychologischen Mechanismen frei, und plötzlich sieht man eine ganz andere Mannschaft, obwohl es keinen vernünftigen Grund gibt, warum eine Mannschaft vorher verzagt gespielt hat und warum auf einmal kämpferisch. Aber das alles ist gar nicht das Entscheidende. Das Entscheidende war, dass der BVB sich dem Hamburger Niveau angepasst hat. Hamburg hatte nur Einsatz und Kampfeswille zu bieten. Alles andere war unterirdisch. Jeder andere Gegner hätte den HSV zerpflückt. Dortmund hingegen schien zunächst abzuwarten, weil die Taktik des HSV darin bestand, defensiv zu stehen und ab und zu einen Konter zu setzen. Das sah zunächst sehr erbärmlich aus, aber der Einsatz und das Zweikampfverhalten setzte den Dortmundern so sehr zu, dass sie irgendwann auch nicht besser spielten. Lange Bälle statt Kombinationen, die in der Regel schon im Ansatz scheiterten, keine Struktur, schwerfälliges Spiel. Nach den zwei Siegen gegen Frankfurt glaubte man in Dortmund schon, die kleine Krise überwunden zu haben, aber mir war klar, dass das 4:0 vor einer Woche kein Maßstab war, weil die Eintracht gar nicht gewinnen wollte. Insofern war der Spielstil der Frankfurter wirklich Gift, denn er wiegte die Dortmunder Spieler in trügerische Sicherheit, bestärkt durch die sagenhaft schlechten Auftritte der Hamburger, gegen die man, wie es schien, gar nicht verlieren konnte. Mit Sicherheit hat Klopp gegen diese Einstellungen angekämpft, aber er hat die Spieler offenbar nicht erreicht. Anders ist der Dortmunder Auftritt nicht zu erklären. Und dann kommt es, wie es eben kommt, nämlich dick. Lasogga flankt umringt von Friedrich und Schmelzer blind in den Strafraum, wo Jiracek umringt von Aubameyang und Piszczek frei zum Köpfen kommt. Erste zufällige Chance und schon drin. Dann ein verlorener Zweikampf von Sahin, und Lasogga überläuft die weit aufgerückte Abwehr der Dortmunder. Und dann noch ein Freistoßtor aus 41 Metern, bei dem Wiedenfeller auch nicht wirklich gut aussieht, auch wenn sich der Ball kurz vor dem Tor wegdreht. Damit hat der BVB die Chance verpasst, den 2. Platz wieder zurückzuerobern, denn Leverkusen hat in Wolfsburg verloren, aber zumindest war Bayer die bessere Mannschaft. Und Schalke hat auch nur ein torloses Remis gegen Mainz geschafft, traf aber auf gutsortierte und taktisch gut eingestellte Mainzer. So bleibt der Kampf um die CL-Plätze spannend, auch wenn die Chancen der Dortmunder in dieser Form ziemlich gering sind, sich noch einmal zu qualifizieren. Und auch Petersburg muß schon einen sehr gebrauchten Tag haben, um gegen Dortmund nicht zu bestehen. Und vielleicht ist das wahrscheinliche Ausscheiden der Dortmunder auch gar nicht so schlecht, denn dann kann sich der BVB wieder auf die Bundesliga konzentrieren.