Der Pumuckl des Literaturbetriebs. Nachruf auf Reich-Ranicki

Aus gegebenen Anlass ein Text, der schon 1996 verfasst wurde und erschienen ist in: “Das große Rhabarbern. Neununddreißig Fallstudien über die Talkshow”, hrg. von Jürgen Roth und Klaus Bittermann.

 

Mit krächzender Fistelstimme und dem rollenden »r« als Markenzeichen, das Generationen von Kabarettisten inspiriert hat, mit rudernden Armen, verzweifelt zur Decke gerichtetem Blick und offenem Zweireiher fährt er dazwischen, wenn seine Kollegen mal wieder Murks erzählen, und gefährlich fuchtelt Pumuckl Ranicki mit ausgestrecktem Zeigefinger vor der Nase seines Gegenübers herum, wenn der nicht gleich die Klappe hält. Pumuckl beherrscht alle Tonlagen, von der einschmeichelnd-liebenswürdigen bis zur verächtlichen und herablassenden. Meckern und Mäkeln, großspuriges Hinausposaunen und -trompeten, reflektierende Vorsicht, überfallartige Attacken, Pumuckl kennt alle Schliche und Kniffe, und auf sie verzichten würde er zuallerletzt aus Höflichkeit. Er inszeniert seinen Auftritt als Show, und dabei hat er eines seinen Kritikern auf jeden Fall voraus: Er ist nicht langweilig bzw. nicht so langweilig wie seine Kritiker.
Bevor der Zuschauer dann dem zwar oftmals bizarren, aber friedlich vor sich hinplätschernden Geplapper per Knopfdruck ein Ende bereitet, greift Pumuckl Ranicki ein. Dann schiebt sich seine Hand ins Bild und auf den Arm des immer links von ihm sitzenden Hellmuth Karasek, wahrscheinlich um ihn zu kneifen, wenn er ihn unterbrechen sollte, und Pumuckl Ranicki hantiert dann mit apodiktischen Aussagen und rhetorischen Figuren, von denen das Publikum, welches hauptsächlich aus Frauen besteht, schwer beeindruckt ist, auch wenn man sich das Zeug in jeder Sendung zwei oder dreimal anhören muß und inzwi-schen schon auswendig hersagen kann: »Alles, was Sie gesagt haben, ist richtig und wahr, nur hat es mit dem Buch nichts, aber auch gar nichts zu tun.« Schön auch, wenn Hellmuth Karasek einfach mal so behauptet: »Ich behaupte jetzt mal einfach, ich habe das Buch von A bis Z mit atemloser Spannung gelesen« – wobei er da über die zweite Seite nicht hinausgekommen sein dürfte –, dann hält es Pumuckl nicht länger in seinem Sessel, und er kräht: »Das ist alles großer Blödsinn.«
Das alles hat mit Literatur nicht viel zu tun, und das ist vielleicht auch der Grund, warum das »Literarische Quartett« so beliebt ist. Lauschen wir also in eine Sendung hinein:

Reich-Ranicki: Frau Löffler, Sie sagen, das Buch stelle die Banalität des Lebens dar. Ich glaube, das ist eine treffende Beobachtung. Die Frage ist nur, muß ich Bücher lesen, die auf Hunderten von Seiten die Banalität des Lebens darstellen?
(Gelächter im Publikum.)
Löffler: Sie sagen, Sie wollen mit den Banalitäten nichts zu tun haben. Das verstehe ich sehr gut, Sie haben eine Frau, die das für Sie erledigt […].
Reich-Ranicki: Frau Löffler, ich bin nicht ganz sicher, ob Sie mein Eheleben, das die Banalitäten meines Lebens erledigt, hier ins Gespräch zerren sollten. Ich sag’ ja auch nicht, wie’s in Ihrem Eheleben aussieht …
Karasek: Um Gottes willen, wo kämen wir denn da hin!
Reich-Ranicki: … und wer sich da mit den Banalitäten beschäftigt.
Karasek: Jetzt kehren wir doch zur Literatur zurück!
Reich-Ranicki: Nein, ich kehre dahin zurück, wohin ich will, Herr Karasek.
Karasek: Ja, aber nicht in das Eheleben von Frau Löffler.

Hier gibt es ihn also noch, den guten alten Geschlechterkampf der siebziger und achtziger Jahre, der aus der gesellschaftlichen Diskussion seither verschwunden ist, und irgendwie ist es rührend, daß man ihn ausgerechnet bei Ranicki wieder trifft, der zwar ein Konservativer bis auf die Knochen sein mag, aber ganz und gar recht hat, wenn er der Löffler derart über den Mund fährt, denn er braucht sich schnippische Anspielungen auf sein Privatleben nicht gefallen zu lassen. Und dennoch kommt durch den beckmesserischen und rechthaberischen Tonfall, den sich kein Talkmaster sonst leisten könnte, zum Vorschein, was Reich-Ranicki auch und schon immer gewesen ist, »Staatsanwalt« und »Verkehrspolizist« (MRR über sich selbst), die quasi in Amtshilfe als Bewährungshelfer darüber wachen, »daß ›meine Patienten und Schützlinge‹, die Autoren, keine Dummheiten machen und nicht wieder straffällig werden durch Mangel an ›Niveau‹, ›Format‹ oder ›Geisteshaltung‹, andernfalls er ihnen leider den Totenschein ausstellen muß.« Oder, um noch ein paar schöne Stellen aus einer Kritik von Christian Schulz-Gerstein im Spiegel aus dem Jahr 1978 zu zitieren: MRR als Mann, dessen Literaturkritik an den Deutschunterricht erinnert, »in dem es noch als Schwäche galt, Goethes Todesdatum nicht zu wissen«, der »mit dieser Offiziers-Kasino-Bildung des – 333 – bei Issos Keilerei – immer irgendeinen Ritterkreuzträger des Geistes« zitiert, ein Mann mit »rhetorischen Rausschmeißer-Gebärden«, der sich dennoch »derart mustergültig ins Bestehende fügt, daß er, saubere Fingernägel und die ökonomische Macht eines auflagenstarken Blattes hinter sich zu haben, schon für eine intellektuelle Leistung hält?«
Auf der anderen Seite hat er sich verdienstvollerweise über solche trüben Tassen wie Martin Walser (»unbedarft und primitiv«) und Peter Härtling (»dürftig und billig«) lustig gemacht? Nicht hoch genug ist es Reich-Ranicki außerdem anzurechnen, daß er eines der besten Bücher über Auschwitz, “weiter leben” von Ruth Klüger, und auch das hervorragende Lügen in Zeiten des Krieges von Louis Begley mit Engelszungen gepriesen hat, wofür man ihm Fehlurteile gerne nachsieht.