Die Wahrheit über den 6. Spieltag

Nach dem sensationellen Spiel in Neapel, in dem alles schief ging, was schief gehen konnte, war mir klar, daß beim Club schwerlich etwas zu holen sein würde, und zwar auch deshalb, weil Nürnberg noch kein Spiel hatte gewinnen können und Trainer Wiesingers Weiterbeschäftigung davon abhing, wie die Mannschaft auftreten würde. Und prompt lieferte sie ihr bestes Spiel des Saison ab. Und Klopp hatte angesichts des bevorstehenden Pokalspiels in ein paar Tagen bei 1860 München, bei dem er nicht vorzeitig ausscheiden will, in großem Stil rotiert. Mit Duksch im Sturm und Durm auf der rechten Außenseite, d.h. ohne Lewandowski, ohne Sahin, ohne Mkhitaryan und ohne Hummels, der in Neapel verletzt vom Platz mußte, und als zur Pause auch noch Schmelzer und Reuss ausfielen, wurde die Mannschaft noch mehr durcheinandergewürfelt. Dortmund hat zwar viele Spieler, die flexibel einsetzbar sind und auf mehreren Positionen spielen können, aber wenn so gut wie alle Leistungsträger ausfallen, denn Gündogan und Kehl fehlen verletzt, dann läßt sich das kaum mehr kompensieren. Dennoch wollten die Dortmunder in der Schlußphase unbedingt noch das entscheidende Tor erzwingen und zauberten sich durch die dicht gestaffelte Nürnberger Abwehr, aber ausgerechnet der verläßlichste Torschütze der letzten Saison Lewandowski scheiterte an dem ziemlich gut aufgelegten Schäfer. Aber auch die Nürnberger hatten noch eine Riesenchance in der letzten Minute, die aus einem wenig schönen Tag einen ganz miesen hätte machen können. Und insofern war die Punkteteilung nicht völlig ungerecht, auch wenn der Ausgleich der Nürnberger gleich durch zwei Regelverstöße zustande kam. Zuerst stand Nilsson im Abseits und dann legte er sich den Ball auch noch mit der Hand vor. Aber auch das Dortmunder Freistoßtor durch Schmelzer kam durch einen ungerechtfertigten Pfiff des Schiedsrichters zustande. Das Spiel aber hatte wieder hohen Unterhaltungswert und war spannend bis zum Schluß, und mehr kann man von einer Mannschaft schließlich nicht erwarten. Langweilige Spiele habe ich in meinem Leben schon mehr als genug gesehen. Aber all das interessierte nur am Rande, denn die Journalisten hatten nur Augen für Jürgen Klopp. Er stand unter permanenter Beobachtung, weil er in Neapel so ausgerastet war und mit fürchterlich verzerrtem Gesicht auf den 4. Offiziellen einteufelte. Das Unangenehmste dabei aber war, daß er das Mitgefühl von Kahn hatte, der ihn grinsend als Bruder im Geiste vereinnahmen wollte und meinte, er würde ihn gut verstehen, weil er aus dem gleichen Grund die Presse gegen sich gehabt habe. Aber im Unterschied zu Kahn, der sein Schreckensgesicht systematisch zeigte wegen des sog. »Siegergens« und dann auch Spieler darunter zu leiden hatten, die ihm zufällig in die Quere kamen, hatte Klopp zumindest einen Grund, auf den Schiedsrichter an der Außenlinie sauer zu sein. Klopp hatte sich wie schon vorher angekündigt diesmal besser im Griff und teilte der Presse mit, sie könne noch so lange über seine entgleißten Gesichtszüge schreiben wie sie wolle, er habe alles dazu gesagt. Und der HSV machte im Nordderby gegen Werder wieder keine gute Figur. Nur der Interimstrainer Cardoso und sein Stellvertreter, der ehemalige Dortmunder Otto Addo, sahen verdammt gut aus. Und die Schalker zeigten zu Hause gegen Bayern, was sie wirklich drauf haben. Wie das 4:0 zeigte, nicht sehr viel.